Schweigegebot im öffentlichen Nahverkehr Wieso sollen Fahrgäste in der S-Bahn den Mund halten, Herr Wortmann?

Kampf den Aerosolen: Damit sich im öffentlichen Nahverkehr möglichst wenige Menschen infizieren, sollen sie schweigen. So fordert es zumindest Ingo Wortmann, Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen. Als Gängelung sieht er das nicht.
Ein Interview von Lisa Duhm
Schweigen gegen das Virus: »30 Sekunden Sprechen produziert ähnlich viele Aerosole wie ein kurzes Husten«

Schweigen gegen das Virus: »30 Sekunden Sprechen produziert ähnlich viele Aerosole wie ein kurzes Husten«

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Frank Hoermann / SVEN SIMON / imago images

SPIEGEL: Herr Wortmann, Sie hätten es gern still in Bahn und Bus. Wieso?

Ingo Wortmann: Beim Sprechen stoßen Menschen viele Aerosole aus, es ist im Hinblick auf eine Übertragung des Coronavirus ähnlich gefährlich wie Husten. Die Aerosole beim Sprechen sind sogar noch etwas feiner und können länger in der Luft verbleiben. Wir verstehen unseren Aufruf aber nicht als Schweigegelübde wie im Kloster. Bestimmte Regeln gehören jetzt schon zur guten Etikette, etwa das Husten und Niesen in die Armbeuge. Wir würden dem gern einen weiteren Punkt hinzufügen und vor allem lautstarkes Telefonieren verhindern.

SPIEGEL: Der öffentliche Nahverkehr ist für gewöhnlich ein kommunikativer Ort, Menschen unterhalten sich mit ihren Sitznachbarn und ja: telefonieren. Kann man den Leuten wirklich das Reden verbieten?

Wortmann: Wir können und wollen unseren Fahrgästen das Sprechen auf keinen Fall verbieten. Im Sinne des Hausrechts könnten wir das Telefonieren zwar untersagen, aber auch darauf wollen wir verzichten. In meiner Rolle als Vorsitzender der Geschäftsführung der Münchner Verkehrsgesellschaft arbeite ich zurzeit stattdessen an einer neuen Empfehlung für den Nahverkehr in München. Die beinhaltet zum Beispiel, dass in den älteren Zügen die Klappfenster dauerhaft geöffnet bleiben sollen. Und eben, dass Fahrgäste Telefonate lieber außerhalb von Bus uns Bahn führen. Wir setzen dabei auf das Verantwortungsbewusstsein jedes Einzelnen. Wir wollen unsere Fahrgäste nicht gängeln, sondern zusätzlich schützen.

»Schon 30 Sekunden Sprechen produziert ähnlich viele Aerosole wie ein kurzes Husten«

Ingo Wortmann

SPIEGEL: Die neu auferlegte Pflicht zu medizinischen Masken im öffentlichen Nahverkehr haben Sie als »nicht nötig« bezeichnet – gleichzeitig wollen Sie, dass Fahrgäste in Bus und Bahn schweigen. Ist diese Maßnahme wirklich so viel wirkungsvoller?

Wortmann: Ich habe meine Meinung aufgrund der aktuellen Entwicklungen inzwischen etwas geändert. Natürlich sollten wir alles dafür tun, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus im ÖPNV zu verhindern. Dabei helfen FFP2-Masken und auch die OP-Masken besser als einfache Alltagsmasken. Ich hatte die Sorge, dass bei einer bundesweiten FFP2-Maskenpflicht im ÖPNV und im Einzelhandel nicht genügend Masken zur Verfügung stehen würden, und auch, dass diese Pflicht ein Gefälle zwischen Arm und Reich manifestieren würde. Soweit ich die Lage hier in Bayern beurteilen kann, ist aber alles gut über die Bühne gegangen und es wurden auch entsprechende Masken an Menschen verteilt, die sich diese nicht leisten können. Deshalb begrüße ich die neue Regel inzwischen, zumal ja explizit auch die preiswerteren OP-Masken in die bundesweite Pflicht mit aufgenommen wurden. Wissenschaftlich belegt ist aber, dass schon 30 Sekunden Sprechen ähnlich viele Aerosole produziert wie ein kurzes Husten. Und ich selbst habe schon beobachtet, wie sich jemand in der Bahn zum Telefonieren die Maske herunterzog – das ist völlig inakzeptabel.

SPIEGEL: Bis jetzt macht der Bund keine Anstalten, das Redeverbot im öffentlichen Nahverkehr vorzuschreiben. Wie würden Sie es im Fall des Falles durchsetzen wollen?

Wortmann: Ich fahre selbst noch regelmäßig Bahn, zuletzt habe ich die U-Bahn zu meiner Arbeitsstelle genutzt. Mein Eindruck ist, dass die Menschen sich sehr diszipliniert an die Regeln halten. Auch die neue Maskenpflicht ist recht problemlos umgesetzt worden. Am Montag, dem ersten Tag, an dem die neue Regel galt, haben Kontrolleure zwar vereinzelt Menschen ohne FFP2-Maske angetroffen. Die erklärten dann aber, dass ihre bestellten Masken einfach noch nicht angekommen seien. Wir haben da keinen Widerstand gespürt. Momentan fährt niemand zum Spaß ÖPNV. Die Leute halten sich an die Regeln. Auch an dieser Stelle würden wir auf das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen setzen. Wir können nicht alles kontrollieren und wollen unsere Fahrgäste auch nicht mit Verboten abschrecken.

SPIEGEL: Ist so ein Redeverbot in Bus und Bahn nicht dennoch eine Steilvorlage für all diejenigen, die schon jetzt gern von der Maske als »Maulkorb« sprechen?

Wortmann: Unter anderem deshalb wollen wir kein generelles Verbot. Damit würden wir möglicherweise eine Verweigerungshaltung provozieren. Mit einer Empfehlung aber bieten wir deutlich weniger Angriffspunkte. Gerade vor dem Hintergrund der hohen Zahlen von Toten sollte doch der gesunde Menschenverstand siegen. Ich glaube, dass es in unserem Land deutlich mehr mündige Staatsbürger als Verschwörungstheoretiker gibt.

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