Windhose in Hamburg "Im Hafen tanzten die Kräne"

Die Naturgewalt dauerte nur 30 Sekunden - genug Zeit, um Kräne umzustürzen, Dächer abzudecken und Mülltonnen durch die Luft zu wirbeln. Ein Tornado hat in Hamburg zwei Menschen das Leben gekostet und gigantischen Sachschaden angerichtet. Zeugen berichten von dem Moment, in dem das Licht ausging.

Hamburg - Ob Windhose oder Tornado, gemeint ist dasselbe: Die Rede ist von säulenförmigen Wirbelstürmen - vergleichsweise kurzlebigen, deshalb aber keineswegs harmlosen Wetterphänomenen. Auch in Mitteleuropa können die ansonsten eher aus den USA bekannten Tornados schlimme Folgen haben - wie man nun sah. Zwei Kranführer, 41 und 45 Jahre alt, riss die gestrige Windhose in den Tod.

Walter Wiedemann war gerade beim Abendessen, als es plötzlich ganz dunkel wurde. "Das Licht ging aus, und dann hatte man das Gefühl, als würde ein Güterzug am Haus vorbeifahren", sagt der Rentner. Er wohnt im Hamburger Stadtteil Harburg, durch den gestern Abend eine Windhose mit gewaltiger Kraft fegte und größte Schäden verursachte.

Er musste wie Tausende anderer Anwohner die Nacht ohne Strom verbringen. In seinem batteriebetrieben Radio habe er von den Opfern und gewaltigen Schäden gehört: "Das ist schlimm und macht mich sehr betroffen." Von einer Warnung wusste der Rentner nichts. Das sei doch alles etwas überraschend gekommen.

Im Bereich der Baustelle, in dem drei Kräne von der Kraft des Windes umgeknickt und dabei zwei Menschen getötet wurden, sind Experten von Polizei und Feuerwehr am Morgen danach noch mit der Spurensicherung beschäftigt. Der Unglücksort ist weiträumig abgesperrt. Überall liegen umgestürzte Zäune, Teile von abgedeckten Dächern, Mülltonnen und Planen herum. Absperrbänder der Polizei flattern im Wind. Zerborstene Scheiben und Beulen in Motorhauben sowie Dächern von Autos, verursacht durch umherfliegende Gegenstände, zeugen von der Kraft des Unwetters.

In einigen Hochspannungsleitungen hängen Planen und Dachpappe, als hätte sie jemand zum Trocknen an eine Wäscheleine gehängt. Überall sind am Mittag schon Helfer und Mitarbeiter von Firmen damit beschäftigt, Äste zu beseitigen und zahlreiche Gegenstände einzusammeln. Auch Dachdecker sind teilweise bereits am Werk, um erste Schäden zu beheben. Passanten bleiben an den Absperrungen stehen und senken betroffen den Kopf. "So etwas kennt man hier eigentlich gar nicht. Das habe ich noch nicht erlebt", sagt ein Anwohner, der das Unglück aus dem Fester seines Büros beobachtet hat.

140 Züge bleiben stehen

"Erst war ich von dem Naturschauspiel fasziniert. Dann aber habe ich doch Angst bekommen", fügt der Mann hinzu. Irgendwie sei ihm erst hinterher bewusst geworden, wie gefährlich diese Naturgewalt gewesen sei.

Er habe beobachtet, wie im Hafen die "Kräne im Wind getanzt haben". Das sei total irre gewesen. Dann seien allerdings auch Teile von Dächern wie Daunen aus einem Federbett in der Luft geflogen: "Da kann man sich gut vorstellen, dass ein großer Schaden entstanden ist. Es sollen ja ganze Hallen ihre Dächer verloren haben." Wirbelstürme habe er zuvor nur im Fernsehen gesehen.

Die Einwohner im Hamburger Süden müssen heute noch immer mit den Auswirkungen des Unwetters fertig werden. Durch Absperrungen der Polizei ist der Verkehr behindert. Autos werden umgeleitet. Die Polizei regelt den Verkehr. Taxifahrer Peter Schulze muss einen großen Bogen um den Unglücksort machen. "Das macht einen sehr bestürzt. Das ist ganz schlimm."

Das schwere Unwetter stoppte in Hamburg 140 Züge. Mehrere tausend Reisende steckten zum Teil fern der Heimat fest. Wie ein Bahnsprecher erklärte, stand der Zugverkehr im Süden des Hansestadt inklusive S-Bahn zwischen 19 und 23 Uhr völlig still, nachdem Trümmer auf Oberleitungen geweht waren. Mehrere tausend Passagiere seien betroffen gewesen. Fernzüge wurden in Hannover gestoppt. Für S-Bahn-Reisende wurden Busse organisiert, wie es hieß. Heute lief der Verkehr wieder normal.

Gregor Haake, AP/AFP

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