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Wohnen WG STATT ALTERSHEIM

Wo sollen die knapp 20 Millionen Deutschen unterkommen, die zur Jahrtausendwende älter als 60 Jahre sein werden und sich keine Luxusresidenzen für Senioren leisten können? Vorruheständler suchen, nach Vorbildern aus Dänemark und den Niederlanden, Alternativen zur Kasernierung in Heimen.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Es war bei einem Abendessen mit Freunden, als der Satz fiel, den das Düsseldorfer Ehepaar Hannelore und Werner Würz nicht mehr vergessen kann: »Im Alter ziehen wir sowieso zusammen.«

Die Werbefachleute, Psychologen, Architekten und Beamten wollten den Lebensabend gemeinsam verbringen - nicht als entmündigte Heiminsassen oder vereinsamt vor dem Fernseher, sondern aktiv und selbstbestimmt in einer Hausgemeinschaft von Gleichgesinnten.

Regelmäßig trafen sich die zwölf Ehepaare und Singles um die Fünfzig, debattierten über ihre Zukunft und einigten sich auf den künftigen Standort ihres Hauses - nicht irgendwo weit weg im Süden oder im Grünen, sondern möglichst stadtnah und im gewohnten Beziehungsnetz. Nach der Kalkulation der Bau- und Grundstückskosten aber mußte die Zwölferrunde passen - das Geld reichte nicht. Der Traum von der Alters-WG war fürs erste gescheitert.

Dennoch gilt: In keiner Generation zuvor wurde so intensiv über alternative Wohnformen für das Alter diskutiert.

Bescheidener und mit Finanzexperten durchgerechnet ist das Konzept, das eine andere Gruppe von Nachbarn und Bekannten aus Düsseldorf-Haan für ihre Altersresidenz entwickelt hat. Die 15 höchstens 80 Quadratmeter großen Wohnungen - davon eine für den Hausmeister und zwei für Pfleger - sollen zu einem Drittel verkauft, die übrigen so lange vermietet werden, bis die Eigentümer selbst hineinziehen. Georg Wilhelm Adamowitsch, den noch knapp 20 Jahre von seiner Pensionierung trennen, über diese Vorsorge fürs eigene Alter: »Wir machen doch alle unsere persönlichen Erfahrungen mit den Eltern und sehen, wie wir dann nicht leben wollen.«

Die Wohngemeinschaft im dritten Lebensabschnitt erscheint vielen der heute 50jährigen attraktiv. Gemeinsam könnten sie sich das leisten, was für den einzelnen zu teuer wäre: individuelle professionelle Hilfe im Haushalt und, wenn nötig, am Krankenbett; die Gefahr, zu vereinsamen, wäre gebannt.

Wie in Düsseldorf sprießen vielerorts Projekte und Initiativen für Wohn- und Hausgemeinschaften. In Hamburg wirbt die »Arche Nora« Interessenten, in Stuttgart hat sich der Verein »Die Wabe« zusammengeschlossen. In Göttingen wurde eine geräumige Jugendstil-Villa mit Unterstützung der Stadt für Hausgemeinschaften umgebaut. Bundesweit formierte sich ein »Forum für gemeinschaftliches Wohnen im Alter«, das alternative Wohnprojekte für ältere und jüngere Menschen anregen und vernetzen will. Die Alten-Selbsthilfe Graue Panther Hamburg gründete schon 1986 eine Hausgemeinschaft von zehn Bewohnern zwischen 5 und 94 Jahren.

Der Drang zur Senioren-WG entspringt einem Dilemma deutscher Sozialpolitik: Nur Wohlhabende können sich im Alter das passende Apartment mit individueller Rundumversorgung in Seniorenresidenzen leisten; die wenigen Altenwohnungen, eingestreut in Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus, stehen nur Mietern mit maximal 1800 Mark Rente offen.

Für die wachsende Gruppe dazwischen hat der Staat außer kostspieligen und wenig humanen Altersheimen nichts vorgesehen. Das hat Folgen auch für den jungen Teil der Deutschen: Familien mit Kindern müssen mit kleinen Behausungen vorliebnehmen, weil ältere Alleinstehende mangels Alternative große Wohnungen blockieren.

Der dänische Wirtschaftswissenschaftler Bent Andersen kennt den Grund für die Versorgungslücke: »Das Subsidiaritätsprinzip erlaubt es dem Staat erst einzugreifen, wenn die nächsten Angehörigen nicht in der Lage sind zu helfen.« Die Gemeinschaft hilft nur, wenn die Familie passen muß - mit einer Betreuung im Heim, die so teuer ist, daß sie sich eigentlich niemand leisten kann.

Seit sich Andersen vorzeitig hat pensionieren lassen, ist der 65jährige dänische Wirtschaftswissenschaftler nur noch selten im heimischen Naestved anzutreffen. Der weißhaarige Professor und ehemalige Sozialminister vertritt vor Expertengremien und Regierungsausschüssen in Paris und Brüssel, in Italien, Amerika und Japan den womöglich »interessantesten Exportartikel« (Andersen) seines Landes: das Modell der dänischen Seniorenpolitik.

Das nördliche EU-Land hat früher und konsequenter als andere Staaten auf eine »stille Revolution« reagiert, die alle Industriestaaten heimsucht und die Regierenden ratlos macht: Immer mehr Menschen werden immer älter.

In der Bundesrepublik werden schon im Jahr 2000 knapp 20 Millionen Bürger über 60 Jahre alt sein. Und die Angehörigen, die sich noch immer um 90 Prozent der über 65jährigen Pflegebedürftigen kümmern, werden dann kaum noch dafür bereitstehen. Mobilität, Versingelung und der Zerfall von Familien führen dazu, daß die Alten sich selbst helfen müssen.

Wohin also mit ihnen? Heraus aus der Enge der Städte, in sonnige Siedlungen in Spanien oder an die Algarve, wo die starke Mark den Einwanderern die notwendige Fürsorge und Pflege garantiert? Oder sie schlicht in Altenheimen mit reglementierter Rundumversorgung kasernieren?

Noch immer fällt bundesdeutschen Stadtvätern vorwiegend diese Lösung ein. Für sich persönlich würden sie die Perspektive wohl ablehnen, im würdigen Alter von 80 Jahren ein Zimmer mit einem fremden Altersgenossen teilen zu müssen - über dem verstellbaren Bett noch die Reißzwecken, mit denen der Vorgänger seine Familienfotos an der Wand befestigt hatte.

Wie ein bezahlbares Alter in Würde aussehen kann, machen seit zwei Jahrzehnten die Dänen vor. Anfang der siebziger Jahre wurden 600 000 Hausfrauen berufstätig und fielen für die Versorgung alter Verwandter aus - der Staat mußte Ersatz schaffen. Und weil die Heimunterbringung zu teuer war und den Wünschen der Betroffenen nach Unabhängigkeit und Intimsphäre widersprach, förderten die Kommunen ein dezentrales Hilfsnetz: Die Bürger sollen, unterstützt von professionellen Helfern, möglichst bis zu ihrem Lebensende in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben.

Seit 1988 werden keine neuen Pflegeheime mehr in Dänemark gebaut. Statt dessen sind die Gemeinden gesetzlich verpflichtet, altengerechte Wohnungen zu fördern: meist Zwei-Zimmer-Apartments, etwa 60 Quadratmeter groß, mit einer geräumigen Küche, rollstuhlgerecht mit breiten Türen ohne Schwellen und einer Notrufanlage ausgestattet, möglichst stadtnah und eingestreut in die Wohnsiedlungen oder angebunden an ein Tageszentrum für Senioren oder einen Sozialdienst.

So kann Aksel Hansen, 85 und schwer gezeichnet von der Parkinsonschen Krankheit, weiterhin mit seiner gehbehinderten Frau Karen in Naestved in den eigenen vier Wänden mit Garten und Hund leben.

In die Wohnung der Hansens kommt die Krankenschwester aus dem benachbarten Tageszentrum für Senioren nur, wenn sie über Funk gerufen wird. Die Wäsche der beiden wird gewaschen, Einkäufe werden erledigt. Die 81jährige Karen Hansen kocht trotz ihrer Arthrose noch selbst. Arbeitsplatte, Wasserhähne und Bedienungsknöpfe sind von einem Stuhl aus erreichbar.

Wie die Dänen haben inzwischen auch die Niederländer vom traditionellen und teuren Altenheimbau Abschied genommen. Die Kreuzvereinigung, die größte der ungezählten öffentlichen und privaten Hilfsorganisationen, unterhält in allen Städten Stationen, von denen Krankenschwestern und Sozialarbeiter täglich ausschwärmen. Pflegeheime sind dazu übergegangen, Patienten zu Hause zu versorgen.

Die staatliche Rotterdamer Stiftung »Experimentelles Wohnen« hat sich auf die altengerechte Anpassung von Wohnungen spezialisiert. Das heißt nicht nur Rampen statt Stufen, breitere Türen, Haltegriffe in den Fluren, rutschfeste Kacheln, schwellenlose Duschen mit Sitzen, sondern auch Installation von Liften in mehrstöckigen Mietshäusern. 500 Aufzüge wurden bisher mit Hilfe der Stiftung eingebaut. Der billigste Fahrstuhl kostete 57 000 Gulden.

Es sind meist die leichten Gebrechen, die vor allem Alleinstehende schließlich zum Umzug ins teure Heim zwingen.

Die Mehrzahl der pflegebedürftigen Alten könnte ambulant versorgt werden, doch es mangelt an professioneller Hilfe. Während beispielsweise 18 Prozent der Dänen häusliche Hilfsdienste beanspruchen, sind es in der Bundesrepublik nur knapp 2 Prozent. Ambulante medizinische Pflege erhalten 15 Prozent der Niederländer, aber nur 3 von 100 Deutschen.

Für die vielen Interessenten an privat organisierten Wohnformen für die dritte, oft mehr als 20jährige Lebensphase fehle es, wie Marie-Therese Krings vom Bonner Sozialforschungsinstitut »empirica« konstatiert, an Modellen »zum Anfassen, zum Nachmachen«. Und anders als in Skandinavien und Österreich, wo staatliche Förderprogramme den Bürgern erlauben, das Problem der Vereinsamung oder der Gebrechlichkeit im Alter gemeinsam zu lösen, hat die bundesdeutsche Förderpolitik weiterhin vor allem die Standardwohnung für die Arbeitnehmerfamilie im Visier.

Der Bremer Justizsenator Henning Scherf, 55, zählt zu den ganz wenigen in der Bundesrepublik, die gemeinsam mit Freunden bereits die Weichen für ein lebenslanges Wohnen gestellt haben. Vor fünf Jahren bezogen drei Ehepaare und ein Junggeselle in der Bremer Innenstadt ein vormals baufälliges Patrizierhaus, das sie restauriert, mit einem Fahrstuhl ausgestattet und in vier Wohnungen aufgeteilt hatten. Vorangegangen waren lange Diskussionen darüber, auf wieviel Gemeinsamkeit man sich einlassen will.

Die ursprüngliche Idee von einer WG mit gemeinsamer Küche, Bibliothek und einem Musikraum wurde im Laufe der über Jahre dauernden Diskussion verworfen. Ursula Gödde, die gemeinsam mit ihrem Mann - als ihre Kinder aus dem Haus waren - das Eigenheim am Stadtrand verkauft hatte: »Je konkreter das Projekt wurde, desto mehr wußten wir, was wir wollten: getrennte Wohnungen und eine auf Freiwilligkeit beruhende Gemeinsamkeit.«

Daß freundschaftliche Hilfe an räumliche Nähe gebunden ist, haben die Bewohner bereits auf traurige Weise erfahren. Eine Mitbewohnerin erkrankte an Knochenkrebs und starb - bis zu ihrer letzten Stunde von ihrer Familie und ihren Freunden versorgt, ohne in eine Klinik zu müssen.

Die rechtzeitige Planung für das Alter gilt als entscheidend. »Man muß es früh genug machen«, sagt Bent Andersen, der schon mit 57 sein Familienhaus im Grünen aufgegeben hat und mit seiner Frau in eine bequeme Stadtwohnung gezogen ist: »Wer sich zu spät entscheidet, sitzt in der Falle.«

Sein Landsmann Arne Ravn glaubt, spätestens mit 60 müsse man wissen, wie man die nächsten 30 Jahre verleben will: »Es kostet psychisch und physisch viel Energie, diesen Prozeß durchzustehen.«

Der ehemalige Lehrer gehört zu einer Gruppe von 22 älteren Bürgern des Städtchens Birkeröd bei Kopenhagen, die eine Wohngenossenschaft gegründet haben. Die 22 Genossenschaftler sind zugleich Miteigentümer und Mieter ihrer zwischen 65 und 90 Quadratmeter kleinen Häuschen. Über die Monatsmiete werden die Hypotheken der Genossenschaft abgetragen, Reparatur- und Gärtnerarbeiten sowie die Hausverwaltung bezahlt. Gemeinsam bestimmen die Nachbarn, wer, sollte eines der Häuser frei werden, der Genossenschaft beitritt.

Zu einer regelrechten Bewegung sind in den Niederlanden die Wohngemeinschaften für ältere Bürger geworden. 80 Initiativen haben sich formiert, 70 Wohngemeinschaften existieren bereits. Eine der größten Kommunen hatte Mitte der siebziger Jahre mit einer Hausbesetzung in Nimwegen begonnen. Der Bürgermeister entschied sich gegen Grundstücksspekulanten und für die Besetzer, die Stadt übernahm die Bürgschaft für eine Hypothek über eine Million Gulden, mit der die Stiftung »De Refter« den Umbau alter Backsteinbauten finanzierte.

Heute leben 90 Junge und Alte zwischen 2 und 89 Jahren in den liebevoll restaurierten Wohnungen. Die 20 über 65jährigen Bewohner, die zu den treuesten Mietern zählen, konnten zwischen einer Wohnkommune und einem abgeschlossenen Apartment wählen.

Bestimmt wird das Leben von den Aktivitäten der Jungen, die ein Kulturcafe, eine Öko-Bäckerei und eine Gärtnerei betreiben. Doch auch die Älteren helfen in der Selbstverwaltung und den Betrieben mit.

Ohne jeden alternativen Touch ist die Mehrzahl der niederländischen »woongroepen« für Ältere. Schon architektonisch unterscheiden sich die Reihenhäuser nicht von ihrer Umgebung. Meist sind es städtische Gesellschaften, die Wohnungen für die dritten Lebensphase erbauen und vermieten.

Seit 1984 berät der staatlich subventionierte Verein »Gruppenwohnen für Ältere« jeden über 50jährigen, der mit Gleichgesinnten in eine Hausgemeinschaft ziehen möchte. Für das Ehepaar Cor und Corry Burkunk kam gar nichts anderes in Frage: »Wir wollten nicht allein, aber gleichzeitig selbständig leben.« Auch Erfahrungen mit einem gescheiterten Wohnprojekt konnten sie nicht davon abhalten, sich in Hertogenbosch bei der Gruppe »Onzen Oord« für eines der elf Reihenhäuser zu bewerben.

Nach einem Vorstellungsgespräch bei Kaffee und Kuchen wurden der 64jährige Cor und die 59jährige Corry als neue Gruppenmitglieder aufgenommen. Die Monatsmiete beträgt rund 800 Gulden, inklusive der Heiz- und Gemeinschaftskosten. Die Mieter müssen sich verpflichten, Mitglied in der Kreuzvereinigung zu werden, um notfalls professionelle Hilfe in Anspruch nehmen zu können. Y

»Wir wollten nicht allein, aber gleichzeitig selbständig leben«

[Grafiktext]

_127_ Anzahl d. über 60jährigen in Mio. in Deutschland (1990-2030)

_____ / Wohnflächen v. Single-Haushalten (unter 30 J. u. über 65 J.)

[GrafiktextEnde]

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