Zeitnot mit Kindern Wer ist hier der Stressmacher?

Wenn's mal wieder schnell gehen muss.
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Wenn's mal wieder schnell gehen muss.


Eltern kennen das nur zu gut: Wenn's mal schnell gehen muss, tun Kinder alles, um uns zu stressen. Stimmt gar nicht, glaubt Theodor Ziemßen. Stress machen nur wir. Den Kindern - und uns selbst.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

"Mann! Wir müssen jetzt echt los!"

Willem hat keine Lust, loszumüssen. Er hat auch keine Lust, was anzuziehen. Willem hat an diesem Morgen auf gar nichts Lust. Stimmt gar nicht. Er hat Lust, lachend vor mir wegzurennen, auf dem Bett herumzuspringen, Lust auf noch ein Stück getrocknete Mango.

"Ein Glas Wasser, Papa?", fragt er mit seiner niedlichen Zweijährigenstimme.

Schnauben. Kopfschütteln. Wasser holen. Wasser kann man ja nun wirklich niemandem verweigern.

"Nein", sagt Willem, "nicht das Glas!"

Ich schnappe ihn. Fies, wie man einen Zweijährigen einfach so nehmen kann, ob er nun will oder nicht. Ich rede auf ihn ein, dass das so nicht geht, dass wir keine Zeit haben, weil WIR jetzt dringend losmüssen. Ich zwinge ihn in seinen Schneeanzug. Willem zappelt sich wieder und wieder aus dem rutschigen Einteiler - erst grinsend, dann immer verzweifelter. Ich halte ihn fester. Willem beginnt zu weinen. Er findet das unfair. Mir doch egal. Ich finde es auch unfair, dass er das mit mir macht. Ich bin sauer auf ihn. Aber ich bin auch sauer auf mich. Weil ich mich nämlich auch unfair finde.

WIR müssen los.

Was für ein Quatschsatz. Ein Zweijähriger muss nirgendwohin. Erwachsene haben es eilig. Erwachsene haben Stress. Und: Erwachsene machen viel zu oft Stress. Den Kindern und sich selbst.

Mehr fluchen. Bahn frei. Wieder Vollgas

Ich bin ein schrecklicher Stressmacher. Ich nehme mir selbst ständig zu viel vor. Oft auch Sachen, die die Kinder einschließen. Und wenn die beiden keinen Bock haben? Verbeiße ich mich nur noch mehr in die Vorstellung, dass es genau so und genau jetzt sein muss. Dabei habe ich schon etliche Male die Erfahrung gemacht: Kinder zu drängeln, ist wie mit 180 über die Autobahn zu rasen.

Du bist hochangespannt, immer wieder Vollgas, immer wieder Vollbremsung. Jeder, der "nur" 130 km/h fährt - und das sind die meisten - wird zum Hindernis. Immer wieder Adrenalin, das dich fluchen lässt: Lichthupe, dicht auffahren, fluchen. Wieder Vollgas. Bis zur nächsten Baustelle, zum nächsten Stop-and-go, zum nächsten Stau, bei dem du alle wieder triffst, die du in der letzten halben Stunde überholt hast.

In diesem Bild bin ich der Fahrer, klar. Und die Gründe abzubremsen sind die Interessen und Launen der Kinder. Okay. Aber wo sind Benjamin und Willem? Sollten die nicht neben mir sitzen? Ja, das wäre schön. Aber bei einem Stressmacher wie mir sind sie viel zu oft das Auto, Gegenstände, die unerbittlich angetrieben werden, ohne darüber nachzudenken, ob das wirklich irgendwas besser macht.

Gemeinsam machen statt hinterherschleifen

Kinder bestimmen die Leben ihrer Eltern. So ist es einfach. Keine Ahnung, wie lange das noch so geht. Sicher lange genug, um sich oft, sehr oft die Frage zu stellen, wo man selbst bleibt zwischen Windeln wechseln und Lego-Raumschiffe bauen. Vielleicht bleibt man - am besten entspannt. Denn sich mit seiner ausgesetzten Selbstverwirklichung zu stressen, hilft nicht.

Im letzten Jahr hat Therese ein wenig Karriere gemacht. Ich habe ihr den Rücken freigehalten und dabei mehr und mehr Sachen im Haushalt übernommen und mich um die Kinder gekümmert.

Dabei habe ich gemerkt, wie selten es wirklich auf die eine Minute ankommt. Und wie leicht man entspannt zehn Minuten gewinnen kann, indem man einfach früher anfängt. Und vor allem: Wie schön es sein kann, gemeinsam mit den Kindern Sachen zu machen, anstatt sie neben sich herzuschleifen. Denn die Welt durch die Augen von Kindern betrachten zu dürfen, ist ein ziemliches Privileg.

Willem wollte "alleine laufen"

Neulich brauchten wir noch ein paar Sachen für das Abendbrot. Ich bin also mit dem Kinderwagen zu Willems Kindergarten, wollte ihn abholen, einladen und noch schnell die Sachen besorgen, wie man ja so oft "noch schnell" Sachen macht. Willem hatte aber keine Lust auf Kinderwagen. Willem wollte "alleine laufen". Erst war ich genervt, in meinem Kopf ratterte es: "Das dauert doch.", "Muss ich nicht noch?", "Wollte ich nicht eigentlich?", "Ist das jetzt nicht?".

Aber nö, war es alles nicht. Es war 15 Uhr, Benjamin war auf Klassenreise, wir hatten null Verpflichtungen. Die kleine Besorgung dauerte dann zweieinhalb Stunden, die Willem fast komplett allein lief. Am Ende hievte er sich weinend vor Erschöpfung allein in den Wagen. Aber es war eine tolle Zeit. Wir haben gleich mehrere interessante Insekten entdeckt. Gemeinsam über die Entstehung eines merkwürdig aussehenden Beetes gegrübelt, sind bescheuert oft um einen Baum gerannt, haben einem Handwerker über hydraulische Kräne ausgefragt und einen anderen über eine Grube voller neu verlegter Stromkabel.

Vielleicht ist es das, was einen besonderen von einem besonders nervigen Nachmittag unterscheidet. Dass man sich öfter fragt, wie eilig man es wirklich hat.


Liebe Leserinnen und Leser, wollen wir ein kleines Experiment versuchen? Schicken Sie mir eine Gelegenheit, bei der es Ihnen absolut unmöglich war, unpünktlich zu kommen, den Termin oder den Punkt auf Ihrer To-do-Liste aufzuschieben oder eine Sache in der Geschwindigkeit Ihres Kindes zu erledigen? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.



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15 Leserkommentare
zauberer2112 03.03.2019
larryunderwood 03.03.2019
egonv 03.03.2019
protoscorsair 03.03.2019
dulcineadeltoboso 03.03.2019
claudiasy 03.03.2019
sadu 03.03.2019
victoria101 03.03.2019
crazydee 03.03.2019
Einhorn 03.03.2019
wally76 03.03.2019
Seraphan 03.03.2019
zauberer2112 04.03.2019
zyim 06.03.2019
g_bec 06.03.2019

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