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Geburtshilfe »Wir sind ein Verlustgeschäft«

Die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands, Ulrike Geppert-Orthofer, 53, über dringend notwendige Gesetzreformen bei der Geburtshilfe
Ein Interview von Milena Hassenkamp
aus DER SPIEGEL 46/2022
Foto: HC Plambeck / DHV

SPIEGEL: Frau Geppert-Orthofer, seit Jahren schließen Geburtsstationen in Deutschland, überall mangelt es an Geburtshelferinnen. SPD-Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hat Gesetzesvorhaben zur Verbesserung der Lage angestoßen. Sie halten nichts davon. Warum?

Geppert-Orthofer: Als ich den Koalitionsvertrag der Ampel gelesen habe, hatte ich große Erwartungen. Doch anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie die versprochene Eins-zu-eins-Betreuung bei der Geburt und die notwendige Personalausstattung realisiert werden könnten, wirkt es jetzt, als stelle man Weichen in eine andere Richtung. Per Gesetz hat Lauterbach die Hebammen aus dem Pflegebudget der Krankenhäuser genommen, sie werden nur zum Bruchteil auf die Personaluntergrenzen angerechnet. Das macht es für Kliniken zum Verlustgeschäft, sie auf Stationen zu beschäftigen. Es bleibt lukrativer, einen Kaiserschnitt durchzuführen, als ausreichend Hebammen einzustellen.

Aus: DER SPIEGEL 46/2022

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SPIEGEL: Laut Bundesgesundheitsministerium sollten die Hebammen nur aus dem Pflegebudget herausgenommen werden, um später gesondert finanziert zu werden, im Rahmen einer großen Reform.

Geppert-Orthofer: Das wird uns immer entgegengehalten. Natürlich wäre ein eigenes Hebammenbudget eine gute Möglichkeit. Das Budget gibt es aber noch nicht. Und ich habe auch nicht mehr das Vertrauen, dass es dieses Budget in absehbarer Zeit geben wird. Wir sind weit entfernt von der dringend notwendigen großen Reform. Da reicht die Wiederaufnahme ins Pflegebudget nicht aus.

SPIEGEL: Sie haben deshalb mehrere Brandbriefe an Lauterbach geschrieben. Was hat er geantwortet?

Geppert-Orthofer: Nichts. Und dabei versuchen wir schon seit Monaten, auf die Themen aufmerksam zu machen. In der Krankenhauskommission sitzt keine einzige Expertin für Geburtshilfe. Das merkt man den Vorschlägen leider auch deutlich an, denn sie gehen an den eigentlichen Problemen vorbei.

SPIEGEL: Nach der Petition einer Mutter hat Lauterbach nun angekündigt, seine Pläne zu canceln. 1,4 Millionen Menschen haben unterschrieben …

Geppert-Orthofer: Wir sind froh, dass die Dringlichkeit des Problems endlich bei Herrn Lauterbach angekommen ist. Die Petition ist der Beweis dafür, dass es hier nicht um ein Problem der Hebammen geht, sondern um eines der Gesellschaft. Wir haben eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt und lassen zu, dass eine Frau während der Geburt die Hebamme mit vier oder mehr anderen Frauen gleichzeitig teilen muss. Andere Länder haben das Problem längst gelöst.

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