WM-Aus Der Fatalismus hat Spanien wieder

Die Spanier hatten diesmal wirklich an ihre Nationalelf geglaubt. Doch der Traum vom großen WM-Erfolg fand schon während des Achtelfinals gegen Frankreich ein jähes Ende. Nach dem Abpfiff wollen alle schon immer gewusst haben, dass es auch diesmal nichts werden konnte.

Von Reiner Wandler, Madrid


Madrid - Die Spanier kennen ihre Nationalmannschaft nur zu gut. Kaum hatte der Franzose Frank Ribery in der 41. Minute den Ausgleichstreffer erzielt, kippte die Stimmung in der Bar Marbella, einer Kneipe im Stadtteil Lavapiés, im Zentrum Madrids. Ein Aufschrei, Wutausbrüche, als wüssten alle nur zu genau, was sie jetzt erwartet. Der Wirt steht wie versteinert, seiner Tochter fällt ein Teller aus der Hand und die penetrante Stimme, mit der der Fernsehreporter jeden Spielzug bis ins letzte Detail erklärt, wird leiser und langsamer.

Am Anfang der zweiten Halbzeit verkündete die Stimme aus dem Fernseher gar "Frankreich hat das potentere Team." Keine Proteste, keine Buhrufe, wie noch zuvor bei jeder nur halbwegs positiven Aussage zu einem französischen Spieler. In der vollbesetzten Kneipe herrscht gespannte Ruhe. Jedes Mal wenn der Name Zidane oder Henry fällt, zucken alle unmerklich zusammen. Die Nerven liegen blank. Alle starren auf den Bildschirm und harren der Dinge, die da kommen können, nein, kommen müssen.

2:1, 3:1... "Immer das Gleiche", murmelt der erste, bezahlt und geht grußlos nach Hause. Beim Abpfiff, wenige Minuten später, ist die Kneipe schon fast leer. Das gleiche Bild bieten die Plätze der spanischen Städte, auf denen Zehntausende das Spiel verfolgten. Die Normalität hat das Land auf der iberischen Halbinsel wieder. Und die Normalität besagt, dass der rot-gelben Elf immer etwas zustößt, dass es einfach nicht sein kann.

"Fatalismus" ist das Gefühl, "Tragik" das Schlagwort wenn es um die Nationalmannschaft geht. Jeder weiß von Durchfallerkrankungen, die Starspieler im letzten, alles entscheidenden Augenblick schwächten. Oder jenes Spiel, weit im Osten bei eisiger Kälte, das die Qualifikation erschwerte. Alle erinnern sich an jenen nigerianischen Kullerball, den 1998 Nationalkeeper Andoni Zubizarreta mit der eigenen Hand zum Tor verwandelte. Was die spanischen WM-Träume schon in der Vorrunde platzen ließ.

"Vamos a Berlin!"

Oder wer könnte jenen Elfmeter vergessen, den Real-Madrid-Star Raul beim EM-Viertelfinale über das Tor schoss und damit die Heimfahrkarte löste? Oder bei der WM vor vier Jahren, als die Koreaner "Mitfavorit Spanien" im Viertelfinale bezwangen. Und dieses Mal, liegt die Schuld beim Schiedsrichter, da waren sich im "Marbella" lange vor dem Abpfiff alle einig. Sie sahen Elfmeter, wo keine waren, und als dann tatsächlich ein nicht existentes Foul Puyols zum Freistoß und zum 2:1 führte, hallte nur ein Ruf durch die Kneipe: "Diebe, Betrüger!" Eine neue Legende ist geboren.

Die Enttäuschung sitzt tief, denn dieses Mal sollte alles ganz anders werden. Die junge Mannschaft unter Trainer Luis Aragonés spielte in der ersten Runde gekonnt und selbstsicher auf. Schnell war vergessen, dass sich die Selección erst in allerletzter Minute für die WM qualifiziert hatte. Mit jedem Kombinationsspiel, mit jedem Angriff von Fernando Torres, dem "Kind", wie sie ihn nennen, wuchs die Sicherheit: "Sí, sí, sí vamos a Berlin!" - "Ja, ja, ja, wir fahren nach Berlin!" Die Fans hatten Lust auf mehr, denn wer Erfolge in der WM-Geschichte Spaniens sucht, muss weit zurückgehen - bis 1950. Damals wurde die Selección Vierter bei der Weltmeisterschaft in Brasilien.

Das Land war wie verwandelt. Hieß es doch bisher immer: "Spanier lieben ihren Club, doch an die Nationalmannschaft glauben sie nicht." Die traditionell fehlende Begeisterung hat nicht nur mit den fehlenden sportlichen Erfolgen der Nationalmannschaft zu tun. Sie ist auch ein politisches Problem. Zwei der wichtigsten Fußballregionen des Landes – Katalonien mit dem FC Barcelona und das Baskenland mit Atletic de Bilbao – identifizieren sich nur bedingt mit Spanien als Ganzem. Hier sind Nationalismus und Streben nach Unabhängigkeit stark. Ein Länderspiel könnte in keiner der beiden Regionen ausgetragen werden. Proteste wären programmiert. Und auch im restlichen Spanien sind nationale Symbole wie Fahne, Hymne und auch Nationalelf mit dem Makel der unrühmlichen Vergangenheit unter der Franco-Diktatur behaftet.

"Irgendwas geht hier vor"

Luis Aragonés schien das Unmögliche möglich zu machen. Spanien begann seine Elf zu lieben. "¡A por ellos!" - was dem deutschen "Auf sie mit Gebrüll!" entspricht, hieß der Schlachtruf der Stunde. Die rot-gelbe Nationalfahne und die Nationaltrikots wurden zum Verkaufsschlager. Das Publikum auf den Plätzen und im Stadion sang die Nationalhymne mit, nicht ganz leicht bei einem Stück, das keinen Text hat. "Irgendetwas geht hier vor", wundert sich nicht nur der Sportreporter der hauptstädtischen Tageszeitung "El Mundo" in seinen Kolumnen angesichts der Welle des Patriotismus, die das Land befiel.

Schnee von gestern. Heute erwacht das Land wieder in der Normalität. In den Cafés wollen es plötzlich alle schon immer gewusst haben, dass es auch dieses Mal nichts werden konnte. Sarkastischer Humor überspielt die Trauer. Und die große Sportzeitung "As", die vor dem Spiel gegen Frankreich noch alle patriotischen Register zog und ihren Lesern Tag für Tag erzählte, dass dieses Mal das Märchen wahr werden würde, titelt heute: "Es war schön, solange es anhielt."



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