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Winterwelt: "Daisys" eisige Spur

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Winter-Wochenende "Daisys" Schneeberge legen den Nordosten lahm

Eis, Schnee und Wind in rauen Mengen: "Daisy" hat Europa ein Winterwochenende der seltenen Art beschert. In Deutschland waren am Sonntag vor allem der Norden und der Nordosten betroffen, vielerorts gab es Schneeverwehungen und Überflutungen. Jetzt entspannt sich die Lage langsam.

Hamburg - Dieses Wochenende werden viele Menschen nicht so schnell vergessen. Ein eisiger, brüllender Sturm, Schneeberge, Hochwasser und zugeschneite Straßen und Schienen haben den Nordosten Deutschland vielerorts lahmgelegt.

Mit starken Schneefällen, Schneeverwehungen und Sturmfluten sorgte das Tief "Daisy" für zeitweilig chaotische Verhältnisse. Straßen waren unpassierbar, Züge blieben im Schnee stecken, Dörfer an der Küste und auf den Ostseeinseln waren von der Außenwelt abgeschnitten, Hunderte Menschen mussten frierend in eingeschneiten Autos oder Zügen ausharren. Dagegen blieb das übrige Deutschland von dem seit Tagen befürchteten Schneechaos einigermaßen verschont.

In Mecklenburg-Vorpommern wurde am Sonntag nach 30 Zentimetern Neuschnee zunächst in einzelnen Landkreisen und dann landesweit Katastrophenalarm ausgerufen. Dutzende Dörfer waren eingeschneit, Kreis- und Landesstraßen unpassierbar. In mehreren Landkreisen seien die Bürgermeister angewiesen worden, ihre Gemeinden abzuriegeln und die Einwohner daran zu hindern, auf die Autobahn zu fahren, sagte ein Sprecher der Polizeidirektion in Rostock.

Auf der Autobahn 20 saßen Hunderte Autofahrer stundenlang im Schnee fest und mussten mit Tiefladern befreit werden, weil auch normale Räumfahrzeuge nicht mehr vorankamen. Weite Teile der Autobahn waren noch am Mittag gesperrt, weil sich Fahrzeuge quergestellt hatten. Auf Rügen behinderten bis zu drei Meter hohe Schneewehen ebenfalls den Verkehr, die Busse fuhren nicht mehr.

An den legendären Winter von 1978, als sogar Panzer der Nationalen Volksarmee der DDR tagelang den Einwohnern des Nordostens helfen mussten, reichten die Auswirkungen von "Daisy" aber nicht heran, sagte eine Sprecherin des Schweriner Innenministeriums, wo Minister Lorenz Caffier einen Krisenstab einberufen hatte.

Auf Fehmarn war "alles erstarrt"

In Schleswig-Holstein hat "Daisy" vor allem den Osten getroffen. Auf der Ostseeinsel Fehmarn waren nach Angaben der Stadtverwaltung rund 5000 Einwohner von den Schneemassen eingeschlossen. "Alle Dörfer sind von der Außenwelt abgeschnitten", sagte Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt. Alles sei erstarrt. Nur die Autobahn E47 zum Fährhafen Puttgarden war befahrbar, Sonntagmittag fiel auf der gesamten Insel für eine gute halbe Stunde der Strom aus. Am späten Abend waren immer noch rund 20 der 42 Ortschaften isoliert.

Extremes Hochwasser der Ostsee und der Sturm beschädigten auf Fehmarn und bei Lübeck Deiche. Hilfskräfte versuchten, die Wälle zu sichern. Am frühen Abend hieß es im Kieler Lagezentrum, derzeit gebe es "an keinem Deich Durchbruchgefahr". In Travemünde peitschten die Ostseewellen gegen die Strandpromenade und rissen Ziegelsteine aus der Mauer, die Lübecker Altstadt stand unter Wasser. Für die Kieler und die Lübecker Bucht wurden Hochwasserwarnungen ausgesprochen.

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Sturmtief Daisy: Land unter in Norddeutschland

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Von chaotischen Zuständen wollte die Landespolizei in Schleswig-Holstein aber nicht sprechen. "Wir hatten hier kein Chaos - vielleicht auch, weil es ein Sonntag und kein Montag war", sagte Sprecher Bernd Drescher SPIEGEL ONLINE. Es habe verhältnismäßig wenige und überwiegend glimpfliche Unfälle gegeben, die meisten Autofahrer seien sehr vorsichtig gewesen. Am Abend hatte sich die Lage entspannt. "Die Winde flauen ab, es gibt keinen Neuschnee mehr, die Räumfahrzeuge werden langsam Herr der Lage", sagte Drescher.

"Für die Nacht noch keine Entwarnung geben"

Die Experten der Unwetterzentrale von Meteomedia waren am Sonntagabend mit ihre Einschätzung noch vorsichtiger. "Wir möchten für die Nacht noch keine Entwarnung geben", sagte Meteorologe Fabian Ruhnau SPIEGEL ONLINE. Am Nachmittag habe es noch schwere Sturmböen an der Ostseeküste gegeben. So seien auf Fehmarn und Hiddensee Windgeschwindigkeiten von 81 Kilometern pro Stunde gemessen worden.

Auch für die Nacht sei noch mit Sturmböen und Neuschnee zu rechnen, am Montag lasse der Wind aber allmählich nach und die Lage werde sich entspannen. "In den darauffolgenden Tagen ist dann eher ruhiges Winterwetter angesagt", so Ruhnau.

Im Norden Deutschlands können sich die Kinder besonders freuen - und manche Eltern vor Probleme stellen: Für Montag kündigte die Landesregierung in Schwerin für ganz Mecklenburg-Vorpommern schulfrei an. In Schleswig-Holstein werden die Schulen in vier Kreisen im Südosten des Landes geschlossen bleiben.

Auch wenn es am gesamten Wochenende bundesweit insgesamt zu Hunderten witterungsbedingten Unfällen kam - der Großteil verlief glimpflich. In Nordrhein-Westfalen ereigneten sich am Wochenende mehr als 1400 Verkehrsunfälle, zwei Menschen starben am Sonntag. In Baden-Württemberg meldete das Innenministerium von Freitagnachmittag bis Sonntag 904 Unfälle mit 97 Verletzten. In Nordvorpommern kamen ein 27- und ein 29-Jähriger bei einem Autounfall im Schnee ums Leben.

Lediglich im Norden kam der Bahnverkehr am Sonntag weitgehend zum Erliegen. Hunderte Züge fielen aus. Nach Angaben der Deutschen Bahn waren vor allem in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein Regionalbahnlinien wegen Schneeverwehungen eingestellt, im Fernverkehr waren nahezu alle Hauptlinien frei. Die Lage sei am Sonntag bundesweit deutlich entspannter als am Vortag gewesen, sagte ein Sprecher. Entspannung meldeten am Sonntag auch die deutschen Flughäfen.

Europaweit mehr als 100 Kältetote

Nicht nur in Deutschland hat Tief "Daisy" den Menschen am Wochenende Sorgen bereitet. Tausende Verkehrsunfälle, Hunderte Verletzte, Sachschäden in Millionenhöhe - so lautet die Bilanz für Europa. Seit dem Beginn des ungewöhnlich heftigen Wintereinbruchs stieg die Zahl der Kälte-Toten europaweit auf mehr als 100.

Allein in Großbritannien, das unter dem härtesten Winter seit mehr als drei Jahrzehnten stöhnt, kletterte die Opferbilanz auf mindestens 26 Tote. Die längste Kälteperiode seit drei Jahrzehnten hat das Vereinigte Königreich fest im Griff. Wie auf vielen europäischen Flughäfen mussten auch dort die Maschinen vorübergehend am Boden bleiben. Der Gasverbrauch hat dort inzwischen Rekordwerte erreicht.

Im Süden Polens mussten mehr als 80.000 Menschen nach heftigen Schneefällen seit Samstag ohne Strom auskommen, weil Strommasten unter der Schneelast nachgaben. Im niederländischen Bollenstreek, der Blumenzuchtregion zwischen Haarlem und Leiden, fiel wegen eines defekten Hochspannungsmastes in rund 100.000 Haushalten die Stromversorgung aus. Im Südosten Frankreichs waren am Sonntag rund 2400 Haushalte von der Elektrizitätsversorgung abgeschnitten.

Im Osten Tschechiens riefen am Samstag mehrere Bezirke den Verkehrsnotstand aus. Der Rundfunk meldete vier wetterbedingte Todesfälle. Am Sonntag schneite es dort weiter.

Stürmischer Wind und Schnee sorgten auch im Süden Dänemarks für ein Verkehrschaos. Die Menschen wurden aufgerufen, möglichst zu Hause zu bleiben. Militärfahrzeuge rückten zur Unterstützung der Räumdienste aus.

Ungewohnte Bilder am Vesuv und in Florida

Ein ungewohntes winterliches Bild überraschte die Bewohner der italienischen Hafenstadt Neapel: Ihr berühmter Hausberg, der 1281 Meter hohe Vesuv, präsentierte sich am Sonntagmorgen schneebedeckt.

Verkehrschaos, Stromausfälle und Massenkarambolagen plagten nicht nur Europäer, sondern auch Amerikaner, Chinesen und Inder. Mindestens 239 Menschen fielen nach Medienberichten im Norden und Osten Indiens eisigen Temperaturen zum Opfer.

In Mexiko kamen wegen der Kälte bis zum Wochenende neun Menschen ums Leben. In den benachbarten USA hatte das Wetter am Samstag für eine Seltenheit gesorgt: Schnee in Florida. Das frostige Wetter hält in vielen Landesteilen seit Tagen an, mehrere Menschen starben.

siu/Reuters/dpa/APD