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Justiz Wiederholt erregt

Ein harmloser Westfale sitzt seit einem Dreivierteljahr in einem Detmolder Gefängnis. Sein Verbrechen: Er zieht sich gern aus.
aus DER SPIEGEL 44/1992

Der Körper des Gewichthebers Ernst Wilhelm Wittig erinnert an den David von Michelangelo: V-förmig wächst der Oberkörper aus schmalen Hüften, stramm, glatt und rund wölben sich die Hinterbacken, und das Geschlechtsteil ist so bescheiden bemessen, daß schamhafte Zeitgenossen ganz leicht daran vorbeigucken können.

Doch während Jahr für Jahr Hunderttausende die Florentiner Skulptur als Spitzenprodukt der Bildhauerkunst bewundern, wird der Bielefelder Bodybuilder mit Polizei- und Staatsgewalt daran gehindert, seine athletischen Formen öffentlich auszustellen. Seit einem dreiviertel Jahr sitzt der arbeitslose Wittig in der Justizvollzugsanstalt Detmold ein; der Sozialhilfeempfänger kann die Geldstrafen nicht bezahlen, zu welchen er wegen »Belästigung der Allgemeinheit« verknackt worden ist.

Wittig nervt Polizei, Justiz, Biedermänner und Bürgermeister mit seinem Freikörper-Tick. Mal durchkreuzt er, nur bedeckt mit einem Schirmkäppi und Turnschuhen, auf seinem Rennrad die ostwestfälische Stadt. Mal stemmt er an kundenstarken Samstagen in der Fußgängerzone die Hantel. Und im Kommunal-Wahlkampf stahl er manchem Redner die Schau - wer will sich noch auf die Abwasserentsorgung konzentrieren, wenn nebenan einer Striptease macht.

Wittig versteht sich als lebendes Kunstwerk: »Ich kämpfe um meine Anerkennung, damit ich durch meine harte Arbeit auch Geld verdienen kann.« Immerhin kamen prominente Nackedeis wie der Marmor-David oder Ausziehkönigin Madonna zu Ruhm durch ihre Hüllenlosigkeit.

Auch in Bielefeld, bestätigt Niko Ewers, Grünenmitglied im Kulturausschuß der Stadt, gehört der Berufsnudist, der selbst bei Minusgraden keinen Weihnachtsmarkt scheut, für manche schon zum Stadtbild - bei der Neuen Westfälischen traf mit der Fanpost ein handgestricktes Säckchen für Wittigs Manneszier ein, Liebesapfel-rot, mit einem Bommel geschmückt.

Für Sympathiekundgebungen dieser Art geht Bielefelder Offiziellen das Verständnis ab. Oberbürgermeister Eberhard David läßt ausrichten: »Kein Kommentar.« Seit der ganz und gar unvermummte Muskel-Demonstrant sich zur Eröffnung eines Weinfestes neben den CDU-Politiker ins Bild drängte, ist der mit seiner Toleranz am Ende. Wittig hat Hausverbot in sämtlichen städtischen Gebäuden und Einrichtungen, Freibäder eingeschlossen.

Schulleiter und der Rektor der Universität stellten Strafantrag gegen das ehemalige Aktmodell der Fachhochschule für Design, nachdem Wittig Eltern, Lehrer und Professoren durch nackte Posen wiederholt erregt hatte. In der Bielefelder Karstadt-Filiale bat man den textilfreien Kunden zwar nach Kauf einer Badehose zur Kasse, dann jedoch rief die Geschäftsleitung die Polizei, die den Schausteller festnahm.

180 Tagessätze sitzt Wittig, den trotz seiner 45 Jahre alle nur Ernie nennen, derzeit ab. Er müsse aufpassen, sagt Richter Karl Oberlies, daß seine Aktionen »nicht ins Geschlechtliche abgleiten«. Entnervte Ordnungshüter sammeln Vorwürfe und Gerüchte, wonach der sanfte Exhibitionist Hand an sich gelegt haben soll. Ernie bestreitet das: Meist sei es »viel zu kalt, um Erotik-Gefühle zu bekommen«.

Im Grunde, meint Jurist Oberlies, müsse die Gesellschaft mit harmlosen Spinnern anders fertig werden als über Bußgeld und Gefängnis. Doch es ist abzusehen, daß sich der gelernte Schlosser einen Stammplatz hinter Gittern erstrippt.

Denn Ernies Trieb ist stärker als die Angst vor Vollzug. Selbst die Anwesenheit der Gefängniswärter wirkt auf den Häftling entfesselnd. An Sonntagen, wenn sich Besucher in der Anstalt drängen, setzt der Insasse mit dem Aktenzeichen 930 0Wi2455 1684/91 sein schönstes Lächeln auf und läßt die Hosen runter.

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