Favela-Fußball-Fotoprojekt Knipsende Knirpse

Für die Kinder in der brasilianischen Favela Cidade de Deus ist Fußball ihr Leben. Um diese Leidenschaft einzufangen, hat der Fotograf Christophe Simon den Kids selbst Kameras in die Hand gedrückt. Einblick in ein außergewöhnliches Fotoprojekt.

AFP

Von Tanja Mokosch


Rio de Janeiro - Wenn es um Fußball geht, brauchen die Kinder in der brasilianischen Favela Cidade de Deus, der Stadt Gottes, nicht viel zu ihrem Glück. Ein Ball reicht - egal, ob halbzerfetzt, aus echtem Leder oder Plastik, groß oder klein. Sie spielen auf der Straße, auf staubigen umzäunten Plätzen, alleine gegen die Wand, sie spielen ohne Tore, ohne Eckfahnen, ohne Schiedsrichter. Das "Estádio do Maracanã", der Austragungsort des WM-Finales, liegt nur 20 Kilometer entfernt. Doch Fußball in der Stadt Gottes, das ist eine andere Welt.

Christophe Simon, Fotograf der Nachrichtenagentur AFP, wollte die Fußballleidenschaft der Kinder einfangen und hat sie deshalb selbst zu Fotografen gemacht. Er gab ihnen Kameras in die Hand und zog dreieinhalb Monate lang an den Wochenenden mit ihnen durch die Favela. "Ich wollte den Kindern die Möglichkeit geben, selbst zu erklären, was Fußball für sie so besonders macht", erzählt der 53-Jährige. Mehr als zehntausend Fotos sind entstanden. Die 70 besten hat Simon jetzt veröffentlicht.

Den Kontakt zu den insgesamt 18 Kindern und deren Eltern stellte Tony Barros her. Der Brasilianer führt ein Fotogeschäft in der Favela und kennt dort jeden. "Tony war meine Eintrittskarte", sagt Simon. "Ohne ihn wäre das Projekt nicht möglich gewesen. Jeder in der Cidade de Deus kennt und respektiert Tony. Wenn wir Drogendealern auf der Straße begegnet sind, die sich darüber aufgeregt haben, dass wir Fotos machen, hat er mit ihnen gesprochen und sie weggeschickt."

Kein Blitz, kein Posen

Manchmal zog Simon den ganzen Tag mit zehn Kindern und zehn Kameras durch die Favela. Vor jeder Tour bestimmte Simon ein Thema: Details, Überblick, Spiele, Perspektiven. Das habe gut funktioniert. "Die Kinder sind sehr clever und haben immer schnell verstanden, was ich ihnen erklärt habe", sagt er. Kein Blitz, kein Gepose - das waren Simons wichtigste Grundregeln. Vor allem Letzteres sei den jungen Fotografen nicht immer leichtgefallen. "Sobald sie die Kamera gesehen haben, haben sie angefangen zu posen - wie ein Reflex. Wenn sie dann fertig waren, waren sie wieder sie selbst. Das wollte ich sehen."

An der Seite des Fotografen entdeckten die Kinder ihre Heimat von einer ganz neuen Seite. "Sie kennen ihre Straßen in- und auswendig und sind sehr schnell durch die Favela gelaufen", erzählt Simon. Er habe sie immer wieder auf gute Motive aufmerksam gemacht: tobende Kinder, ein Schachspiel aus Steinen, einen sehr alten Fußball.

"Sie träumen davon, rauszukommen"

Spielszenen hätten die Kinder besonders gut einfangen können, erzählt Simon. Weil sie selbst ständig Fußball spielen, wussten sie, wann sie auf den Auslöser drücken müssen. Was der Sport den Kindern bedeutet, wurde Simon aber nicht nur durch die Bilder klar. "Für sie ist Fußball alles. Wenn sie reden, geht es nur darum, wer welchen Klub unterstützt. Sie träumen davon, durch den Fußball aus den Favelas rauszukommen", erzählt der Fotograf.

Unter den Teilnehmern des Projekts gab es einen stetigen Wechsel, manche blieben aber von Anfang bis Ende dabei. Einer von ihnen ist der 10-jährige Kuhan, ein lebhafter und talentierter Junge, an den sich Simon besonders gut erinnert. "Er war eines von acht Kindern in einer sehr armen Familie und er war sehr motiviert bei der Sache." Kuhans Bilder gehören zu den besten des Projekts.

Am Ende zeigten Simon und Tony Barros den Kindern die Bilder - projiziert auf eine Leinwand. "Die Kinder waren so überrascht. Sie konnten sich gar nicht vorstellen, dass Bilder so groß sein können", sagt Simon und lacht. Das Projekt soll nicht das letzte dieser Art bleiben. Schon im September will er mit Kindern aus der Cidade de Deus weiterarbeiten. Thema sind dann alle Sportarten der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro.



insgesamt 6 Beiträge
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hobbyleser 11.06.2014
1. Bildung
Es wäre besser, Bildung wäre ihr Leben. Dann hätten sie auch eine Zukunft. Statt dessen wird dort eine ganze Bevölkerungsgruppe auf Generationen hinaus ausgeschlossen. Welchen sozialen Zündstoff das birgt, kann man jeden Tag in seriösen Medien nachvollziehen.
zweitegabel 11.06.2014
2.
Die Fifa-Propagandamaschine merkt, dass es für neuerdings nicht mehr ausreicht, mit Fußballpomp und -glamour allein einfach die sozialen Missstände in direkter Nachbarschaft zu übertünchen. So wird Phase 2 angeworfen: seht, selbst in den garstigen Favelas freut man sich über König Fußball - warum dann nicht auch ihr? Und Photos von dünnen, aber dennoch stets vergnügten Kindern (Bonuspunkte für Starkpigmentierung) waren schon immer gut darin, "daheim" ein wohliges "Sei dankbar für was du hast"-Gefühl hervorzuwecken. Brot und Spiele.
web2011 11.06.2014
3. und als Bildautor wird dann wer genannt?
Wer bekommt das Bildhonorar? Haben die Kinder ein angemessenes Honorar bekommen?
genlok 11.06.2014
4. Hört doch auf..
Mag Fussball nicht, aber die FIFA kann nichts fuer schlechte ékonomische Verhaeltnisse einer Gegend oder Landes.....
deranaluest 11.06.2014
5. Die Kinder träumen davon, durch Fußball der Armut zu entfliehen.
Eben hieß es noch dass es die reine Spielfreude und Lust und Leidenschaft war und nun auf einmal die Realität? Das geht doch nicht, die spielen da nur zur Freude, nicht weil sie darin einen kleinen Strohhalm sehen aus dem Elend zu entfliehen.
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