Wetterkapriolen weltweit Bikini-Temperaturen im Central Park, Schneechaos am Fujiyama

Winter 2007: Nicht nur in Deutschland ist es viel zu warm für die Jahreszeit. Im New Yorker Central Park wurden Wärmerekorde gemessen. In Europa muss man schon bis nach Island fahren, um Temperaturen unter Null zu spüren. Gleichzeitig fallen anderswo nie gesehene Schneemengen.


Hamburg - Dieser Winter fühlt sich bisher in Deutschland wie ein nicht enden wollender April an. Die New Yorker konnten sich gestern sogar wie an einem schönen Tag im Mai fühlen. In ihrer Stadt und im gesamten Nordosten der USA sind am Wochenende neue Wärmerekorde für den Januar gemessen worden. Im Central Park stieg das Thermometer am Samstag auf 22,2 Grad, vom Flughafen in Albany wurden 21,7 Grad gemeldet, vom Flughafen in Boston 20,5 Grad. Im Staat New Jersey fielen in Newark, Trenton und Atlantic City Temperaturrekorde für den Januar aus dem Jahr 1950.

In weiten Teilen der Region fiel in diesem Winter bislang kein Schnee. Der Nationale Wetterdienst sagte für den Zeitraum von Dezember bis Februar um zwei Prozent höhere Temperaturen als im 30-jährigen Durchschnitt voraus. Acht der zwölf wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen fallen in die Zeit seit 1990, wie David Robinson, staatlicher Klimatologe von New Jersey an der Rutgers-Universität, sagte. Dies habe mit dem Treibhauseffekt zu tun, erklärte er.

Gleichzeitig hört es an anderer Stelle in den USA einfach nicht auf zu schneien. So leidet Denver unter dem dritten Schneesturm binnen drei Wochen. Der neuerliche heftige Schneefall und starke Windböen behindern zudem die Aufräumarbeiten nach den letzten Blizzards um Weihnachten und Neujahr. Die Einsatzkräfte bemühen sich, Straßen um die Metropole im US-Staat Colorado frei zu räumen, damit die Einwohner nötige Lebensmittel und Medikamente besorgen können.

Schneelawine begräbt Autokolonne

In der vergangenen Nacht hat eine gewaltige Schneelawine in dem Bundesstaat mehrere Autos auf einer Schnellstraße unter sich begraben. Ein Mensch musste laut Behörden mit gravierenden Verletzungen behandelt werden, mehrere weitere kamen hingegen mit dem Schrecken davon. Die mehr als 60 Meter breite und 4,5 Meter hohe Lawine hatte die Schnellstraße in das Skiparadies Winter Park verschüttet. Die Straße war zum Zeitpunkt des Unglücks am Vormittag allerdings nicht mehr so stark frequentiert wie am Morgen.

In den Nachbarstaaten Colorados, Kansas und Nebraska, sind mehr als 60.000 Menschen nach den vergangenen Stürmen noch ohne Strom. Auch in Kalifornien fiel wegen eines Sturms für rund 100.000 Haushalte und Betriebe am Freitag der Strom aus. Die Santa-Ana-Winde, die mit Böen bis zu 130 Kilometern pro Stunde über den Küstenstaat zogen, gehörten nach Angaben von Meteorologen zu den stärksten der vergangenen Jahre. Wegen der trockenen, warmen Winde stieg die Waldbrandgefahr.

Auch Japan ächzt zur Zeit unter riesigen Schneemengen. Schneefall und starker Wind haben den Verkehr in einigen Teilen des Landes stark behindert. Mehr als 170 Flüge wurden dem TV-Sender NHK zufolge allein heute gestrichen, im Norden des Landes fahren keine Züge. Die Behörden warnen vor weiteren Schneestürmen. Über die Insel Hokkaido fegten Stürme mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 170 Stundenkilometern. Sie deckten zahlreiche Häuser ab und zerstörten Stromleitungen. 5700 Haushalte waren ohne Strom. In manchen Gegenden fielen binnen 24 Stunden bis zu 80 Zentimeter Schnee. Menschen wurden nicht verletzt. Die Hauptstadt Tokio blieb von den Unwettern verschont.

In Europa ist es in den meisten Regionen viel zu warm für die Jahreszeit. Wer hier derzeit Temperaturen klar unter Null Grad sucht, muss schon bis nach Island oder zum Nordkap fahren. So sollten etwa in Moskau jetzt Werte um die -10 Grad herrschen. Das kontinentale Klima beschert der Stadt in der Regel zuverlässig kalte und schneereiche Winter. Doch die Werte bleiben hier tagsüber zur Zeit meist über Null.

Läuse auf dem Grünkohl

In Deutschland war schon der Dezember zu warm. Für den Januar deutet sich bisher keine große Veränderung der Wetterlage an. Schnee fällt nur über 1000 Metern Höhe. Die Temperaturen liegen rund um +10 Grad - am Oberrhein sind sogar frühlingshafte 13 Grad drin. Und in den kommenden Tagen soll das Meteorologen zufolge auch so bleiben: Regen, Wind und milde Werte.

Es ist hier so warm, dass die Reifenhändler auf ihren Winterreifen sitzen bleiben - obwohl ein Engpass erwartet worden war. Mediziner sehen schon jetzt unangenehme Folgen für die Bundesbürger in den nächsten Monaten: Das warme Wetter erhöhe die Gefahr einer Zeckenplage im kommenden Frühjahr, berichten die "Lübecker Nachrichten" heute. Das Blatt beruft sich auf den Medizin-Professor Werner Solbach von der Universitätsklinik Lübeck, der vor einer ansteigenden Zahl der Plagegeister warnt. Sorgen bereiten dem Mediziner zudem Bakterien namens Vibrio vulnificus, die sich im derzeit zu warmen Ostseewasser vermehren.

Viele Bauern befürchten eine Schädlingsplage auf ihren Feldern. Schon jetzt berichten Gartenbaubetriebe von Läusen auf Grünkohl und Rosen.

Doch die milden Temperaturen haben auch positive Folgen. Nach Ansicht des Leiters des Öko-Zukunftszentrums Mensch-Natur-Technik-Wissenschaft im mecklenburgischen Nieklitz, Berndt Heydemann, ist im neuen Jahr nicht mit einer Mückenplage zu rechnen. Die Eier und Larven der Insekten würden in den warmen Seen und Tümpeln von ihren Feinden gefressen.

ler/AP/AP/Reuters/ddp



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