Wetterkapriolen Sommer mit Durchhaltevermögen

Dem Hochsommer geht die Puste einfach nicht aus. Für die nächsten Tage sind neue Höchsttemperaturen in Deutschland angekündigt. Noch immer melden Wetterstationen aus ganz Europa neue Hitzerekorde. Bei einem Unwetter in Schweden wurde ein Mann in einem Ritterkostüm vom Blitz erschlagen.


Offenbach/Paris - Auf bis zu 38 Grad könnten die Temperaturen in Deutschland erneut steigen, sagen Experten voraus. Außerdem soll es schwüler werden. Auch nachts kühlt es mit Temperaturen von 20 Grad oder mehr nicht richtig ab. Erst Ende der Woche deutet sich in Deutschland eine langsame Abkühlung an: Die Temperaturen werden dann tagsüber vermutlich knapp unter 30 Grad rutschen, und auch die Nächte versprechen etwas angenehmere Temperaturen, wie Michael Riffler vom Wetterdienst Meteomedia sagte. Dann seien verstärkt Hitzegewitter zu erwarten. "Vorbei mit dem Hochsommer wird es zunächst nicht sein."

Erfrischung in Mailand: Abkühlung noch in weiter Ferne
AFP

Erfrischung in Mailand: Abkühlung noch in weiter Ferne

Der Wetterdienst Donnerwetter vermutet allerdings, dass Anfang August zunehmend Wolken und Schauer nach Deutschland ziehen könnten. Die Ozonwerte sanken etwas. Der Schwellenwert für die Information der Öffentlichkeit von 180 Mikrogramm Ozon pro Kubikmeter wird heute allerdings wohl auch in Nordrhein-Westfalen sowie im Südwesten Deutschlands stellenweise überschritten werden.

Wegen der Hitze musste am Flughafen Hannover am frühen Morgen eine der beiden Start- und Landebahnen gesperrt werden: Durch die Sonneneinstrahlung war die Dichtungsmasse zwischen Betonplatten beschädigt worden. Die Fugen wurden neu abgedichtet und mit Wasser besprengt, wie ein Sprecher berichtete. Im Laufe des Tages sollte die gesperrte Bahn wieder freigegeben werden. Verspätungen gab es laut Flughafen-Pressestelle nicht.

In Frankreich riefen die Meteorologen in 56 Regierungsbezirken Alarmstufe Orange aus - die zweithöchste Alarmstufe galt damit in mehr als der Hälfte des französischen Staatsgebietes. Vor allem im Südosten des Landes wurden Rekordwerte von mehr als 38 Grad Celsius im Schatten erwartet. Gesundheitsminister Xavier Bertrand rief Medizinstudenten und Ärzte im Ruhestand auf, sich den Notdiensten zur Verfügung zu stellen.

Dutzende Tote in Frankreich

Europaweit fielen der Hitzewelle bislang rund 40 Menschen zum Opfer. Frankreichs Gesundheitsaufsicht InVS zählte nach jüngsten Angaben bislang "etwa 30" Hitzetote allein dort. Unter den Todesopfern war eine 90-jährige Heimbewohnerin, die gestern in Orly bei Paris an Überhitzung starb. Wie die Behörden mitteilten, maß die vom Personal herbeigerufene Feuerwehr bei der Sterbenden eine Körpertemperatur von 41 Grad.

Im August 2003 waren in Frankreich 15.000 Menschen bei einer Hitzewelle gestorben; daraufhin versprach die Regierung eine bessere Ausstattung der Pflege- und Notfalldienste und führte einen zusätzlichen Arbeitstag pro Jahr zur Finanzierung einer Pflegeversicherung ein.

Die italienische Landwirtsvereinigung klagte über eine der schlimmsten Dürreperioden im Norden des Landes seit 30 Jahren. Den Angaben zufolge entstand ein Schaden von fast einer Milliarde Euro.

In Spanien sind bisher neun Menschen Opfer der Hitzewelle geworden. Nach Presseberichten von heute starben sie an einem Hitzschlag. Die hohen Temperaturen sollen dort noch bis Donnerstag anhalten. Neben dem Festland sind besonders auch die Kanaren und Balearen betroffen. Auf Mallorca und den Kanaren, in der katalanischen Provinz Gerona sowie den autonomen Städten Ceuta und Melilla herrscht weiter Alarmstufe eins. Sie gilt auch für das nordspanische Saragossa, wo Temperaturen zwischen 36 und 38 Grad Celsius erwartet werden.

Meere werden wärmer

Auch in Südosteuropa dauerte die Hitzewelle an. Rekordtemperaturen bis 39 Grad wurden im kroatischen Knin, dem bosnischen Mostar und der montenegrinischen Hauptstadt Podgorica gemessen, meldeten die örtlichen Medien. Die Hitze und die Dürre führten zu zahlreichen Wald- und Buschbränden. In Kroatien sind in der ersten Julihälfte 380 Brände registriert worden, doppelt so viele wie im Vorjahr.

Vor der schottischen Küste wurden in den vergangenen Wochen deutlich mehr Wale und Delfine gesichtet als je zuvor. Britische Wissenschaftler machen dafür die Erwärmung der nördlichen Meere durch die anhaltende Hitzewelle sowie erhöhte Temperaturen bereits seit einigen Jahren verantwortlich, wie der Sender BBC heute berichtete.

In Schweden ist gestern ein als Ritter verkleideter Mann, 51, von einem Blitz getroffen worden und anschließend gestorben. Schwere Gewitter und Hagelstürme gingen über zahlreiche Gebiete Skandinaviens nieder. Wochenlang hatte es dort nicht mehr geregnet.

Stromengpass in den USA

In der Nähe von Los Angeles wurden am Samstag 48 Grad gemessen. Mindestens vier Menschen starben an der Hitze allein in Kalifornien und zwei in Arizona. In Elektrizitätswerken kam es wegen des hohen Stromverbrauchs zu Engpässen. Von einem Stromausfall gestern Nachmittag im Süden Kaliforniens waren mehr als 50.000 Haushalte und Betriebe betroffen. In Stockton in Kalifornien wurde gestern ein Pflegeheim mit mehr als hundert Patienten evakuiert, nachdem die Klimaanlage ausgefallen war. Ein Heimbewohner starb an Hitzestress. Die Temperaturen in der Stadt lagen bei 46 Grad. Eine solch hohe Temperatur war in Stockton noch nie zuvor registriert worden.

ffr/AFP/AP/dpa



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