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NEONAZIS Weiß, deutsch, schwach

Wie lassen sich Rechtsradikale bekehren? Den »Glatzen« geht es um die Geborgenheit in der Gruppe - ein Polizist in Schwäbisch Hall hört zu und führt sie aus der rechten Ecke.
aus DER SPIEGEL 19/2001

Es begann mit einer Einkaufstour nach Nürnberg. Zusammen mit ihren neuen, glatzköpfigen Freunden war Ulrike hingefahren, und als sie vor dem Schaufenster des »Underground« stand, war sie fasziniert von den Uniformen dieser Armee. Sie kaufte Lonsdale-T-Shirts für 40 Mark, eine Bomberjacke für 120 Mark und alles, was sie sonst noch so brauchte: Doc-Martens-Stiefel, »Skingirl«-Aufnäher, Harrington-Stoffjacke.

Nun war sie eine von ihnen. Nun war sie weiß, deutsch und stark.

Wenn sie in Schwäbisch Hall auf die Straße trat, wechselten die Menschen auf die andere Seite. Wenn ihre Mutter fragte, warum sie das alles tue, schrie Ulrike** »Halt den Mund!«, und die Mutter war still. Und wenn irgendjemand den Mut hatte, »Scheiß-Nazis« zu rufen, dann knallte es.

Zuerst schlugen sie mit der flachen Hand zu, aber danach brannte die Haut. Also besser mit der Faust. Oder gleich mit den Stiefeln. Die hatten Stahlkappen, »reinstiefeln« nannten sie das dann. »Wir Weiber waren schlimmer unterwegs als die Kerle«, sagt Ulrike, und »wenn es jedes

Mal eine Anzeige gegeben hätte, säße ich heute noch im Knast.«

Es war ein neues Gefühl, stark zu sein; eine ganze Armee marschieren zu lassen, wenn sie nur ein wenig Hilfe brauchte.

»Wir sind aufgestanden und haben uns nichts gefallen lassen«, sagt Ulrike, und »wenn es Herrn Wallisch nicht gegeben hätte, wäre ich heute noch dabei.«

Es ist eine ziemlich schwierige Aufgabe, Neonazis zu bekehren. Manchmal, das zeigen nicht nur die so genannten national befreiten Zonen im Osten, ist es eine Aufgabe, der inzwischen niemand mehr gewachsen zu sein scheint. Schulleiter, so war es in Schwäbisch Hall, lassen Hakenkreuze übermalen und beten, dass es bis zum nächsten Hakenkreuz ein paar Monate dauern möge; Sozialarbeiter kümmern sich um Drogenabhängige; Eltern sagen: »Nazis gibt es hier nicht«; und die Polizei kommt, verhört und verschwindet wieder.

Innenminister Otto Schily hat ein Zeugenschutzprogramm eingerichtet. Es gibt private Aussteiger-Initiativen wie »Exit«. Mehrere Bundesländer und der Verfassungsschutz (siehe Kasten Seite 170) haben Telefonleitungen geschaltet, um Neonazis aus der Szene zu locken. Es ist bloß so, dass Leute wie der baden-württembergische Landespolizeipräsident Erwin Hetger einige Zweifel haben, »was das Drähteglühen anbelangt«.

»Betroffene und ihre Eltern brauchen jemanden in der Nähe«, sagt Ulrikes Mutter. Erfolg hätten am Ende nur die, die versuchten, »die Rechtsextremisten dort zu erreichen, wo sie sind«, sagt der Polizeipräsident.

Der Polizist Erich Wallisch, 47, kennt die Tankstellen, wo sich die Glatzen treffen. Er kennt den Herimouthsaal im Nachbarkreis Hohenlohe, wo die Kampftrinker Landser und Sturmwehr hören. Und ihre Wohnungen, versifft und voller Brandlöcher, kennt er sowieso. »Schau dich um«, sagt er, wenn er Hausbesuche bei seinen Nazis macht, »ich dachte, du bist ein Deutscher, und Deutsche sind sauber. Im Dritten Reich hätten sie dich geholt.«

»Sieht ja keiner«, sagen die Nazis meistens, aber natürlich schämen sie sich doch.

Wallisch lässt dann die Nummer seines Mobiltelefons da. Und irgendwann rufen sie an. »Was macht die Szene?«, fragt der Polizist. »Wächst und gedeiht«, sagen die Nazis. So plaudern sie, und ziemlich beiläufig erfährt Wallisch, welche Gruppe warum wen vermöbelt hat oder wann wen vermöbeln will. Noch beiläufiger legt er seine Fallen. »Sag mal«, fragt er, »wie hat dir denn gestern die Pizza geschmeckt?« »Hm.« »War vom Italiener oder?«

Und so scheint es, nachdem Ernst Wallisch eine Weile geredet hat, gar keine besonders schwierige Aufgabe mehr zu sein, Neonazis zu bekehren - wenn man sich nur die Hände schmutzig macht. Wenn man hinaus geht aus dem Büro und nicht bloß dort sitzt und auf reuige Rechtsradikale wartet.

Schwäbisch Hall ist eine verträumte Kreisstadt zwischen Heilbronn und Nürnberg, 36 000 Einwohner, 7200 Straftaten pro Jahr, 69 Prozent Aufklärungsquote. Es gibt nicht viel hier, nur ein paar Hügel und die Bausparkasse. Schwäbisch Hall ist so rechts oder so normal wie jede andere deutsche Kleinstadt: 6,5 Prozent holten die Republikaner bei der Landtagswahl und 0,3 Prozent die NPD.

Schwäbisch Hall ist eben eine dieser ganz normalen Städte, wo vergangenes Jahr elf Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof mit Hakenkreuzen besprüht wurden; wo die Täter herkommen, die ein Asylbewerberheim in Waiblingen angesteckt haben; wo ein paar Betrunkene auf einem Campingplatz eine Familie überfielen und als »Judenfreunde« beschimpften.

Es gibt fünf Ku-Klux-Klan-Männer und natürlich die Jungen Nationaldemokraten in Schwäbisch Hall. Insgesamt, sagt Edgar Seitz, 51, Leiter der Kriminalpolizei, würden seine Leute hier rund 50 Rechtsradikale beobachten. Neun, sagt Hauptkommissar Wallisch, habe er in den vergangenen zwölf Monaten zum Ausstieg bewegen können; »drei oder vier sind gerade im Schwange«.

Erich Wallisch sitzt in Zimmer 218 der Polizeiinspektion 1 von Schwäbisch Hall, vor sich das Handy, mit dem er »Tag und Nacht«, so hat er''s seinen Nazis versprochen, erreichbar sein muss, und hinter sich die üblichen Büro-Lachnummern. Ein Hitler-Hampelmann zum Ausschneiden hängt da, ein Michael Schumacher mit Nazi-Bärtchen aus dem Internet, außerdem so ein Spruch zwischen Witz und Wahrheit: »Beamte sind wie Spermien. Nur einer von einer Million erreicht sein Ziel.«

Die Glatzen, sagt der Hauptkommissar dann, seien mit den üblichen Strategien nicht zu erreichen. Reine Repression führe zu nichts; »dann schließt sich die Gruppe nur enger zusammen«. Kumpelige Kuschelei bringe auch nicht mehr; »wenn ich Jobs anbiete und sie in ein Netz fallen können, verändere ich nichts«, und außerdem gehe es hier noch immer um Straftaten.

Das Zauberwort heißt »Respekt«.

Respekt schließt Strafverfolgung ein, aber zugleich die Möglichkeit, einen Haftbefehl ausstellen zu lassen und den Nazi dann mit der Aussetzung dieses Haftbefehls zu ködern. Respekt heißt, dass Wallisch mit Arbeitgebern, Eltern, Lehrern und vor allem den Glatzköpfen selbst spricht. Respekt bedeutet, dass er mit den Banden von Schwäbisch Hall deren Schulhofkonflikte aufarbeitet. Der einstige Skinhead Markus etwa ist einer, den der Polizist so an die Hand nahm.

Markus sagt, er habe halt »ein loses Maul«, und darum »gab''s immer wieder auf die Goschn«. Abends, wenn sich die Jugend von Schwäbisch Hall zum Tanzen traf, deutsche und ausländische Gruppen so strikt getrennt wie überall in der Republik, verhauten ihn die Türken, und immer war er allein - bis ihm diese drei Glatzen zu Hilfe kamen.

»Von da an habe ich mein Bier mit denen getrunken, die auf meiner Seite waren«, sagt Markus, und wenig später sah er aus wie sie. Ein Mitläufer wie die meisten Skins. Kennt keine Zahlen und keine Programme, rennt halt in die Richtung, in die die anderen rennen. Man müsste nur genügend von ihnen wieder einfangen.

Was Wallisch, ein ziemlich ruhiger Mann mit grauem Vollbart, Jeans und rundlicher Brille, Markus bieten konnte, war nicht viel mehr als Gespräche: »Willst du deine Arbeit verlieren? Ins Gefängnis? Wohin gehörst du?« Das reichte, aber wer redet schon mit einem Skinhead?

Man gehört nirgendwohin, wenn man weg will von dieser Szene, und genau das ist das Problem. Die Bomberjacke steht für den Sieg; mit der Bomberjacke gewinnen Feiglinge die Dominanz an der Bushaltestelle. Will einer raus aus dem braunen Sumpf, wartet keiner mit offenen Armen - und die alten Freunde sind die neuen Feinde.

Die NPD kontert mit Telefonterror und schickt auch mal Schlägertrupps; der Ku-Klux-Klan legt ganz wie in Amerikas Südstaaten Abtrünnigen tote Katzen auf die Fußmatten. Als Markus aussteigen wollte, ging Wallisch mit, und dazu gehörte auch die Ansprache an die Nazis: »Markus meldet mir alles. Wenn ihm etwas passiert, gibt es sofort eine Anzeige.«

Der Kriminalbeamte Wallisch war früher mal Bauzeichner. Er wollte Architekt werden, aber um an der Bundeswehr vorbeizukommen, meldete er sich bei der Polizei, und dort blieb er hängen, zuerst als Drogenfahnder, dann als Staatsschützer, und seit fünf Jahren kümmert er sich nun um die Rechten. Alles weiß er über seine Szene, denn selbst die, die noch nicht raus wollen, rufen ihn an und erzählen. Wallisch ist sicherlich keiner dieser Polizisten, die Anzeigen und Strafzettel zählen, um befördert zu werden. Kein einfacher Mensch und auch kein Freund der Vorgesetzten, meint ein Kollege, aber ein Überzeugungstäter mit 600 Überstunden.

»Wir wussten nicht mehr weiter«, sagt die Mutter der Aussteigerin Ulrike.

»Wir brauchten ganz einfach irgendwen, der sich auskannte«, so ihr Vater.

Den ersten Verdacht hatte die Mutter, als sie mit Ulrike auf dem Volksfest war. Klar, das Mädel sah anders aus als früher, redete kaum, lachte selten, aber eine Rechtsradikale? »Nazis gab es im Fernsehen«, sagt die Mutter. Und nun hatte Ulrike plötzlich diese Doc-Martens-Stiefel mit den weißen Schnürsenkeln - 14-Loch, 199 Mark -, die für reine deutsche Ehre stehen. Und als sie durstig wurde, zeigte die naive Mutter auf den Stand eines Türken.

»Dahin kann ich nicht«, sagte Ulrike.

»Es war schrecklich«, äußert die Mutter, »weißt du noch?«

»Nö«, sagt Ulrike und nippt an ihrer Cola.

Ulrike, damals 18, wechselte den Freundeskreis. Sie ging mit den Glatzen tanzen, und dort bekam sie die CDs von Landser und den Böhsen Onkelz. Ihr Azubi-Gehalt gab sie für die Uniform ihrer Armee aus. Politik war zweitrangig: Ja, die Ausländer sollten raus, es waren zu viele, aber vor allem ging es um Gewalt und ums Saufen. »Der Jackie« Daniels war immer dabei, manchmal Jägermeister oder Ouzo, und am besten waren Jack Daniels, Jägermeister und Ouzo zusammen.

»Es war eine gute Zeit«, sagt Ulrike heute, doch dann meint sie: »Ich bin froh, dass es vorbei ist.« Zusammenhalt eben, aber ein Zusammenhalt in der Kanalisation.

Selbst ihr kleiner Bruder Dirk, damals 14, genoss es: Als er einmal Ulrikes Bomberjacke spazieren trug, gingen ihm die Ausländer aus dem Weg; »ey, Mami, das war stark«, sagte er und bestellte ein »Ich nix verstehen, ich Deutscher«-Shirt.

Und Ulrike diente sich hoch. Am Anfang war sie ein »Skingirl«; die Skingirls von Schwäbisch Hall hatten noch Haare, waren mäßig gewaltbereit und oft nur Mitbringsel der harten Jungs. Dann färbte sie sich die Haare blond, braun, schwarz, und schließlich hatte sie keine Haare mehr und wurde eine »Renee«; das waren die wirklich harten, die faschistischen Mädchen.

»Am Anfang war alles heimlich, dann war alles scheißegal«, sagt Ulrike.

Der langsame Abschied von der rechten Szene begann, als die Gruppe nicht mehr so harmonierte wie zu Anfang. Die Jungs brachten sich Mädchen mit, aber die Mädchen durften sich keine Jungs mitbringen. »Ein Macho-Club«, sagt Ulrike.

Ulrike kannte den Kriminalbeamten Wallisch von all den Zeugenaussagen nach all den Vorfällen. Sie traute ihm. Und als sie sich Sorgen um ihren kleinen Bruder machte, der schon die Beitrittsformulare für die NPD mit nach Hause brachte, führte sie ihre Mutter mit Wallisch zusammen.

»Der hat uns gerettet«, erklärt die Mutter.

Wallisch erklärte den Eltern, dass Strafe wenig nützt und bedingungslose Liebe noch weniger. Dass es um Respekt und Überzeugung geht. Dass sie heute die alten Klamotten ihrer Kinder in Kisten stopfen sollen, damit Ulrike und Dirk sich das Zeug ansehen und über alles nachdenken können.

Ulrike findet nicht, dass alles falsch war, was sie damals dachte - was ihr Leid tut, sind ihre Radikalität und die Straftaten. Und ihr Bruder Dirk sitzt oben in seinem Zimmer und hört rechte Musik.

Wann ist ein Neonazi ausgestiegen, fragt Wallisch und antwortet selbst: »Wenn jemand immer noch rechtes Gedankengut in der Birne hat, aber nicht mehr die Kutte trägt und nichts mehr kundtut, ist er nicht mehr gefährlich.« Nicht Gehirnwäsche sei sein Ziel, sondern der Schutz der Öffentlichkeit.

Ulrike hat sich von den Glatzen nicht verabschiedet; sie blieb einfach weg.

Es endete mit einer Einkaufstour nach Heilbronn. Allein war Ulrike hingefahren, ohne besondere Absichten, aber als sie vor den Schaufenstern stand, stellte sie fest: »Ich habe genug.« Sie kaufte sich Schlaghosen und Schuhe mit Absätzen. Endlich, sagt sie, »darf ich wieder aussehen wie eine Barbiepuppe«. KLAUS BRINKBÄUMER

* Am 1. Mai in Dresden.** Namen aller Aussteiger von der Redaktion geändert.

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