Wien tanzt Peitschende Dominas und verführte Kardinäle

Stars wie Elton John und Esther Schweins, Sternchen wie Jenny Elvers und Nadja Abdel Farrag und jede Menge Schaulustige: Beim Life Ball in Wien tanzten Tausende gegen Aids und für eine bessere Welt.




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Wien - Kaiserin Sissy und ihr Märchenkönig Ludwig flanieren im Arkadenhof, ein Paar von Paradiesvögeln mit ausladendem Federkleid schnäbelt auf der Festtreppe und im gotischen Saal rocken griechische Götter zu Techno-Rhythmen. In schrillen und fantasievollen Kostümen verwandelten etwa 10.000 Gäste beim 9. Wiener Life Ball am Samstagnacht das Rathaus in einen Tanzpalast. Stargast Elton John übermittelte bei der Eröffnung am Rathausplatz die Botschaft der schrägen Charity-Party, den Kampf gegen Aids und das Eintreten für eine bunte, vielfältige Welt voll Toleranz.

Allerhand bunte Vögel trafen sich auf dem Life Ball
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Allerhand bunte Vögel trafen sich auf dem Life Ball

Tausende Schaulustige säumten den Platz zwischen Rathaus und Burgtheater, als Jenny Elvers, Esther Schweins und Nadja Abdel Farrag in die Rolle von Models schlüpften und als ersten Höhepunkt des Abends die neue Kollektion des Mailänder Stardesigners Roberto Cavalli präsentierten. Auch TV-Schwergewicht Ottfried Fischer defilierte in Hemd mit Pelzkragen über den Laufsteg, der als "Red Ribbon", der roten Schleife der Aids-Solidaritätsbewegung, gestaltet über den Platz führte. Vom plötzlich einsetzenden Dauerregen ließen sich die Models und Zuschauer nicht beeindrucken.

In den mit rotem Teppich ausgelegten schier endlosen Gängen, Freitreppen und Hallen im Inneren des weitläufigen neugotischen Rathauses fanden indessen die Drag-Queens und Größen der schwulen Szene von Lilo Wanders bis "Miss Candy" eine ideale Kulisse für schillernde Auftritte. Flanieren, Reizen und Flirten ist denn auch der Sinn der Feier, und spontan ergeben sich in den ehrwürdigen Gemächern des Rathauses effektvolle Inszenierungen.

Höflich verbeugt sich da ein Rokoko-Lakaie vor einer strengen Domina, die mit einem gezielten Peitschenhieb antwortet. Ein Kardinal lässt sich von einer nur mit Bodypainting angetanen Teufelin zum Tanz verführen und ein Männerballett umschwärmt tänzerisch einen Trupp römischer Gladiatoren. Lack und Leder, Fetisch und Brokat, der Fantasie sind in dem schrillen Ball ebenso wenig Grenzen gesetzt wie erotischer Anzüglichkeit und spielerischer Laszivität.

Vom skeptisch beäugten Schwulen-Ball zum Szene-Tipp

Musikalisch heizte Operetten-Queen Dagmar Koller, die mit gefeierten Gesangseinlagen bei der Wiener Regenbogenparade zu einer Ikone der schwulen Szene geworden ist, ihren Fans mit einer House-Show ein. Lisa Stansfield brachte die Tanzwütigen mit einem Live-Auftritt zum Toben. Cindy Lauper, in rotweißem Barock-Kostüm, steuerte mit "True Colours" die heimliche Hymne des Abends bei. In der "Wedding Chapell" gaben einander Heiratswillige, als Männer-Frauen oder auch konventionell gemischte Paare, das Ja-Wort. Ein Programmpunkt, der als Appell an die Politik für rechtliche Gleichstellung Homosexueller angelegt war.

Der Wiener Life Ball ist eine der weltweit größten Wohltätigkeitsveranstaltungen zu Gunsten Aidskranker und die einzige, die auf offiziell politischem Boden gefeiert wird. Gründer Gery Keszler hat den Ball 1993 ins Leben gerufen. Anfangs vor allem als Schwulen-Ball skeptisch betrachtet, wurde die schrille Party schnell zu einem Szene-Highlight. Im vergangenen Jahr wurde ein Reinerlös von 10 Millionen Schilling (rund 1,4 Millionen Mark) an Aidshilfe-Projekte weitergegeben. In diesem Jahr unterstützt der Life Ball unter anderen die Elton John Aids Foundation mit fünf Millionen Schilling.

Irmgard Schmidmaier, dpa



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