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Wirbelsturm "Irene" New York geht in Deckung

Hurrikan "Irene" treibt New York in den Ausnahmezustand: Hunderttausende Menschen müssen gefährdete Viertel verlassen, Bahn- und Busverkehr werden eingestellt, Tausende Flüge fallen aus. Schon werden in den Läden Wasser und Lebensmittel knapp - doch selbst dieses Chaos nehmen manche Einwohner gelassen.

Die letzten Wasserflaschen kann sich Melissa Matta nicht entgehen lassen. Kopfüber kriecht sie ins mannshohe Kühlregal, bis nur noch ihre nackten Beine mit den sommerlichen Paillettensandalen herausgucken. Diese strampelnden Beine dienen zugleich zur Abwehr einer Rivalin, die dieselbe Beute angepeilt hat.

Schließlich quält sie sich wieder hervor, wischt sich den Eisstaub von der Stirn, schwenkt triumphierend drei 1,5-Liter-Flaschen Wasser und marschiert stolz zur Kasse, von der aus die Schlange bis draußen vor die Tür geht: "Jetzt kann 'Irene' kommen."

Szenen wie diese, beobachtet in einem Drogeriemarkt in Chelsea, spielen sich am Freitagabend überall in New York ab. An den Supermarktkassen Manhattans ist die Hölle los, die Schlangen winden sich oft durch den gesamten Laden. Hamsterkäufe überall: Jeder hat den Einkaufswagen bis zum Überborden voll gestapelt. Mit Wasser vor allem, aber auch mit Lebensmitteln, Toilettenartikeln, Batterien, Kerzen - und auffällig viel Bier und Spirituosen.

Im "Whole Foods" am Union Square sind ganze Regalreihen leergefegt, Konserven wie Thunfisch nicht mehr zu haben. Dem "Westside Market" an der Seventh Avenue sind Cornflakes ausgegangen. Klopapier ist ebenfalls Mangelware. Die gern genutzten Lieferdienste für Lebensmittel nehmen schon seit Donnerstag keine Bestellungen mehr an.

"Irene" kommt. Der gigantische Hurrikan wälzt sich in der Nacht zum Samstag unaufhaltsam auf Amerikas Ostküste zu und treibt schon jetzt Hunderttausende in die Flucht. Sieben Bundesstaaten haben den Notstand ausgerufen. Allein aus New York wird eine Viertelmillion Menschen zwangsevakuiert, alle Küstenviertel der Stadt werden geräumt - erstmals in der Geschichte der Millionenmetropole.

Mehr als hunderttausend Soldaten stehen bereit

"Alle Anhaltspunkte deuten darauf hin, dass dies ein historischer Hurrikan wird", warnt US-Präsident Barack Obama, der seinen Urlaub auf der Insel Martha's Vineyard abbricht und noch in der Nacht nach Washington zurückkehrt.

Die US-Nationalgarde mobilisiert mehr als hunderttausend Soldaten. Die Katastrophenschutzbehörde Fema, bis heute im Schatten ihres Versagens nach dem Jahrhundertsturm "Katrina" von 2005, beeilt sich zu versichern, dass sie Abermillionen Notmahlzeiten bereithalte. Das Rote Kreuz ruft zu Blutspenden auf, um Engpässe nach dem Sturm zu vermeiden.

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Hurrikan "Irene": Die Angst vor dem Sturm

Foto: EDUARDO MUNOZ/ REUTERS

Dabei bleiben ihnen in Manhattan noch 48 Stunden. Erst im Lauf des Sonntags soll "Irene" direkt auf New York treffen, dessen Südflanke der zum Atlantik offenen Hafenbucht ungeschützt ausgeliefert ist. Es klingt wie das Szenario eines Katastrophenfilms. Doch es ist, wie der Bürgermeister betont, dieses Mal leider wahr.

"Guten Tag", flötet Michael Bloomberg, als er vor die Reporter tritt. "Die Sonne scheint, aber lassen Sie sich davon nicht täuschen." In der Tat ist es ein brillant-klarer Tag in Manhattan, weshalb es vielen hier nur langsam dämmert, was da auf sie zurast.

Galgenhumor in den Szenekneipen

Zumal es so etwas hier seit Generationen nicht gegeben hat. Ein Monsterhurrikan? In New York? Da muss man schon 73 Jahre zurückdenken, an den Hurrikan "Long Island Express" von 1938, dem bis zu 800 Menschen zum Opfer fielen. So lange her, keiner kann sich erinnern.

Und so erwarten die New Yorker "Irene" mit zwiespältigen Gefühlen. Während es in den Läden zu Tumulten kommt und die Leute Proviant für drei Tage horten, merkt man auf den abendlichen Straßen kaum, dass da etwas im Argen liegt.

Die Evakuierungszonen in New York

Die Evakuierungszonen in New York

Foto: SPIEGEL ONLINE

Die Gäste sitzen seelenruhig in den Restaurants. Auf der Bar-Meile Eighth Avenue flanieren Hunderte auf und ab, schnattern, schwatzen, lutschen Eis. Im "Vynl", einer beliebten Szenekneipe, haben sich mehrere Grüppchen lachend um die Theke geschart. Keiner wirft einen Blick auf die übergroße TV-Leinwand, über die der lokale Nachrichtensender NY1 mit der neuesten Hurrikan-Warnmeldung flimmert.

"Unser letztes Abendmahl", scherzt Jim Gator, der mit seinen Freunden um einen Tisch sitzt, Tapas vor sich. "Also vorher noch besaufen."

"Diesen Hurrikan sollten Sie ernst nehmen"

New Yorker sind einiges gewohnt. Terror, Blizzards, Blackouts: "Wir denken oft, dass wir mit allem fertig werden können", warnt Paul Newell, der Bezirksvorsitzende von Lower Manhattan - und appelliert an die Mitbürger: "Diesen Hurrikan sollten Sie ernst nehmen."

"Es ist nur die Ruhe vor dem Sturm", sagt auch Bürgermeister Bloomberg. Er ist kein Mann der Aufregung, neigt sonst zu gepflegtem Understatement, doch dieses Mal ist es ihm ernst. "Sie brauchen nur auf die Wetterkarten gucken, um zu verstehen, wie groß dieser Sturm ist und wie einzigartig. Und er kommt geradewegs auf uns zu."

Zwar scheint sich "Irene" über Nacht etwas abzuschwächen, sie wurde auf einen Hurrikan der Kategorie 1 herabgestuft. Doch mit seinen enormen Windgeschwindigkeiten und einer Spannweite von mehr als 800 Kilometern stellt er weiter eine gefährliche Bedrohung dar - besonders für die Betonmetropole zwischen Hudson und East River, die so etwas nicht gewöhnt ist. Die Tropensturmwinde, so Wetterexperten, dürften dort bis zu 24 Stunden andauern.

"Es werden Glassplitter und Äste umherfliegen und wer weiß, was sonst noch", prophezeit Bloomberg. Sein Rat: "Bleiben Sie drinnen."

New York fürchtet die Flutwelle

Hinzu kommt, dass am Wochenende dank Neumond ohnehin schon hohe Gezeiten erwartet werden. Die Flutwelle könnte alle Uferregionen von Manhattan, Brooklyn, Queens und Staten Island unter Wasser setzen. Darunter Battery Park City, Teile des Financial Districts und Ground Zero, wo in knapp zwei Wochen das neue 9/11-Memorial eingeweiht werden soll.

Das New York Police Department (NYPD) hat 83 Boote klargemacht, um vom Wasser aus durch die Gefahrenzonen zu patrouillieren. Auch sonst greift die Regierung der 8,5-Millionenstadt zum Äußersten. So wird am Samstagmittag der komplette U-Bahn- und Busverkehr eingestellt - auch das hat es hier noch nie gegeben. Außerdem wird der Flugverkehr stark beeinträchtigt sein, Tausende Flüge sind schon gestrichen worden.

Vor allem aber hat Bloomberg über 270.000 New Yorker den Evakuierungsbefehl verhängt: Bis Samstagnachmittag müssen sie anderswo unterkommen - in den von flüchtenden Touristen verlassenen Hotels, bei Freunden, in einem der 91 Notaufnahmezentren. "Vielleicht kann Sie der lange verschollene Cousin ja über Nacht aufnehmen", flachst Bloomberg.

"Viel Glück, pass auf dich auf"

Betroffen von der Zwangsevakuierung sind nicht nur Strandviertel wie Coney Island. Auch aus dem benachbarten Long Island fliehen die Menschen in Massen ins Landesinnere. Andere verbarrikadieren ihre Häuser mit Sandsäcken und räumen Möbel in die oberen Stockwerke.

Die meisten der Wall-Street-Banken residieren zum Glück längst nicht mehr an der Wall Street im flutgefährdeten Süd-Manhattan, sondern im höheren Midtown. Als dort zum freitäglichen Feierabend wie gewohnt die Banker und Büroarbeiter zu Tausenden auf die Straße strömen, ist es ungewöhnlich ruhig. Viele Kollegen wünschen sich "Good luck", bevor sie sich trennen, und fügen noch schnell hinzu: "Be safe" - pass auf dich auf.

Feiern für den Sturm

In Battery Park City tummeln sich die TV-Kamerateams auf der Suche nach dramatischen Szenen. Viele wollen offenbar bis zum letzten Moment abwarten. Die Parkhäuser nehmen keine Autos mehr an und verscheuchen Autofahrer, die verzweifelt ihre Runden drehen: "Morgen ist hier dicht."

Makler Luis Vazquez, der in einem Hochhaus nahe der Börse wohnt, will für seine Nachbarn eine "Hurrikan-Party" geben. Ein Pärchen auf seiner Etage hat wegen "Irene" seine Hochzeit am Sonntag abblasen müssen, obwohl die Eltern der Braut extra aus Japan eingeflogen sind. "Trotzdem wollen wir mit ihnen feiern."

Anderen ist weniger zum Feiern zumute. Alle Broadway-Musicals werden abgesagt, das gab es zuletzt nach dem 11. September 2001. Das samstägliche Football-Lokalderby zwischen den Giants und dem Jets wird vorgezogen, aber die Fans werden kaum eine Chance haben, zum Stadion hin- und wieder wegzukommen.

Und so sinkt Manhattan in einen unruhigen Schlaf. Polizeisirenen hallen durch die Nacht. "Wir hoffen aufs Beste", sagt Mike Bloomberg, "aber bereiten uns auf das Schlimmste vor."