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17. Oktober 2016, 16:07 Uhr

Gesägt, getan

Zapfen-Streich beim Hobbyschreinern

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Einmal etwas verzapfen, das die Generationen überdauert - davon träumt jeder Handwerker. Aber: Gut gemeint ist noch lange nicht gut gemacht.

In meinem Heimatort gab es einen alten Schreiner. Seine Werkstatt roch wundervoll nach Holz, an viel mehr kann ich mich leider nicht erinnern. Er starb, als ich noch sehr klein war. Aber ich bin sicher, dass er ein hervorragender Schreiner war.

Bei mir zu Hause stehen heute noch ein von ihm gebauter Hocker und ein Schemel, die fast so alt sind wie ich. Sie knarzen nicht, sie wackeln nicht. Sie sind unkaputtbar. Das ist das Geheimnis ihrer Langlebigkeit und Stabilität: Sie sind verzapft, also bombenfest verbunden ganz ohne Schrauben oder Nägel, nur dank ihrer Form und ein wenig Leim.

In mir reifte ein Gedanke: Ich würde eine Bank mit verzapften Teilen bauen. Dieses Stück sollte die Jahrzehnte überdauern, einst würden meine Enkel mit derselben Bewunderung darauf schauen wie ich auf Hocker und Schemel.

"Da ist ja ausreichend Platz"

Nun ja. Ich habe eine Bank gebaut, die Zapfen hat, eine Schwalbenschwanzverbindung. Und prinzipiell ist nicht ausgeschlossen, dass die Enkel sich das Ding dereinst anschauen werden. Nur bei der Bewunderung bin ich mir nicht so sicher.

Wohlwollend könnte man sagen, dass ich es zu gut gemeint habe. Wie damals, als ich als Grundschüler einen kleinen Baum zurückstutzte - so sehr, dass am Ende nur noch der Stamm und zwei Zweige übrigblieben.

Keine Ahnung, woran es bei der Bank lag. Aber ich habe mit Säge, Stechbeitel und Klopfholz zu viel Material abgenommen. Zwischen Zapfen und Zinken ist so viel Platz, dass sogar die Dame des Hauses, die meine Bastelarbeiten sonst meist stillschweigend hinnimmt, einen Kommentar abgab. Mit Bedauern blickte sie auf die Spalten meiner Wackelkonstruktion und sagte: "Da ist ja ausreichend Platz". Und ehrlich gesagt war das noch sehr gnädig. Jeder Staubsaugerstecker sitzt fester in der Steckdose als meine Bank-Sitzplatte auf den Seitenteilen.

Pizzaservice statt Drei-Gänge-Menü

Ich hatte damit gerechnet, klopfen, drücken, nacharbeiten zu müssen, damit die Teile ineinanderpassen. Stattdessen war es wie bei einem Teil eines Kleinkind-Steckpuzzles: Viel Platz außenherum, damit es leicht in die Lücke passt. Die Spalten zwischen Zinken und Zapfen waren so groß, dass auch eine Flasche Leim nichts gebracht hätte.

So bleibt mir nur der schwache Trost, dass immerhin der Zapfen-Look vorhanden ist und die Lücken von Weitem nicht besonders auffallen. Von einer bombenfesten Verbindung ist die Bank aber weit entfernt.

Deshalb blieb nur der Weg der Notlösung. Ich fühlte mich wie jemand, der die Freunde großspurig zum Essen eingeladen hat und dann den Pizzaservice anrufen muss, weil das selbst gekochte Drei-Gänge-Menü ungenießbar ist. Ich baute an beiden Ecken eine Verstrebung ein. Das gab der Bank die Stabilität, die ihr eigentlich schon die Zapfen hätten geben sollen.

Mal schauen, wie lange das Ding hält.

In Bildern: So ging mein Projekt voran


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