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29. Juli 2014, 11:30 Uhr

Wladimir Kaminer zur Russland-Debatte

Putin ist Sanktion genug

Wirtschaftliche Sanktionen? Absage der Fußball-WM? Man darf Russland jetzt nicht im eigenen Saft schmoren lassen, findet Wladimir Kaminer. Denn Putin hat nur vor einem wirklich Angst: sich zu blamieren.

Wladimir Putin trieb einmal im Keller seines Elternhauses eine große Ratte in die Ecke. Als die Ratte merkte, dass sie keinen Fluchtweg mehr hatte, sprang sie den zukünftigen Präsidenten an. Dieses Kindheitserlebnis, das ihn anscheinend sehr prägte, beschrieb Putin 2000 in seinem Memoirenbuch "Aus erster Hand". Heute wird diese Episode oft zitiert, wenn es darum geht, Putins Außenpolitik zu erklären. Man darf die Ratte nie in die Enge treiben.

Der Gerechtigkeit halber muss hinzugefügt werden: Die russische Sackgasse ist mehr als zur Hälfte hausgemacht. Putins Plan war, den Westen zu spalten, einen Keil zwischen Amerika und Europa zu treiben und gleichzeitig die widerspenstige Ukraine langsam zurück unter seine Kontrolle zu bringen. Beides sollte nicht so schwer sein, denn aus Putins Sicht ticken alle Regierungen auf der Welt im gleichen Takt. Sie sind alle korrupt, die Politiker werden von Wirtschaftsbossen gelenkt. Die wirtschaftlichen Interessen wiegen immer schwerer als moralische Vorstellungen oder irgendwelche "gemeinsamen westlichen Werte", die nur Kosmetik sind, um mit dem Wahlvolk darüber zu kommunizieren.

In Putins Welt hätten sich die Europäer nie den amerikanischen Sanktionen angeschlossen, die wirtschaftlichen Interessen Europas in Russland sind ungleich höher als die Amerikas. Dieser Plan ist nicht aufgegangen. Anscheinend gibt es die gemeinsamen Werte doch. Oder das abgeschossene Passagierflugzeug MH17 hat dem russischen Präsidenten einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Lügen als Lieblingswaffe

Im russischen Fernsehen hatte man sofort eine klare Meinung zum Absturz von MH17: Die Ukrainer haben das Flugzeug abgeschossen - auf Befehl der Amerikaner. Nach der Theorie des russischen Staatsfernsehens, die von der Mehrheit der Bevölkerung geteilt wird, haben die Amerikaner schon immer nur ein Ziel gehabt: die Zersetzung Russlands. Russland allein steht den Amerikanern im Weg, um endgültig die Weltherrschaft zu erlangen. Deswegen setzen sie alles ein, um Russland und seinen Präsidenten zu demütigen.

Nun stehen die Amerikaner also an der russischen Grenze in ukrainischen Uniformen und schießen Passagierflugzeuge ab. Mit dieser Lüge dürften sich die Zuschauer bestätigt fühlen: Die Welt meint es nicht gut mit ihnen.

Putins Lieblingswaffen sind Lügen. Bis jetzt konnte er aus der Verzweiflung seiner Bevölkerung über ihre eigene kümmerliche Lage eine Menge Hass erzeugen. Der Hass ist eine starke Waffe, die man im Lande und auch außerhalb einsetzen kann, nur: Kann Oberst Putin diese Waffe lenken?

In Russland richtet sich der Hass vieler gegen die Amerikaner und die Ukrainer, gegen Intellektuelle und Ausländer, gegen Künstler, Schwarze und Schwule. Es bedarf nur einer Fehlentscheidung des Präsidenten, damit sich der Hass auf den Kreml und die Radfahrer richtet.

Wandlung zum "Agenten des Bösen"

In einem demokratischen System, in dem jede Entscheidung infrage gestellt und diskutiert wird, dürfen die Politiker auch Fehler machen. Das System bleibt flexibel und beweglich und lässt das politische Personal an der Spitze nicht verrosten. In einer Machtvertikale, in der alle Entscheidungen aus einer Hand kommen, gleicht der Führer einem Akrobaten, der mit einem Rad auf dem Seil fährt. Eine großartige Übung. Mal fährt er vorwärts und mal zurück, irgendwann - darüber sind sich alle einig - fliegt er auf die Schnauze, egal wie gut er die Kunst des Einradfahrens auf dem Seil beherrscht. Der Führer der Machvertikale darf keinen Fehler machen, keine Niederlage erleiden, denn jeder Fehler, jede Niederlage bringt seine Vertikale sofort zum Einsturz und dabei wird der an der Spitze am tiefsten fallen. Doch solange er fest im Sattel sitzt, kann er manövrieren.

Die Sanktionen haben Putin keine Angst gemacht. Er hat, glaube ich, schon lange vor nichts mehr Angst, außer davor, sich zu blamieren. Denn Putin - lachen Sie jetzt nicht - sieht sich als europäischer Politiker, der sehr auf sein Ansehen im Ausland bedacht ist. Auf die Rolle als neuer Gaddafi hatte er überhaupt keine Lust.

Er wollte schon immer als Gleicher unter Gleichen in der engen Runde der demokratisch Gewählten sitzen, mit Frau Merkel Bier trinken, mit Herrn Obama Hamburger essen und ihnen erzählen, wie die Welt tickt. Stattdessen ist er in den Augen der Weltbevölkerung zu einem Monster, zum "Agenten des Bösen" geworden. Die Boulevardpresse garniert seine Visage auf ihren Titelseiten mit Sprüchen wie "Putin hat meinen Sohn getötet", "Putin mordet unsere Kinder", "Putins blutige Hände". In einem solchen Horrorfilm hat er sich nicht um die Hauptrolle beworben.

Der Westen sollte den Dialog suchen

Wahrscheinlich wird das für immer an ihm kleben bleiben. Die Völker sind nicht nachtragend aber träge - ebenso ihr Gedächtnis. Die heutige politische Krise wird über kurz oder lang Vergangenheit sein, auch die Ukraine wird wohl die Kurve kriegen. Putin aber wird der Mann bleiben, mit dem man Kinder in der Dunkelheit erschreckt. Der Westen muss sich gar nicht um zusätzliche Sanktionen bemühen. Putin ist sich selbst Sanktion genug.

Anstatt weiter den Druck zu erhöhen, sollte der Westen - obwohl es mühsam und unerfreulich ist - wieder den Dialog aufnehmen. Das heißt, mit Russland und seinem Präsidenten im Gespräch bleiben. Dem Präsidenten einen Weg aus der Enge zeigen. Die wirtschaftlichen Sanktionen resultieren aus der instabilen Lage, in die sich Russland hineinmanövriert hat. Die russische Wirtschaft wird große Schwierigkeiten haben, sich zu stabilisieren. Russlands Politik ist zu einem Risikofaktor geworden, keine Bank, kein Finanzinstitut wird für größere Russlandprojekte Geld riskieren.

Die Kontakte im Kulturbereich, im Sport müssen erhalten bleiben, denn auf diese Weise kann man auf die Gemüter der Menschen einwirken und ihnen zeigen, dass es ein Leben jenseits des russischen Zeitlochs gibt. Dasselbe gilt, wenn man in diesem Zusammenhang über die Vergabe der Fußball-WM nachdenkt.

Eine weitere Abschottung Russlands und seines Präsidenten würde das Land noch gefährlicher, seine Außenpolitik noch unberechenbarer machen. Man darf dieses Land jetzt nicht im eigenen Saft schmoren lassen. Die Russen spielen schlecht Fußball. Doch wenn keiner mit ihnen spielt, werden sie in ihrem Glauben gestärkt, sie seien die besten Spieler der Welt.

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