Als gleichgeschlechtliches Paar beim Wiener Opernball "Irgendwer muss Erster sein"

Zum ersten Mal wird beim Wiener Opernball ein gleichgeschlechtliches Tanzpaar debütieren: Sophie Grau und Iris Klopfer. Der Groll des Ball-Urgesteins "Mörtel" Lugner lässt sie kalt.
Ein Interview von Alexander Preker

Die Schulfreundinnen Iris Klopfer und Sophie Grau wollen beim Wiener Opernball gemeinsam tanzen. Wenn nichts dazwischenkommt, ziehen sie am 20. Februar als erstes gleichgeschlechtliches Tanzpaar in der Geschichte des konservativen Balls mit den Jungdamen- und Jungherrenkomitees in den Ballsaal ein. Entsprechend groß ist der Wirbel um das Debüt der beiden Schwäbinnen.

Opernball-Urgestein Richard "Mörtel" Lugner polterte, Tanzpaare sollten aus Mann und Frau bestehen. Die Tradition der Veranstaltung würde sonst zerstört, so der Bauunternehmer. Staatsoperndirektor Dominique Meyer dagegen rechtfertigte die Zulassung: "Wir befinden uns nicht mehr im 19. Jahrhundert." Die Entscheidung sei auch ein Zeichen gegen Homophobie. Opernballorganisatorin Maria Großbauer sagte, sie freue sich über die Aufnahme der beiden ins Komitee.

Was bedeutet den Tänzerinnen ihre Teilnahme an dem Event, dessen Ursprünge bis in die Zeit des Wiener Kongresses zurückreichen? Wer trägt Frack und wer Ballkleid? Und würden sie sich mit Lugner auf einen Drink treffen?

SPIEGEL: Sie debütieren als erstes gleichgeschlechtliches Tanzpaar beim Wiener Opernball. Wollen Sie damit klassische Rollen aufbrechen?

Grau: Es geht uns nicht um Ideologie, wir wollen einfach zusammen tanzen.

Klopfer: Auf das Geschlecht kommt es nicht an, ich habe schon mit vielen Männern getanzt, die schlecht führen. Aber bei uns passt das Spiel von Führen und Folgen. Und ich fühle mich im Ballkleid wohl. Bei Sophie ist das etwas anders.

Grau: In legeren Kontexten oder im Theater nehme auch ich Frauenrollen an und trage mal ein Kleid. Aber bei einem so ernsten Ball ist das für mich nichts, denn ich identifiziere mich als nichtbinär. Das heißt, die starre Einordnung in männlich und weiblich passt für mich nicht.

SPIEGEL: Wie verteilen Sie also die Rollen beim Ball?

Grau: Iris kommt im weißen Kleid, ich komme in Frack und Hose.

SPIEGEL: Und wer von Ihnen führt?

Grau: Bei der Polka und dem Walzer, das sind an diesem Abend die wichtigsten Tänze, die auch im Fernsehen übertragen werden, werde ich führen, allein schon wegen des Outfits. Den Abend über wollen wir uns dann abwechseln, ganz so wie es uns gefällt. Wir sind beide führfähig.

SPIEGEL: Wollen Sie mit Ihrem Auftritt ein Zeichen für Vielfalt setzen?

Grau: Wir haben uns nicht deshalb angemeldet. Wir haben aber gemerkt: Oh, wir sind die Ersten. Dann haben wir gedacht: Schade, dass wir die Ersten sind. Und dann: Irgendwer muss Erster sein. Jetzt stellen wir uns dem. Standardtanz ist schon noch sehr binär geprägt, von der Aufteilung in Mann und Frau. Längst nicht alle sind so offen wie die Tanzschule in Ludwigsburg, bei der Iris und ich Tanzen gelernt haben. Da habe ich im Bronzekurs einfach geführt.

SPIEGEL: Was haben Freunde und Familie zu Ihren Ballplänen gesagt?

Klopfer: Anfangs waren meine Eltern skeptisch, denn die Teilnahme kostet viel Geld, allein die Karte war 140 Euro teuer. Wir hatten erst gar nicht mit einer Zusage gerechnet, denn wir sind ja nicht aus Österreich. Aber als wir genommen wurden, waren auch meine Eltern stolz, denn es bewerben sich viele Paare. Die Karte haben sie mir dann zu Weihnachten geschenkt.

Grau: Und ich bekomme einen maßgeschneiderten Frack.

SPIEGEL: Wie war das für Sie beim Herrenausstatter?

Grau: Das lief relativ streng ab, Schwarz als Farbe ist ja vorgegeben, mehr als ein leicht gemustertes Innenfutter war nicht drin. Ich musste zwischen einem schweren Stoff wählen, der besser fällt, und einem leichten, in dem man weniger schwitzt. Etwas ratlos habe ich mich dann für eine mittlere Variante entschieden. Jetzt hoffe ich, dass er pünktlich fertig wird.

SPIEGEL: Und wie hat man darauf reagiert, dass kein Mann hereinkam?

Grau: Ich musste betonen, dass ich tatsächlich gern den klassischen Herrenanzug hätte. Nachdem ich die Vorgaben gezeigt habe, konnte ich aber locker die Stoffe aussuchen.

SPIEGEL: Haben Sie so etwas vorher schon einmal getragen?

Grau: Mit meiner Größe und Figur kann ich keinen Anzug von der Stange tragen. Vielleicht ziehe ich den Frack aber auch nach dem Ball mal in die Oper an.

SPIEGEL: Der wohl bekannteste Gast des Opernballs, Richard "Mörtel" Lugner, hat schon seinen Unmut darüber geäußert, dass Sie ausgewählt wurden: Er schimpfte, Sie beide würden "Traditionen zerstören", Paare aus Mann und Frau seien "naturgegeben".

Klopfer: Traditionell ging es beim Opernball ja auch darum zu debütieren – und damit darum, seine Kinder zu verheiraten. Diese Tradition gibt es heute zum Glück auch nicht mehr.

Grau: Da sind Paare wie wir, begeisterte Tanzpartner.

Klopfer: Und die anderen bestehenden Traditionen halten wir ein. Wir können gut tanzen und erfüllen den Dresscode.

Grau: Der Dresscode hat auch einen Sinn, um das schwarz-weiße Bild auf der Bühne zu wahren. Das verstehen wir, bis hin zu den Silhouetten. Beim Ball lehne ich mich dann auch in meine maskulinen Aspekte. Ein Paar, bei dem beide Kleid tragen wollen, hätte es vermutlich schwerer.

SPIEGEL: Fühlen Sie sich von der Kritik denn angegriffen?

Grau: Auf eine abstrakte Art und Weise ja, aber ich habe ja nichts mit Herrn Lugner zu tun. Bereits in der Schule galt ich als etwas Besonderes und war Teil der LSBTQ-Community. Er hat daher nichts geäußert, was ich nicht schon irgendwo mal gehört hätte.

SPIEGEL: Würden Sie sich auf dem Ball denn mit ihm auf einen Drink treffen?

Klopfer: Das kommt ganz auf die Situation an. Wir würden nicht auf ihn zugehen und sagen: "Wir sind übrigens die zwei, die Sie nicht sehen wollten." Wir wollen den Abend genießen und sind nicht auf Provokation aus. Es gibt aber auch viele ältere Leute, die interessiert nachfragen, einfach, weil Menschen früher weniger offen ihre queere Identität ausgelebt haben. Als meine Großtante mitbekam, dass ich mit Sophie zum Opernball gehe, musste meine Mama auch sie erst einmal aufklären.

Grau: Ich finde es schön, zu wissen, dass wir Menschen zum Nachdenken anregen. Und das einfach nur, indem wir gemeinsam tanzen. Wir sind ja noch nicht mal privat ein Paar.

SPIEGEL: Die Veranstalter des Opernballs haben zu Ihrer Bewerbung nüchtern beschieden: "Die Voraussetzung, einen Linkswalzer tanzen zu können, ist erfüllt."

Klopfer: Es ist gut, dass die da kein großes Ding daraus machen, denn es sollte normal sein.

Grau: Oft wird so etwas gehypt, wie zuletzt der erste homosexuelle Kuss bei "Star Wars". Aber nur einer der beiden Charaktere wurde überhaupt benannt und kam im Rest des Films nicht vor. Wenn wir vom Opernball so hervorgehoben worden wären, hätte mich das verletzt.

SPIEGEL: Wie kamen Sie denn überhaupt auf die Idee, sich zu bewerben?

Klopfer: Ich gehe sehr gern auf Bälle. Und der Opernball ist DER Ball schlechthin - in der coolsten Kulisse und mit einem besonderen Flair. Wir tanzen seit sechs Jahren hobbymäßig, sobald irgendwo Musik läuft, selbst in einer Warteschlange vor einem Ticketschalter im nasskalten London.

Grau: Wir haben ein Video vom Opernball gesehen und dann den Entschluss gefasst. Für die Bewerbung mussten wir, da wir außerhalb Wiens wohnen, Lebensläufe, Tanzerfahrung, Informationen zur Tanzschule, aber auch Bilder einschicken.

SPIEGEL: Gibt es noch weitere Traditionsveranstaltungen, die Sie aufmischen wollen?

Grau: Das überlassen wir anderen, debütiert haben wir dann ja. Wir wollen ja auch nicht nur diejenigen sein, die zu Bällen gehen, um dort das Homo-Debüt zu machen. Wir haben stattdessen beide vor, uns stärker in LSBTQ-Gruppen zu engagieren. Ich würde zum Beispiel gern auch mal einen Christopher Street Day oder eine andere Pride-Veranstaltung mitorganisieren.