Weimar Tote Frau lag tagelang unbemerkt auf Klinik-Klo

Seit gut einer Woche wurde sie vermisst, jetzt hat ein Wachmann den Leichnam einer jungen Frau in einem WC-Raum einer Weimarer Klinik aufgefunden. Die 20-Jährige war in dem Hospital stationär in psychiatrischer Behandlung. Unklar ist, warum die Tote nicht früher entdeckt wurde.

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Hamburg - In der Nacht zu Dienstag machte der Wachmann den grausigen Fund auf der Behindertentoilette des Weimarer Sophien- und Hufelandklinikums: Er entdeckte in den Sanitärräumen die Leiche der jungen Frau. Wie lange sie zu jenem Zeitpunkt bereits tot dort gelegen hat, darüber kann man gegenwärtig nur spekulieren.

Fest steht: Bei der Frau handelt es sich nach Aussage des Klinikgeschäftsführers Hubertus Jaeger um eine Patientin der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie. Die 20-Jährige war in der Vergangenheit immer wieder im Sophien- und Hufelandklinikum behandelt worden - zuletzt hatte man sie im Oktober dort aufgenommen.

In einem Vertrag war gemeinsam mit den Ärzten ein Plan entwickelt worden, der es der jungen Frau ermöglichte, das 600-Betten-Krankenhaus für kurze Zeiträume zu verlassen. Nach einem Ausgang am 22. Dezember kehrte sie allerdings nicht in die Einrichtung zurück.

Als sich die Patientin nicht wie sonst üblich bei den Schwestern meldet und aus einer Abwesenheitsliste austrägt, verständigen die Mitarbeiter des Klinikums die Polizei und geben eine Vermisstenanzeige auf.

Warum wurde die Toilette tagelang nicht kontrolliert?

Eine spätere Durchsuchung des Gebäudes durch die Polizei bleibt nach Angaben des Klinikleiters Jäger erfolglos. Erst in der Nacht zu Dienstag macht ein Wachmann dann die furchtbare Entdeckung. Auf einer Toilette in einem sogenannten Funktionsgebäude, in dem sich vorwiegend Untersuchungszimmer und auch die Notfallambulanz befinden, findet der Mann die Leiche der jungen Frau.

Warum er sich in der Nacht dort aufhielt - auch das ist eine der vielen offenen Fragen. Denn vornehmlich sind die Wachleute laut dem Klinikleiter für den äußeren Objektschutz verantwortlich.

"Wir müssen untersuchen, was falsch- und schiefgelaufen ist", so Jaeger. Dazu gehört auch, herauszufinden, wie die Frau unbemerkt in die Klinik zurückgelangen konnte, da sich die Patienten sowohl beim Verlassen der Klinik als auch bei der Rückkehr in die Liste eintragen müssen.

Der Klinikleiter geht davon aus, dass die Frau nicht schon seit ihrem Verschwinden am 22. Dezember auf der Toilette lag - sicher wissen kann er es nicht. Die Vermutung gründet sich auf die Durchsuchung der Polizei: Nach dem Verschwinden der Frau durchkämmten die Beamten die Räume - sie hätten, so ist anzunehmen, auf die Frauenleiche aufmerksam werden müssen. Vielleicht aber kehrte die 20-Jährige auch erst später in das Krankenhaus zurück.

Sonderregelung für die Feiertage

Anette Schmitt, Sprecherin der Erfurter Staatsanwaltschaft, sagte SPIEGEL ONLINE, der Wachmann habe die Behindertentoilette zuletzt in der Nacht zum 25. Dezember kontrolliert. In der Nacht zum 27. Dezember habe ein anderer Wachmann die WC-Tür bei der Kontrolle verschlossen vorgefunden, sie aber nicht geöffnet. Demnach befand sich die 20-Jährige frühestens seit dem ersten Weihnachtstag dort.

Fest steht: An Wochentagen ist das Putzpersonal angewiesen, die Toilette mindestens einmal täglich zu inspizieren und zu reinigen. "An Feiertagen ist dies nicht der Fall, wir können nur vermuten, dass dies dazu beigetragen hat, dass die Frau erst jetzt gefunden wurde", sagte Jaeger SPIEGEL ONLINE.

Ob ein Mitglied der Reinigungskolonne bemerkte, dass die Toilette verschlossen war, sich jedoch nicht weiter darum kümmerte - oder der Flur aber über die Weihnachtsfeiertage völlig ausgespart worden ist, kann derzeit niemand sagen.

Die Kriminalpolizei geht derzeit nicht von einem gewaltsamen Tod aus, sagte Staatsanwältin Schmitt. "Die Frau weist keine äußeren Verletzungen auf und auch eine plötzliche Erkrankung wie ein Herzinfarkt oder ein Hirnschlag können ausgeschlossen werden." Die Staatsanwaltschaft vermutet nach einer ersten Obduktion, dass die Patientin an einer Alkoholvergiftung gestorben ist. Neben der Leiche fand man zudem eine Flasche Wodka und eine Flasche Doppelkorn - je zu drei Vierteln geleert.

Ob die Frau möglicherweise zusätzlich Medikamente eingenommen hat, können die rechtsmedizinischen Untersuchungen erst in rund einer Woche klären, so Schmitt.

"Für uns alle und vor allem für die Eltern der jungen Frau ist die Situation sehr schlimm", sagte Jaeger. "Aber die Psychiatrie bewegt sich immer auf dem schmalen Grat zwischen der Einhaltung der Menschenrechte und Wegschließen der Menschen - das heute Gott sei Dank nicht mehr praktiziert wird."



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