Rekordstatistik Warum die Zahl der Wildunfälle steigt

Alle zwei Minuten kommt es auf deutschen Straßen zu einem Unfall mit einem Wildtier. Die Zahlen sind so hoch wie nie. Was steckt hinter dem Anstieg?

Ein totes Reh liegt nach der Kollision mit einem Auto am Straßenrand.
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Ein totes Reh liegt nach der Kollision mit einem Auto am Straßenrand.

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Es war Dienstag, 7 Uhr morgens, als ihr plötzlich ein Reh gegenüberstand. Die Frau war mit ihrem Opel auf einer Landstraße im Landkreis Osterholz nördlich von Bremen unterwegs. Die 23-Jährige bremste ab, wich dem Tier aus - und fuhr gegen einen Baum. Laut einer Sprecherin der Polizei trug sie nur leichte Verletzungen davon, am Auto entstand ein Schaden von 5000 Euro. Dem Reh passierte nichts.

Geht es nach dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) passiert das auf deutschen Straßen alle zwei Minuten. 263.000 Pkw-Unfälle mit Wildtieren haben Versicherte dem GDV im vergangen Jahr gemeldet - ein Rekordwert. Meist geht die Begegnung mit dem Tier auf der Straße glimpflich aus, doch nicht immer: Allein im vergangenen Jahr haben sich 608 Menschen bei solchen Unfällen schwer verletzt und 13 Menschen starben, meldet das Statistische Bundesamt. Die Zahl der Unfälle steigt seit Jahren, wie folgende Tabelle zeigt:

Warum sind die Zahlen gestiegen?

Eine eindeutige Antwort gibt es darauf nicht. Ein Grund: Die Zahl der Kaskoversicherten ist in den vergangenen zehn Jahren um etwa 15 Prozent gestiegen, was aus Statistiken des GDV hervorgeht. Damit ist die Gruppe derjenigen, die Wildschäden von ihrer Versicherung bezahlen lassen kann, größer. Doch da Wildunfälle im gleichen Zeitraum um rund 30 Prozent gestiegen sind, erklärt das nur einen Teil der Zahlen.

Torsten Reinwald, Pressesprecher des Deutschen Jagdverbandes und Biologe sagt: "Faktor Nummer eins für die vielen Unfälle ist das hohe Verkehrsaufkommen." In den vergangenen Jahrzehnten habe sich dieses auf Bundesstraßen vervielfacht - ebenso wie die Zahl der Wildtierunfälle.

Doch Zeitreihen der Bundesanstalt für Straßenwesen zeigen: Seit 1954 hat der Verkehr auf Autobahnen und Bundesstraßen zwar zugenommen, doch seit einigen Jahren sind die Steigerungen gering, in manchen Jahren verzeichnen die Experten sogar einen Rückgang.

Deshalb hat Jürgen Berlitz, Fachreferent für Verkehr des ADAC eine andere Erklärung: "Es gibt mehr Wildschwine, deswegen haben die Unfälle vermutlich zugenommen." Reinwald vom Jagdverband erklärt, dass die Bestände der Wildtiere generell gestiegen seien, denn: "Das Nahrungsangebot ist unglaublich." Ein Beispiel: Raps- und Maisfelder. Diese seien ein Schlaraffenland für Rehe, Hirsche und Wildschweine - und seit 1960 sei die Anbaufläche von Mais und Raps stark angestiegen, die Tiere haben also mehr zu fressen.

Doch auch die Abschussquoten seien seit 1975 um 130 Prozent gestiegen. Ob das reicht, ist unklar. Denn wie stark die Population der Wildtiere genau gewachsen ist, sei nicht bekannt. Hinweise über den Anstieg gäben etwa Bissspuren an Bäumen oder Aufnahmen von Wärmebildkameras, so Reinwald.

Was kann man gegen Wildunfälle tun?

Eine Möglichkeit: Wenn die Zahl der Wildtiere steigt, müssen Jäger mehr schießen. "Die Abschussquoten für Wildtiere sind nicht hoch genug", sagt Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung des GDV. Reinwald vom Jagdverband hält diese Forderung für eine "Milchmädchenrechnung". Selbst wenn man mehr schießen würde, ändere das nichts daran, dass bestimmte Gebiete für Tiere attraktiv seien, und sie deswegen immer wieder kämen.

Sein Ansatz: Zuerst muss bekannt sein, wo Wildtierunfälle besonders häufig sind. Das sei aber noch nicht der Fall: "Wildtierunfälle sind für die Behörden Bagatellen", sagt Reinwald. Da die Polizei nur Unfälle mit Personenschaden zähle, werden ihm zufolge über 90 Prozent der Fälle nicht erfasst - deshalb seien Wildunfallschwerpunkte nicht bekannt.

Wüsste man, wo es besonders häufig kracht, sind laut dem Verbandssprecher gezielte Maßnahmen denkbar, die für das gesamte Streckennetz zu teuer wären, etwa der Bau von Zäunen vor Maisfeldern. Weitere Maßnahmen, die Tiere von der Straße fernhalten sollen: Reflektoren oder Duftbarrieren. Laut einer Studie des Instituts für Wildbiologie können diese tatsächlich helfen. Im Mittel sei die Zahl der Unfälle bei blauen Halbkreisreflektoren um 63 Prozent und bei Duftzäunen um 56 Prozent gesunken, so Christian Trothe von dem Institut. Die Studie soll demnächst erscheinen.

Wie sollte man sich bei einem Unfall verhalten?

Wer weiß, dass auf seiner Route häufig Wildunfälle passieren, sollte langsam und bremsbereit fahren, so Jürgen Berlitz vom ADAC. Wenn auf der Fahrbahn plötzlich Tiere auftauchen, solle man bremsen, das Lenkrad festhalten - und nicht ausweichen. Denn die Kollision mit dem Tier sei ungefährlicher als gegen einen Baum zu fahren. Auch Hupen hilft, um die Tiere zu vertreiben. Nach einem Zusammenstoß sollten Autofahrer die Unfallstelle sofort mit einem Warndreieck absichern, die Warnblinkanlage des Fahrzeugs einschalten und dann die Polizei alarmieren.

Zahlt meine Versicherung den Schaden?

Wildunfälle mit Haarwild sind laut GDV von der Teilkaskoversicherung abgedeckt.Das Bundesjagdgesetz definiert, was Haarwild ist: Rehe, Wildschweine oder Füchse gehören dazu. Dass grundsätzlich nur diese Arten abgedeckt sind, sei historisch gewachsen, so ein Sprecher des ADAC. Doch da sich viele Autofahrer ärgerten, dass ein Unfall mit einem Fuchs, aber nicht mit einem Hund oder Schaf abgedeckt ist, seien viele Versicherer dazu übergegangen, alle Tiere abzudecken, sagt der Sprecher. Diese Policen seien meist etwas teurer, da sie für die Versicherung ein größeres Risiko darstellten.

Die Teilkasko greift nur, wenn ein Wildunfall nachgewiesen werden kann. Deshalb empfehlen Versicherer, am Unfallort Fotos zu machen und sich eine Wildbescheinigung von der Polizei oder dem Förster geben zu lassen.

Kann der Fahrer den Unfall nicht nachweisen oder war an dem Unfall ein Tier beteiligt, das nicht vom Vertrag abgedeckt wird, ist es immer noch möglich, den Schaden von der Vollkasko abdecken zu lassen. Doch dann ändert sich laut ADAC der Schadenfreiheitsrabatt.



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