Weihnachtsbotschaft Für die Stadt, den Erdkreis und den Nahen Osten

Premiere auf dem Petersplatz: Zum ersten Mal hat Papst Benedikt XVI. den Segen "Urbi et Orbi" gespendet. In ihren Weihnachtspredigten wandten sich Kirchenhäupter in aller Welt gegen Krieg, Armut, Umweltverschmutzung, Abtreibung und Folter - und beteten für Frieden im Nahen Osten.


Rom/Betlehem/Köln - Benedikt XVI. rief in seiner Weihnachtsbotschaft in Rom zu einer "neuen Weltordnung" des Friedens und der Gerechtigkeit auf. Die christliche Botschaft der Nächstenliebe könne dem Menschen die Kraft geben, sich "für den Aufbau einer neuen Weltordnung einzusetzen, die auf gerechte ethische und wirtschaftliche Beziehungen gegründet ist", sagte er heute vor Zehntausenden Menschen auf dem Petersplatz.


Der Papst forderte Schutz für alle diejenigen, die unter der "tragischen humanitären Krise" im sudanesischen Darfur litten. Anschließend erteilte er den traditionellen Segen "Urbi et Orbi", für die Stadt und den Erdkreis.

Ausdrücklich verwies der Kirchenführer neben der "beschämenden Armut" auch auf den Terrorismus, die zunehmende Rüstung in der Welt sowie auf die Bedrohung durch Umweltverschmutzung und Seuchen. Die Weihnachtsbotschaft wurde vom Fernsehen in über 70 Länder übertragen. Zugleich sprach der deutsche Papst Joseph Ratzinger die Lage im Irak und im Nahen Osten sowie die "Bruderkriege" und ungelösten politischen Probleme in Afrika, Lateinamerika und Ostasien an. Wer der christlichen Botschaft folge, setze sich für Dialog und Versöhnung ein.

Bei der Mitternachtsmesse, seiner ersten Weihnachtspredigt als Papst, hatte Ratzinger zuvor bereits seiner Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten Ausdruck verliehen. Zugleich sprach Benedikt ein besonderes Gebet für die Kinder in aller Welt - auch die ungeborenen. Beobachter werteten dies als deutlichen Hinweis auf den ungebrochenen Widerstand der katholischen Kirche gegen Abtreibungen.

Mit Bezug auf das Kind in der Krippe sagte der Papst: "Über jedem Kind steht etwas vom Strahl dieses Heute, von der göttlichen Nähe, die wir lieben und der wir uns beugen sollen - über jedem Kind, auch über dem ungeborenen." Anschließend ging Benedikt XVI. auf die Lage im Nahen Osten ein: "In dieser Nacht, in der wir auf Betlehem schauen, wollen wir aber auch ganz besonders für den Geburtsort des Erlösers beten und für die Menschen, die dort leben und leiden. Wir wollen beten um Frieden im Heiligen Land: Herr, schau auf diesen Fleck Erde hin, der Dir so lieb ist als Deine menschliche Heimat. Lass dort Dein Licht aufleuchten. Lass dort Friede werden."

Patriarch verurteilt gezielte Tötung von Extremisten

Bei der Mitternachtsmesse in der Geburtskirche von Bethlehem rief der lateinische Patriarch von Jerusalem, Michel Sabbah, Israel und die Palästinenser zur Beendigung jeglicher Gewalt auf. Beide Seiten sollten die Vergangenheit hinter sich lassen und Platz für den Beginn einer neuen Zukunft machen, sagte der Patriarch in der Nacht vor Tausenden Gläubigen und Touristen in der Stadt, wo nach biblischer Überlieferung Jesus Christus geboren wurde.

Dabei verurteilte Sabbah, der selbst Palästinenser ist, die israelische Praxis der gezielten Tötung von Extremisten. Maßnahmen dieser Art hätten weder die Sicherheitslage verbessert noch die Spirale der Gewalt aufgehalten. Zurzeit bestehe jedoch Hoffnung auf neue Realität im Nahen Osten. Diese Situation könnten "Politiker mit guten und ehrlichen Absichten" zum Segen der Menschen nutzen.

An den Feierlichkeiten, zu denen rund 30.000 Menschen nach Betlehem geströmt waren, nahm auch der palästinensische Präsident Mahmud Abbas teil. Es war die größte Menschenansammlung in der Stadt im Westjordanland seit Beginn des Palästinenseraufstands vor gut sechs Jahren. In der ersten Zeit danach kamen zu Weihnachten höchstens einige hundert Besucher, im vergangenen Jahr waren es rund 10.000. Abbas' Vorgänger Jassir Arafat war die Teilnahme verweigert worden.

Predigten gegen Kapitalinteressen und Materialismus

In Deutschland haben die Kirchen an Weihnachten zu Solidarität mit den Armen und Schwachen in aller Welt aufgerufen. Insbesondere an Weihnachten sollten Christen auf die Menschen und nicht zuletzt die Kinder blicken, die unter Hunger und Gewalt litten, sagte der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, in seiner Weihnachtspredigt im Hohen Dom zu Mainz laut Redetext. Die evangelische Kirche verwies auf die steigende Armutsgefahr auch hierzulande und sprach den Menschen Mut zu.

Der Mainzer Erzbischof sagte, Weihnachten mache deutlich, dass das Wort Gottes unter uns ein konkreter Mensch geworden und nicht ein Märchen oder eine wirklichkeitsfremde Vision sei. "Darum ist unsere Freude vollkommen, an ihr muss darum auch unsere Liebe zu Gott und zum Nächsten wachsen", sagte der Kardinal. Gott sei an Weihnachten in unsere Welt gekommen und teile unser Menschsein, bis in das Erleiden von Gewalt und bis in den Tod. "Darum können wir auch immer wieder die Würde des Menschen in allen Gebrochenheiten, ja Verletzungen der menschlichen Existenz entdecken", sagte Lehmann.

Auch der Münchner Erzbischof Kardinal Friedrich Wetter rief zu mehr Mitmenschlichkeit auf. Die Weihnachtsbotschaft sei eine Einladung zur aktiven Nächstenliebe, betonte Wetter laut Redetext in der Münchner Liebfrauenkirche.

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, sprach an Heiligabend in Berlin Arbeitslosen Mut zu: "Alle Menschen, von deren Arbeitsplätzen es gerade in diesen Tagen wieder heißt, sie stünden einer Steigerung der Rendite im Wege, gilt die Hoffnung, dass Menschen, die zur Solidarität bei großen Katastrophen bereit sind, solche Solidarität auch bei den kleineren Katastrophen aufbringen", so Huber.

Er rief Menschen in wirtschaftlicher Verantwortung auf, ihr Handeln nicht nur von der Treue zu dem ihnen anvertrauten Kapital, sondern auch zu den ihnen anvertrauten Menschen bestimmen zu lassen. Der EKD-Ratsvorsitzende betonte bei den Christvespern im Berliner Dom und in der Marienkirche, Weihnachten sei die Botschaft, die zeige, dass ein neuer Anfang gelinge. An der Krippe von Betlehem fänden die "von Katastrophen Heimgesuchten, die von Gewalt Geängstigten, die vom sozialen Abstieg Bedrohten" ihren Ort. Auch der Trierer Bischof Reinhard Marx warnte in seiner Weihnachtspredigt vor einer Übermacht der Kapitalinteressen gegenüber den Menschen.

Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner beklagte den Materialismus und Egoismus in der heutigen Gesellschaft. "Über unsere Welt scheint eine neue Eiszeit hereinzubrechen", sagte Meisner in seiner Predigt zur Christmette im Kölner Dom laut Redetext. "Der pure Materialismus und Egoismus lässt die Herzen der Menschen und Völker erstarren." Der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, wandte sich in seiner Predigt in Düsseldorf gegen Folter, Ausbeutung und die anti-israelischen Hetztiraden des iranischen Präsidenten.



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