"Wenn wir streiken, steht die Welt still" - wie Desiree am Frauentag für mehr Gerechtigkeit kämpft

Wir haben sie beim Frauenstreik in Hamburg begleitet.
Foto: Jannis Große

Dieser Beitrag wurde am 08.03.2019 auf bento.de veröffentlicht.

"Küche, Ehe, Vaterland? Unsere Antwort: Widerstand!" Noch sind es ein paar Hundert Frauen, die auf dem Hamburger Rathausmarkt ihre Stimme erheben, klatschen, pfeifen, ihre Fahnen schwenken, lila Stoffquadrate mit der Aufschrift "F*STRK" – der Abkürzung für "Frauen*streik". Doch im Laufe des Freitags soll die Kundgebung wachsen, die Veranstalterinnen gehen von mehr als 5000 Teilnehmerinnen aus. 

Jedes Jahr demonstrieren am Weltfrauentag weltweit Menschen für die Gleichberechtigung von Frauen und allen anderen Geschlechtern. Auch in Deutschland gewinnt der Tag an Bedeutung: In Berlin ist der 8. März seit diesem Jahr ein Feiertag – zum ersten Mal seit 1994 wird an diesem Tag in Deutschland gestreikt. Und das, obwohl in Deutschland ein politischer Streik als verboten gilt.

Politische Streiks

Gewerkschaftliche Streiks richten sich gegen Unternehmen, zum Beispiel für höheren Lohn oder bessere Arbeitszeiten. Streiks, die sich nicht an Unternehmen richten, sondern politisch etwas ändern wollen, sowie Streiks ohne Gewerkschaften, gelten in Deutschland als verboten 

Im Grundgesetz ist der politische Streik zwar nicht eingeschränkt, aber ein Urteil des Freiburger Landesarbeitsgericht von 1952 wird als generelles Verbot politischer Streiks interpretiert. Damals entschied das Gericht, dass der Streik der Zeitungsbetriebe für die Freilassung von Kriegsgefangenen rechtswidrig sei – aber nicht gegen das Grundgesetz verstoße. Hier findest du mehr Infos dazu. 

Wenige Stunden vor der Kundgebung auf dem Rathausmarkt beginnt der Streiktag in Hamburg mit einem gemeinsamen Frühstück in einem autonomen Nachbarschaftstreff im Karolinenviertel. Einige Männer haben ein Frühstücksbuffet mit Obst, Müsli, Brötchen und Kaffee angerichtet, damit die streikenden Frauen diese vermeintliche "Frauenarbeit" heute nicht machen müssen. An den Tischen sitzen viele junge Frauen, auch einige ältere. Unter ihnen auch Desiree.

Desiree ist 24 Jahre alt. Eigentlich arbeitet sie als Werbekauffrau, heute streikt sie. 

Foto: Jannis Große

Sie erzählt, dass sie fast jeden Tag Diskriminierung erlebt. "Da sind so Momente, in denen mich jemand mit seinen Blicken auszieht oder mir hinterherruft. Oft sind es nur Kleinigkeiten. Zum Beispiel, wenn ein Kollege im Büro fragt, ob ich technische Hilfe brauche. Das ist vielleicht nett gemeint – aber eigentlich ist es die typische Diskriminierung: Frauen und Technik.

Sie macht eine kurze Pause, dann fährt sie fort: "Und dann gabs in meinem Leben schon auch Momente, die man als sexuelle Übergriffe werten kann." 

Deshalb sei ihr wichtig: "Ich will für die Gleichberechtigung aller Menschen kämpfen. Es gibt viele Punkte, an denen wir davon weit entfernt sind. Frauen werden häufig auf ihren Körper reduziert, in manchen Teilen der Welt werden Frauen beschnitten oder ihnen wird vorgeschrieben, wie sie sich zu kleiden haben. Hier in Deutschland sehen wir das auch beim Artikel 219a. Ich finde, jede Frau sollte das Recht haben, über ihren Körper selbst zu bestimmen."

Foto: Jannis Große

Die Frauenstreiks in Spanien waren für Desiree eine Inspiration. Dort nahmen im vergangenen Jahr den Protestierenden zufolge mehr als fünf Millionen Menschen am Ausstand teil. In Deutschland hingegen gelten politische Streiks als verboten. Für Desiree ist die Meinungäußerung durch den Streik aber so wichtig, dass sie die möglichen Konsequenzen, wie Ärger vom Chef oder eine Kündigung, in Kauf nimmt. "Es ist nur ein Job. Es ist nicht der Sinn, sich Urlaub zu nehmen und zu demonstrieren, sondern durch den Streik deutlich zu machen, welche Arbeit von Frauen geleistet wird." Sie kann aber auch verstehen, dass andere Frauen nicht streiken können – aus finanziellen oder persönlichen Gründen.

Vom Streik-Frühstück ziehen die Aktivistinnen zum Rathausmarkt, auf dem die Streikkundgebung stattfindet. Auf dem Weg rufen die Demonstrierenden Sprüche wie: "Der 8. März ist aller Tage – das ist eine Kampfansage!" oder "Wherever I stay, wherever I go - yes means yes and no means no!"

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Der Frauen*streik in Hamburg

Aber nicht nur Lohnarbeit wird an diesem Tag bestreikt. Es geht auch um unbezahlte Arbeit, wie Erziehung, Pflege und Hausarbeit. Diese Arbeit wird überwiegend von Frauen erledigt. So verbringen Frauen vier Stunden am Tag mit unbezahlter Arbeit, Männer hingegen nur zweieinhalb Stunden (Statistisches Bundesamt ). Desiree bestreikt auch die Hausarbeit in ihrer WG. "Auch wenn mein Mitbewohner heute nicht da ist und vermutlich nicht viel davon mitbekommen wird."

Foto: Jannis Große

In Hamburg wird der Streik von einem Zusammenschluss unterschiedlicher Gruppen organisiert. 

Linda ist in diesem Zusammenschluss, dem sogenannten Streikkomitee, aktiv. Auch sie betont, dass der Streik notwendig sei, um sichtbar zu machen, was Frauen in unserer Gesellschaft leisten.

Demos gibt es jeden Tag und überall. Wir brauchen den politischen Druck. In dem wir uns zusammentun, alle Arbeit bestreiken und einfach nichts tun.

Eines der Hauptanliegen der Streiks ist, für einen legalen politischen Streik in Deutschland zu kämpfen. Auch wenn am Frauentag wohl nur wenige ihre (Lohn-)Arbeit niedergelegt haben – es bleibt ein Streik. "Weil zu dem Arbeitsbegriff auch die unbezahlte Arbeit zählt, die von vielen bestreikt wird", erklärt Linda.  

Wichtig ist dem Komitee auch, dass es um Gleichberechtigung für alle geht. Linda betont:

Viele werden von der Teilhabe am Reichtum ausgeschlossen – aufgrund von Bildung, Herkunft, Geschlecht oder anderen Kriterien. Das wollen wir ändern.

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