Elterncouch IQ 152 - aber bitte keinem sagen

Auch ein überragender Verstand braucht Hilfe bei der Entfaltung.
Jekaterina Nikitina/ Getty Images

Auch ein überragender Verstand braucht Hilfe bei der Entfaltung.


Wie entwickeln Kinder Spaß am Lernen? Und wie können Eltern sie damit fördern? Die Begegnung mit einem merkwürdigen Mann macht Theodor Ziemßen nachdenklich.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Theodor Ziemßen schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Juno Vai und Jonas Ratz.

Es ist schon ein paar Monate her, dass ich dem jungen Mann begegnet bin. Wir waren damals beide in einer Klinik, er war 19 Jahre alt. Das erste Mal sah ich ihn, da spielte er gerade Tischtennis mit einem anderen Patienten.

Der junge Mann war auffallend höflich, fast unterwürfig, spielte immer gerade so gut, dass das Spiel ausgeglichen war. Ja, es schien, als hätte er sogar seine Ausdrucksweise seinem Spielpartner angepasst.

Er sprach auffallend korrekt, betonte jedes einzelne Wort - und dann schmolzen doch manchmal einzelne Worte zusammen oder er verschliff Konsonanten. Ich kenne diese Art zu reden. Wir wohnen in einer Straße mit einer großen Schule und ich spaziere oft in Trauben wild durcheinanderredender Jugendlicher zur S-Bahn. Immer, wenn er merkte, dass ihm seine Sprache entglitt, zügelte er sich, zupfte die Worte zurecht, wie die Tischdecke in einem vornehmen Restaurant.

Später sah ich ihn im Essraum mit einigen der älteren Herren darüber stammtischplaudern, was falsch läuft in Deutschland, mit der Politik, mit Merkel. Jetzt redete er völlig anders, er sprach wie die Männer, dehnte die Vokale, hustete Silben hervor und unterstrich manches mit fassungslosem Kopfschütteln.

Im Spielezimmer sah ich ihn eine Partie Schach gewinnen, lachend und so beiläufig als wäre es "Mensch ärgere dich nicht". Ein anderes Mal saß er neben einer Mitpatientin und zählte bestimmt 30 europäische Hauptstädte auf. Er machte einfach weiter, bis sie die hatte, die in ihr Kreuzworträtsel passte.

Er sah mich an, als hätte ich ihn bei einer Straftat erwischt

Am dritten oder vierten Tag spielten wir beide Tischtennis. Wir machten Quatsch, redeten Blödsinn. Ich weiß nicht, ob es ihm wirklich Spaß gemacht hat, oder ob unsere Albernheit für ihn nur eine weitere Rolle war, die er hervorragend beherrschte und in die er sich bis zur Unsichtbarkeit einfügte.

"Darf ich dich etwas fragen?", sagte ich irgendwann. Und vielleicht war diese höflich vorgetragene Bitte schon ein Warnsignal für ihn.

"Klar", sagte er, aber es war eine zögerliche Antwort.

"Hast du eigentlich mal einen IQ-Test gemacht?"

Er sah mich an, als hätte ich ihn bei einer Straftat erwischt. "Ja."

"Und?"

"152 oder so."

"Beeindruckend."

Er wirkte immer nervöser.

Schnell sagte ich: "Ich hab mal gehört, man braucht 80, um eine Banane zu öffnen, da kriegst du ja fast zwei zugleich auf."

Aber es half nichts. Bald danach sagte er, er habe keine Lust mehr, legte den Schläger an seinen Platz und ging.

"Lieber das als keine Freunde"

Von da an schien er mir aus dem Weg zu gehen. In den kurzen Gesprächen, die sich trotzdem ergaben, fand ich heraus, dass er auf eine Gesamtschule in seinem Stadtteil gegangen ist. Ich kenne sie aus der Zeitung, dort steht meist "Problemschule" und "Problembezirk". Einmal sagte ich, dass er ja ziemlich gut in der Schule gewesen sein musste. Das sei auf keinen Fall drin gewesen, antwortete er. Er habe es immer so gemacht, dass er so knapp über mittelgut war. Warum? "Lieber das als keine Freunde."

Und seine Lehrer, was hätten die nach dem IQ-Test gemacht? Die hätten auch schon ohne ihn genug Probleme gehabt. Und seine Eltern? Die hätten am Anfang ein paar Mal gefragt, warum er keine besseren Noten nach Hause brachte. Für einen Studienplatz habe es gereicht. Nach der Schule habe er angefangen, Informatik zu studieren. Leicht falle ihm das nicht. Sie hätten ja nichts gelernt auf seiner Schule und das, was die anderen längst wissen, müsse er halt alles jetzt kapieren.

Einige Wochen nach der Reha begegneten wir uns in einem Bus. Ich freute mich, ihn zu sehen, ich hatte das Bedürfnis, mich zu ihm zu setzen, ihn zu fragen, wie es ihm ging. Aber er streifte mich nur mit seinem Blick und ging nach hinten durch.

Der Verstand ist ein wunderbares Werkzeug

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich verstanden habe, warum mich seine Geschichte so berührt. Es ist nicht die Befürchtung, dass er sein Potenzial nicht in üppige Gehälter oder eine steile Karriere ummünzen könnte. Es ist dieses wunderbare Werkzeug, das er hat und mit dem er so offensichtlich völlig allein gelassen wurde. Niemand hat ihm geholfen, zu lernen, wie er seinen besonderen Verstand nutzen und pflegen, verfeinern und schärfen kann. Niemand, der ihm zeigt, was für eine ungeheure Freude das Denken, Fragen und Verstehen machen kann.

Als ich den jungen Mann kennenlernte, kam Benjamin gerade in die Vorschule. Seit wir uns begegnet sind, frage ich mich, ob es mir gelingt, jemand für Benjamin zu sein, der ihn inspiriert, sich für seinen Kopf und alles, was er kann, zu begeistern. Ich rede nicht von musikalischer Früherziehung, um das Gehirn optimal zu vernetzen; vom Schachklub zur Förderung des logischen Denkens; oder Tennisstunden, damit das Kind Willensstärke und Durchhaltevermögen lernt.

Ich frage mich einfach, ob ich ihm eine Hilfe dabei bin, neugierig auf die Welt zu sein, Spaß an Fragen zu haben, Freude daran, herauszufinden, wie die Dinge zusammenpassen, funktionieren, entstehen. Benjamin und ich sind sicher keine Wunderkinder, das sind ja die wenigsten von uns. Und das ist auch okay. Denn auch ein "durchschnittlicher" Verstand ist ein wunderbares Geschenk, mit dem wir die tollsten Sachen anstellen können.

Es gehört zu meinen liebsten Beschäftigungen, Benjamin bei der Beantwortung seiner Fragen zu assistieren oder mit ihm Dinge zu besprechen, die mir gerade durch den Kopf gehen. Am schönsten ist es immer, wenn wir gemeinsam etwas nicht wissen und versuchen, es zusammen herauszufinden. "Eine tolle Frage!", rufe ich manchmal fast schon ein bisschen albern begeistert aus - und bin ganz dankbar, dass noch immer kaum an Tag vergeht, an dem ich nicht etwas Neues lerne.

Ich wünsche dem jungen Mann sehr, dass er auch etwas findet, an dem er seinen Verstand entzünden kann.


Liebe Leserinnen und Leser, wie helfen Sie Ihren Kindern, Spaß am Denken und Lernen zu haben? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Theodor Ziemßen,
    Vater von Benjamin, 6, und Willem, 2

    Liebstes Kinderbuch: "Pu der Bär", das Original. Aber immer, wenn ich daraus vorlesen will, sagt Benjamin "Das andere 'Pu der Bär'" - und holt ein hässliches Winnie-Puuh-Buch von Disney raus, das er mal von meiner Mutter bekommen hat.

    Nervigstes Kinderspielzeug: Mein kaputter ferngesteuerter Hubschrauber. Weil ich versprochen habe, ihn wieder zum Laufen zu bringen.

    Erziehungsstil: Immer versuchen, fair, freundlich und verlässlich zu sein - auch sich selbst gegenüber.

    Theodor Ziemßen eine E-Mail schreiben.



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32 Leserkommentare
rstevens 31.03.2019
Gleichstrom 31.03.2019
tobi.oe 31.03.2019
lathea 31.03.2019
DasRotkaeppchen 31.03.2019
FXRichter 31.03.2019
rambuteau 01.04.2019
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volker12 01.04.2019
Outdated 01.04.2019
don_martini 01.04.2019
Olaf 01.04.2019
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Gerd@Bundestag.de 01.04.2019
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