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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE Weinberg, Weinberg über alles

Warum ein Totengedenken in Bayern die rechte Szene anlockt
aus DER SPIEGEL 22/2007

Das sei eigentlich immer eine sehr schöne Veranstaltung dort oben auf dem Weinberg, sagt der Pfarrer. Man feiere einen Gottesdienst im Freien, idyllisch unter alten Kastanien, man habe einen herrlichen Blick über den Schliersee.

Der Pfarrer spricht über eine Gedenkfeier, die von der Landsmannschaft der Oberschlesier ausgerichtet wird. Einmal im Jahr erinnert sich diese Landsmannschaft am Hausberg von Schliersee ihrer 52 Helden, die im heutigen Polen, am Annaberg, 1921 im Kampf um Oberschlesien gefallen sind. Diesen Gedenktag feiert sie zusammen mit der »Kameradschaft Freikorps und Bund Oberland«.

Pfarrer Alfred Giglberger sitzt unten am See, im Pfarramt seiner Gemeinde St. Sixtus, tief eingesunken in einen Sessel, die Orchideen auf dem Fensterbrett versperren ihm den Blick hinaus. Giglberger ist 67 Jahre alt, hat braune Haut, graue Haare, er trägt einen grauen Anzug. Er wirkt ein bisschen betrübt, in wenigen Tagen wird es wieder so weit sein. Er sorge sich, sagt er.

Ganz leicht segeln seine Sätze durch den Raum, es sind Sätze voller Unschuld. Seit über 80 Jahren würden sie einmal im Jahr, immer Ende Mai, ihren Feldaltar aufbauen, Trachten tragen, Kränze niederlegen, Fahnen hissen, »immer friedlich«. Er habe den Oberschlesiern für ihre Eucharistiefeier immer den Kelch und eine Hostienschale überlassen. Und seit über 80 Jahren sängen sie zum Schluss alle zusammen das Deutschlandlied.

Und zwar alle drei Strophen.

Manchmal war auch Heinrich Himmlers Tochter dabei.

Aber es war immer alles schön, sagt der Pfarrer. Es war immer ein besonderer Tag am Schliersee. Niemand hat sich beschwert, nicht mal die Leute aus dem Ort.

Das Totengedenken hatte eine eigene Tradition und der Pfarrer einen vollen Kirchhof.

Alfred Giglberger holt einen Zeitungsartikel hervor, er ist schon ein paar Wochen alt, darin lädt das »Bündnis gegen rechtsextreme Umtriebe im Oberland« die Leute aus dem Ort in den Gasthof zum Prinzenweg ein. Das Bündnis, zu dem Gewerkschaftsmitglieder gehören und Vertreter der Linkspartei, wollte die Schlierseer informieren. Denn das Trachtenfest sei immer weniger das der Oberschlesier und immer mehr das von Nazis. Es sei wichtig, zwischen der Landsmannschaft und der »Kameradschaft Freikorps und Bund Oberland« zu unterscheiden; der Vorgänger der Kameradschaft, der »Bund Oberland«, sei vor dem Zweiten Weltkrieg in der SA aufgegangen, sei ein »Mörderverein«.

Mit der schönen Ruhe in Schliersee war es jetzt vorbei.

Der Pfarrer musste handeln. Er schrieb eine Mitteilung, die er ins Internet stellte. Darin schrieb er viel über Papst Johannes Paul II., über Versöhnung, er schrieb, dass der Pfarrgemeinderat ganz eindeutig auf Distanz gehe zu allen Personen und Gruppierungen, die versuchen, das Totengedenken ideologisch zu instrumentalisieren und ihm »eine rechtsradikale Ausrichtung zu geben«.

Zeitungen berichteten. Der Pfarrer macht den Eindruck, als sei er stolz darauf.

Das Bündnis kündigte eine Gegenveranstaltung an, eine Demonstration. Und dann wurde beschlossen, dass das Totengedenken ausfallen muss, das erste Mal.

Am Sonntag, an dem das Fest eigentlich gefeiert werden sollte, ist der Ort voll mit Polizisten, die Veranstaltung, die ausfallen sollte, fängt gerade an.

Die meisten sind trotzdem gekommen, Oberschlesier, die Kameraden, die von dem Bündnis, die mahnen, man müsse unterscheiden, zwischen den Guten und den Bösen, aber das ist schwer.

Die Oberschlesier tragen Trachten oder auch nicht, die Kameraden tragen Trachten oder auch nicht. Und wenn man sie fragt, zu welcher der Gruppen sie gehören, sagen manche: zu beiden.

Alles verschwimmt.

Eine Frau tritt in Erscheinung, sie trägt keine Tracht, aber ist Mitglied der Kameradschaft, und wenn sie sich vorstellt, dann sagt sie: »Werlberger, NPD München«.

Alles hängt mit allem zusammen.

Frau Werlberger hat ein paar Jungs mitgebracht. Sie sagt, es gebe hier immer mehr junge Leute, was erfreulich sei. Die einen tragen New-Balance-Turnschuhe, ein Markenzeichen von Neonazis, die anderen Holzfällerhemden, Hüte mit Federschmuck, Gitarren, die mit einer Kordel befestigt auf ihrem Rücken liegen.

»Die machen alles kaputt«, sagt einer der Jungs, als er sieht, dass die Demonstranten den Berg hochkommen, Transparente tragen, »Haut ab!« rufen.

Es ist ziemlich was los am Weinberg, obwohl eigentlich etwas ausfallen sollte.

Auf den Bänken, seitlich, mit Blick auf den See, sitzen die alten Oberschlesier. Sie sehen traurig in die Ferne. Sie sagen, das alles täte sehr weh. Es sei immer eine so schöne Feier gewesen, immer sei alles gutgegangen und jetzt das, Polizeikommandos und kein Deutschlandlied mehr.

Der Pfarrer bleibt an diesem Sonntag im Ort. Das erste Mal seit zehn Jahren ist er nicht oben gewesen. Er sagt, er habe sich früher schon manchmal gewundert über die drei Strophen. Aber er habe nichts gesagt. Er wollte keinen Ärger. BARBARA HARDINGHAUS

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