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WM in Brasilien: Aufruhr am Mannschaftsbus

Foto: Leo Correa/ AP/dpa

Proteste gegen Seleção Demonstranten blockieren Bus von Brasiliens WM-Team

In Rio de Janeiro haben wütende Lehrer den Mannschaftsbus des brasilianischen Nationalteams gestoppt. Sie fordern Geld für Bildung statt für Fußball. Die Polizei sah hilflos zu. Wie gut ist das Land auf das Massen-Event WM vorbereitet?

Hamburg/Rio de Janeiro - Sie sind Freudentänze, Sambarhythmen und wehende Brasilien-Flaggen gewöhnt. Doch am Montag wurden die Spieler der brasilianischen Nationalmannschaft mit Protestschildern und wütendem Geschrei empfangen.

"Es wird keine WM geben", riefen rund 200 Demonstranten, mehrheitlich Lehrer, die im Bundesstaat Rio de Janeiro seit rund zwei Wochen für 20 Prozent mehr Gehalt und weniger Wochenarbeitsstunden streiken. Einigen gelang es, die Parole auf den Mannschaftsbus zu kleben: "Não vai ter copa". Auf Plakaten stand: "Wir brauchen Bildung, keine Stadien." Demonstranten schlugen mit Fäusten gegen das Fahrzeug und schrien: "Ihr könnt es ruhig glauben, Erzieher sind mehr wert als Neymar." Die Polizei versuchte die Menge abzudrängen, war jedoch in Unterzahl.

Parole: "Hexacampeão", der sechste WM-Titel

Zu der Sicherheitspanne kam es nahe dem Internationalen Flughafen von Rio de Janeiro. Dort trafen sich am Montag die Nationalspieler in einem Hotel, um gemeinsam ins WM-Quartier zu fahren. Im frisch renovierten Granja Comary sollen sie sich ganz auf die Weltmeisterschaft konzentrieren. Das große Ziel: der sechste WM-Titel.

Das Camp Granja Comary, seit etlichen Jahren Stützpunkt der Seleção, schmiegt sich in die idyllische Berglandschaft von Teresópolis, etwa 90 Kilometer vom hektischen Rio und meilenweit von den Problemen des Landes entfernt.

In vielen Städten Brasiliens formiert sich Widerstand gegen die Copa, gegen die Milliardensummen, die der Staat nach Auflagen der Fifa in Stadien steckte, statt sie für die Verbesserung der Infrastruktur, für Bildungsprojekte oder für den Kampf gegen Armut einzusetzen. Noch 16 Tage sind es bis zum Eröffnungsspiel. Die WM-Organisatoren hoffen, dass die Stimmung im Land nun endlich steigt und Streiks, Proteste und Negativ-Schlagzeilen abnehmen.

Die Sicherheit der Teams sei auf jeden Fall gewährleistet, hatte Präsidentin Dilma Rousseff kürzlich erklärt. "Falls nötig" würden Truppen mobilisiert. Doch der Zwischenfall am Mannschaftsbus dürfte das Vertrauen in die Versprechen der Regierung nicht gerade gesteigert haben.

"Wir sind hier, um Fußball zu spielen"

Die zuständigen Sicherheitskräfte und Ministerien versuchen die Situation herunterzuspielen. Es habe kein Problem gegeben, die Spieler seien zu keiner Zeit in Gefahr gewesen, der Bus sei pünktlich abgefahren.

"Ob es ein Problem gegeben hat? Zweifellos," sagte Paulo Storani, Anthropologe, der selbst früher bei einer Spezialeinheit der Militärpolizei war, dem Internetportal oglobo.com . Es habe eine ganze Reihe von Fehlern gegeben: Sowohl Spieler, als auch Demonstranten seien in Gefahr gewesen. Die Polizei habe bei ihrem ersten großen Test versagt.

Der Soziologe Ignácio Cano, der an der Staatlichen Universität von Rio de Janeiro forscht, sagte oglobo.com : "Es nutzt nichts, die Stadien durch Polizisten abzuriegeln, um Demonstrationen zu verhindern." Die Politik müsse den Dialog mit den Unzufriedenen suchen. Der Erfolg der WM hänge von der Politik ab, nicht von der Anzahl der Polizisten auf der Straße.

Trainer Luiz Felipe Scolari und der Fußballverband CBF wollen sich zum Thema Gewalt und Sicherheit nicht äußern. Bei seiner ersten Pressekonferenz in Granja Comary sagte Scolari: "Wir sind hier, um Fußball zu spielen. Die WM außerhalb des Spielfeldes ist nicht unsere Angelegenheit." Regierung und Polizei müssten sich um die Demonstrationen kümmern. Die Aufgabe der Spieler sei es, Fußball zu spielen. Das müsse man der Bevölkerung erklären. Den Spielern stehe es aber frei, ihre private Meinung zu äußern.