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Verkehrschaos in Europa: Flugausfälle, Feldbetten, Sonderplan

Foto: LUKE MACGREGOR/ REUTERS

Winterwetter Schneemassen lähmen Europas Flugverkehr

Dauerschneefall, Flugausfälle, Schlaf auf Feldbetten: Das Winterwetter hat die Pläne Zehntausender Passagiere durcheinandergewirbelt. Airports in London und Budapest wurden geschlossen, in Frankfurt revoltierten Fluggäste, die Lufthansa setzte einen Sonderflugplan in Kraft. Und es schneit weiter.

Hamburg - Flughafenfrust statt Reiselust: Ungewöhnlich starke Schneefälle haben am traditionell besonders verkehrsreichen Wochenende vor Weihnachten europaweit für starke Einschränkungen im Flugverkehr gesorgt. Aber auch auf zahlreichen Straßen und Bahnstrecken ging zeitweise nichts mehr.

Besonders betroffen war Großbritannien, wo der Wetterdienst den kältesten Dezember seit hundert Jahren meldete. In London fielen binnen weniger Stunden bis zu 15 Zentimeter Schnee, die beiden wichtigsten Flughäfen London-Heathrow und Gatwick mussten geschlossen werden. Dadurch kam es europaweit zu Beeinträchtigungen bei den Flugverbindungen. Allein in Gatwick waren 47 Schneepflüge und Traktoren im Einsatz, um die Schneemassen wegzuräumen.

Auch der Budapester Flughafen wurde vorübergehend geschlossen, damit der Schnee vom Flugfeld entfernt werden konnte. Die Räummannschaften kamen einfach nicht mehr gegen die weißen Massen an.

Das Drehkreuz Frankfurt am Main war ebenfalls stark betroffen: Von insgesamt 1340 Flügen mussten bis gegen 16 Uhr witterungsbedingt 233 gestrichen werden, wie ein Sprecher des Betreibers Fraport sagte. Vor den Lufthansa-Schaltern im Terminal 1 sei die Situation aber "nicht mehr ganz so schlimm". Die Polizei war nach Tumulten in der riesigen Schlange vor der Gepäckabfertigung eingeschritten.

Die Lufthansa setzte wegen der erwarteten neuen Schneefälle einen Sonderflugplan in Kraft. Dies sei notwendig, um die gewohnte Stabilität des Flugbetriebs wiederherstellen zu können, erklärte das Unternehmen. Die Fluggesellschaft gab sogar eine ungewöhnliche Empfehlung: Innerdeutsch Reisende sollten möglichst von vornherein alternative Verkehrsmittel nutzen. Aufgrund der Sondersituation könnten Flugscheine der Lufthansa problemlos als Bahnticket genutzt werden.

Zwei Tote in Italien

Bei den Nachbarn im Westen sah es am Samstag nicht besser aus: In Brüssel mussten die Maschinen nach London, München und Amsterdam am Boden bleiben, zahlreiche Verbindungen waren verspätet. Auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle sollten 15 Prozent der Flüge ausfallen.

In Amsterdam hatten etwa 3000 Passagiere die Nacht im Flughafen Schiphol verbracht, weil Hunderte Flüge annulliert worden waren. Für die Gestrandeten wurden 1700 Feldbetten aufgestellt - doch das reichte nicht. "Andere Fluggäste schliefen auf Stühlen und Bänken", sagte ein Flughafensprecher.

Das Schneechaos in Europa betraf in einigen Fällen auch Passagiere in Afrika: Die Fluggesellschaft KLM nahm am Samstagabend dutzende nach Amsterdam gebuchte Passagiere aus der kenianischen Hauptstadt Nairobi nicht mit, wenn diese in Europa weiterfliegen wollten.

Auch in Teilen Italiens legten heftige Schneefälle das öffentliche Leben lahm. Die Flughäfen in der Toskana wurden geschlossen, der Zugverkehr kam zum Stillstand, zahlreiche Autofahrer blieben in den Schneemassen stecken und mussten die Nacht in ihren Fahrzeugen verbringen. Am Bahnhof Florenz war der Zugverkehr lahmgelegt. Selbst in Rom, Neapel und auf der Mittelmeerinsel Capri schneite es.

Zwei Menschen kamen ums Leben. Bei Arezzo in der Toskana starb ein Lastwagenfahrer, dessen Fahrzeug sich bei einem Massenunfall auf eisglatter Fahrbahn überschlagen hatte. In der Lombardei erlitt ein Mann beim Schneeschippen vor seinem Haus einen tödlichen Herzinfarkt.

Lastkahn rammt Flusssperre

Auf der Schiene und im Wasser kam es ebenfalls zu Behinderungen. Der Eurostar zwischen England und Frankreich konnte nur mit gedrosseltem Tempo fahren, die Fähren fuhren nur noch nach einem eingeschränkten Fahrplan.

Ein Lastkahn mit tausend Tonnen Streusalz an Bord geriet durch einen Navigationsfehler im Rhein-Marne-Kanal in einen unbefahrbaren Abschnitt und rammte eine Flusssperre, wie die Feuerwehr mitteilte. Beeinträchtigungen im Schiffsverkehr waren die Folge.

Bei der Deutschen Bahn gab es einem Sprecher zufolge zwar auch am Samstag zahlreiche Verspätungen und Ausfälle, allerdings sei die Lage deutlich entspannter als am Freitag. Die Züge seien sehr voll, da viele Verkehrsteilnehmer auf die Bahn umgestiegen seien.

Während weite Teile Europas unter einer weißen Pulver-Decke versanken, hatten Autofahrer in Frankreich vor allem mit Eisglätte zu kämpfen. Auf den Straßen im Nordosten des Landes waren am Samstag lange Abschnitte von Staus blockiert. Auf den Autobahnen ereigneten sich auf eisglatter Fahrbahn zahlreiche Unfälle, auch der Busverkehr kam teilweise zum Erliegen.

Die vielen Unfälle mit Lastwagen, die Autobahnen für Stunden blockierten, lösten eine neue Diskussion über Winterreifen- oder sogar Schneekettenpflicht für Lkw aus. Der Auto Club Europa (ACE) stellte sich allerdings gegen Forderungen von Verkehrsexperten der SPD und Grünen nach Schneekettenpflicht für Laster. "Dann machen die Ketten den Asphalt kaputt, und der Asphalt macht die Ketten kaputt", warnte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner.

Sollten sich Schnee und Eis weiter so hartnäckig halten wie bisher, könnten keine geräumten Straßen mehr garantiert werden, warnte der Städte- und Gemeindebund: "Wir versuchen alles zu tun, aber wenn man kein Geld hat, wird man teilweise den Winterdienst einschränken", warnte Hauptgeschäftsführer, Gerd Landsberg. Schon jetzt werde auf einigen Nebenstraßen nicht mehr gestreut. "Die Bürger werden sich wahrscheinlich daran gewöhnen müssen, wie in skandinavischen Ländern, dass man auch auf einer festgefahrenen Schneedecke fahren kann", sagte Landsberg. "Eine andere Alternative sehe ich zurzeit nicht."

Der Streusalz-Hersteller K+S schließt Lieferengpässe wie im vergangenen Winter nicht mehr aus. "Wir produzieren an allen Standorten rund um die Uhr", sagte Konzernchef Norbert Steiner der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Es wird weiter schneien

Wer es am Wochenende in die Urlaubsorte schaffte, konnte hingegen die schönen Seiten des Winters genießen: Auf dem Brocken im Harz wurden 143 Zentimeter Schnee gemessen, auf dem Fichtelberg im Erzgebirge 133 und auf dem Großen Arber im Bayerischen Wald 122 Zentimeter.

Deutschland ist derzeit fast komplett von einer weißen Decke bedeckt. Potsdam meldete mit 25 Zentimetern Schnee einen Dezember-Rekord seit 1893. Allerdings hatte es 1909 und 1919 bereits im November mehr Schnee gegeben - bis zu 38 Zentimeter. Lediglich die Nordseeinseln sahen so gut wie keinen Niederschlag, berichtete der Wetterdienst Meteomedia.

Auch in den nächsten Tagen bleibt es kalt und weiß. Für die Nacht zum Sonntag rechnet der Deutsche Wetterdienst (DWD) mit neuen Schneefällen von Westen her. Örtlich sei Neuschnee von 10 bis 15 Zentimetern möglich, die Luft kühlt auf minus fünf bis minus zehn Grad ab. Von Rheinland-Pfalz bis zum Oberrhein drohen Schneeregen und Glatteis.

Im Laufe des Sonntags sollen sich die Schneefälle nach Nordosten verlagern. Die Temperaturen bewegen sich laut DWD dann zwischen minus acht Grad in Brandenburg und bis plus zwei Grad am Oberrhein.

In der Nacht zum Montag fällt vor allem im Süden noch Schnee, teils auch gefrierender Regen. Die Temperaturen gehen auf null Grad im Südwesten und minus elf Grad im Nordosten zurück. Zum Wochenanfang setzt sich dann im Südwesten Deutschlands ganz allmählich etwas mildere Luft durch.

otr/dpa/apd/ddp
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