Gesägt, getan Ich kriege nie genug

Werkzeugsammlung
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Werkzeugsammlung

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Die Geschichte des Heimwerkens ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Eines der größten ist, dass man irgendwann alle notwendigen Utensilien beisammen hat.

Der Anfang war harmlos. Studium, die erste eigene Wohnung. Mehr Werkzeug als mein Taschenmesser hatte ich nicht. Beim Einkauf im Möbelhaus lag neben den Regalen eine kleine orangefarbene Plastikkiste. Darin: ein Schraubenzieher, ein Bit-Set, ein Hammer, ein Gummihammer, zwei Zangen und Bleistifte. Praktisch, dachte ich. Und griff zu.

Den Einwand meiner Freundin, alles für den Aufbau Notwendige werde doch ohnehin mit dem Regal mitgeliefert, ließ ich nicht gelten. Es wäre aussichtsreicher gewesen, mit einem Vierjährigen über den Kauf von Impulsware an der Supermarktkasse zu diskutieren.

Wenn ich heute an die kleine Kiste denke, kommt mir das Wort Einstiegsdroge in den Sinn. Bald folgte ein weiteres orangefarbenes Plastikkästchen, unter anderem mit einer Säge, einem Maßband und einer kleinen Wasserwaage.

Es dauerte nicht lange und ich hatte das Gefühl, die beiden Plastikkästchen fühlten sich im Einbauschrank im Flur neben dem Staubsauger etwas allein. Ich stellte ihnen einen Koffer mit einem Akkuschrauber zur Seite. Eine Weile ging das gut, dann verstärkte eine Schlagbohrmaschine das Ensemble. Und weil sich inzwischen auch ein Satz Nüsse, Cuttermesser, ein Spannungsprüfer und diverser anderer Kleinkram angesammelt hatten, musste noch ein normaler Werkzeugkoffer her.

Die Stimme im Kopf sagt: Kappsäge

Das war 2006. Und ich brauchte dringend eine Aufbewahrungsmöglichkeit für mein Schrauben- und Nagelsammelsurium.

Ich kaufte mir einen Schraubenkoffer, um das Chaos aus kleinen Plastikschälchen und Tüten zu beenden. "So viel Platz drin", dachte ich. Nach zwei Wochen war der Koffer randvoll. Das hat er mit den beiden anderen gemein, die seither dazugekommen sind.

Dass ich die passenden Schrauben habe, kommt trotzdem eher selten vor. Dafür merke ich quasi bei jedem Projekt, was mir an Werkzeug fehlt. Mir fällt mit der Eisensäge fast der Arm ab und ich denke: Flex. Und bei jedem zweiten Schnitt mit der Stichsäge sagt eine Stimme in meinem Kopf: Mit einer Kappsäge wäre das aber besser gegangen.

Manche Leute haben es sich zum Ziel gesetzt, mit möglichst wenigen Gegenständen auszukommen, ihr Leben zu vereinfachen. Ein Blick in die Amazon-Sachbuch-Abteilung, Ecke "Lebensführung", ergibt fast 300 Treffer zum Stichwort "Simplify Your Life". Clint Eastwood sagt als Walt Kowalski in "Gran Torino", jeder Mann, der einen Scheißdreck wert sei, könne mit einer Rolle Klebeband, einer Dose WD-40 (Kriechöl) und einer Klemmzange die Hälfte aller Arbeiten im Haus erledigen.

Schatz, lass uns so tun, als hätte ich das Wandregal angeschraubt

Für die andere Hälfte braucht man aber einen Haufen Zeug. Deshalb halte ich als Heimwerker den Satz "Weniger ist mehr" für Bullshit. Oder mussten Sie schon einmal ohne Schlagbohrer ein Loch in der Decke machen? Aus eigener Erfahrung rate ich: Lassen Sie es nach Möglichkeit bleiben, sonst lernen Sie die Nachbarn auf ganz neue Art kennen.

Ich habe nichts gegen Improvisieren. Aber ohne Werkzeug wird aus Improvisieren Simulieren: Schau, Schatz, lass uns so tun, als hätte ich das Wandregal angeschraubt.

Es bleibt nicht aus, dass bei wachsender Werkzeugsammlung gewisse Redundanzen entstehen. Ich hatte irgendwann ein Pfund Sechskantschlüssel einer Größe. Und mehrere Leute haben schon gefragt, ob ich wirklich vier Äxte und Beile brauche - insbesondere jenes, das aussieht, als sei es zum Hacken von Petersilie hergestellt worden. Wer solche Fragen stellt, hat das Wesen des Heimwerkens nicht verstanden.

Äxte, Beile, Werkzeug- und Schraubenkoffer füllen inzwischen mehrere Regalmeter. Wenn ich sie sehe, lächle ich darüber, wie naiv ich damals nach dem Einkauf im Möbelhaus war. Auf der Fahrt nach Hause lag das kleine orangefarbene Plastikästchen auf meinem Schoß. Und ich dachte: "Mehr braucht kein Mensch."


Was gehört auf jeden Fall zur Heimwerker-Grundausstattung? Und welches Werkzeug fehlt Ihnen noch in Ihrer Sammlung? Schreiben Sie an benjamin.schulz@spiegel.de

Mit der Einsendung versichern Sie uns, dass Sie Urheber des Materials sind und einer honorarfreien Veröffentlichung zustimmen.

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41 Leserkommentare
wind_stopper 11.05.2016
Olaf 11.05.2016
silberwoelfin 11.05.2016
rudi_1957 11.05.2016
spon-facebook-10000154386 11.05.2016
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samuel_leach 19.11.2018

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