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Großereignisse im Sport: Wie viel Sicherheit ist möglich?

Foto: ? Mike Hutchings / Reuters/ REUTERS

WM-Sicherheitskonzept "Den totalen Schutz gibt es nicht"

46.000 Polizisten sind bei der WM in Südafrika im Einsatz - doch viele sind dafür nicht extra geschult worden. Zu ersten Übergriffen auf Journalisten kam es bereits. Fifa-Funktionäre wiegeln Sicherheitsbedenken ab, allen voran Franz Beckenbauer.

Franz Beckenbauer ist berühmt und gefürchtet für seine Nonchalance. Probleme übergeht er gern mit einer lässigen Bemerkung. So auch die heiß diskutierte Frage der Sicherheit bei dieser Weltmeisterschaft, für die Beckenbauer als Mitglied des Fifa-Exekutivkomitees mitverantwortlich ist. Als er in Johannesburg auf die sich häufenden Zwischenfälle - und die Raubüberfälle auf Journalisten - angesprochen wird, fragt Beckenbauer zunächst zurück: "Warum erwischt's eigentlich immer Journalisten? Was ist da los?" Er lacht und gibt gleich selbst eine Antwort: "Die tragen zu viel bei sich. Man sollte halt nicht allein in Soweto herumlaufen!"

Alsdann gibt Beckenbauer, der bei Weltmeisterschaften eine Sonderbehandlung genießt - es wird ein Bodyguard gestellt, er verfügt über einen Fahrdienst mit Polizeiauto und Helikoptertransport - einige Reisetipps zum Besten. "Wenn man weiß, wie man sich zu verhalten hat, und das ist in allen Ländern so, dann ist die Gefahr, das irgendwas passiert, eigentlich minimal", sagt er. "Wenn man in der Gruppe bleibt, kann eigentlich nichts passieren."

Und wenn diese Gruppen dennoch von bewaffneten Banditen überfallen werden, so wie in den vergangenen Tagen chinesische Journalisten (im Auto) sowie Spanier und Portugiesen (im Hotel)? Was dann? Beckenbauers Redefluss stockt. Es ist schon etwas komplizierter, das wird ihm in diesen Momenten klar. Er bittet um Entschuldigung: "Ich kenne diese Details nicht", sagt er, "aber man muss halt einfach aufpassen."

Bislang gingen die Überfälle glimpflich aus. Anders als im November 2007 am Rande der Auslosung zur WM-Qualifikation in Durban: Damals wurde der ehemalige österreichische Fußballprofi Peter Burgstaller, ein Bekannter Beckenbauers, auf einem Golfplatz erschossen. Fifa-Präsident Joseph Blatter erklärte zynisch, man beklage den Tod Burgstallers, jedoch sei dieser ein Tourist gewesen, kein Mitglied einer offiziellen Delegation.

Es wäre deshalb unzulässig, eine Verbindung zur Weltmeisterschaft herzustellen, sagte Blatter seinerzeit. Zweieinhalb Jahre später erklärt er in Johannesburg nach den ersten schlagzeilenträchtigen Vorfällen: "Niemand muss zweifeln. Viele vertrauen Südafrika nicht, aber die Sicherheit der WM-Besucher ist gewährleistet."

Polizisten in Südafrika: schlecht ausgebildet, schlecht bezahlt

Natürlich haben die Südafrikaner für dieses Fußballfest ein riesiges Sicherheitsaufgebot bestellt, das kürzlich aufgestockt wurde: 46.000 Polizisten sind im WM-Einsatz. Allerdings wurden viele von ihnen kaum auf diesen Einsatz vorbereitet.

Polizisten, die nicht gut lesen und schreiben können, sind in Südafrika keine Seltenheit. Über zehn Prozent der Beamten hat keinen Führerschein. Oft sind die Beamten schlecht ausgestattet, ihre kriminellen Gegner haben die besseren Waffen und die schnelleren Autos. Ein einfacher Polizist verdient anfangs gerade mal etwa 4500 Rand im Monat, umgerechnet 400 Euro. Auch ein Grund dafür, warum manche Beamte bestechlich sind. 2009 wurden laut der Zeitung "Cape Times" 538 Polizisten wegen Mord, Vergewaltigung, Raub oder Bestechung verurteilt.

Niemand glaubt, dass die Polizei insgesamt korrupt sei, nur über das Ausmaß gibt es Differenzen. Schließlich hat auch Präsident Jacob Zuma angekündigt, mit "harter Hand" gegen bestechliche Beamte vorzugehen. Zudem wurde der Jahresetat für die Polizei von 78 auf 100 Milliarden Rand (9,2 Milliarden Euro) erhöht.

Währenddessen kämpft Südafrikas Polizei gegen Heerscharen gewaltbereiter Verbrecher. Unter der neuen Polizeiführung von Cele und Polizeiminister Nathi Mthethwa wurde eine Politik der "Zero Tolerance" eingeführt - die aus den USA übernommene Strategie, gegen jeden Gesetzesverstoß massiv vorzugehen. Bürgerrechtsgruppen klagen inzwischen über "polizeistaatliche Methoden".

Als der Chef des Bundeskriminalamts (BKA), Jörg Ziercke, seine Kollegen in Südafrika im Januar besuchte, zeigte er sich jedoch beeindruckt. Die WM-Vorbereitungen zeugten von einem "hohen Maß an Professionalität". Polizeichef Bheki Cele schwärmt von den "besten Sicherheitsmaßnahmen der ganzen Welt".

Elitesoldaten für die WM-Teams

Die 32 Nationalteams, die zur WM anreisten, werden trotzdem von schwer bewaffneten Elitesoldaten abgeschirmt. Funktionäre und VIPs bewegen sich in Begleitung von Bodyguards. Sicherheitsexperten aus zahlreichen Ländern kooperieren seit langem mit den südafrikanischen Behörden.

"Wir alle haben uns in den vergangenen vier Jahren angestrengt, ein sehr gutes Sicherheitskonzept zu entwickeln und solche Zwischenfälle auszuschließen", sagt Horst Rudolf Schmidt, der Fifa-Sonderbeauftragte für diese WM. "Wobei wir wissen, dass es in der privaten Kriminalität, wenn ich das so sagen darf, natürlich keinen Garantieschein gegen solche Zwischenfälle gibt, weder in Deutschland, noch in Südafrika oder in Brasilien."

Schmidt ist der Fachmann schlechthin für die Organisation von Fußball-Weltmeisterschaften. Er war schon 1974 als junger Mann im deutschen Organisationskomitee tätig, hat danach bei fast allen Weltmeisterschaften und in Fifa-Organisationskomitees mitgewerkelt, war lange Jahre Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und 2006 bei der WM der eigentliche Organisationschef. Er legt die Stirn in Falten, als er über die Sicherheitsfrage referiert. Er weiß, dass das gesamte Projekt gefährdet wäre, sollte Schlimmeres passieren. "Ich verfolge das mit großer Besorgnis." Aber Schmidt warnt davor, alle Meldungen und Gerüchte zu vermengen und aufzubauschen.

Die Fifa krallt sich an das Hoffnungsprinzip

In der Geschichte sogenannter Mega-Events, also Olympischer Spiele und Fußball-Weltmeisterschaften, gab es immer wieder tragische Vorfälle. Auch bei den Sommerspielen 1996 in Atlanta: Damals hatte der Organisationschef Billy Payne etwas zu selbstsicher getönt, Atlanta sei während der Spiele "der sicherste Ort auf dem Planeten". Wenige Tage später explodierte im Olympic Park eine Rohrbombe und beendete den olympischen Frieden. Eine Frau starb, 111 Menschen wurden zum Teil schwer verletzt.

Es ist keine Panikmache, an derartige Zwischenfälle zu erinnern, auch wenn die Gefahren in Südafrika wohl eher anderer Natur sind. "Man kann den Schirm der Sicherheit nicht überall aufspannen", sagt Horst R. Schmidt, man könne es nur versuchen. "Den totalen Schutz gibt es nicht."

Schmidts Karriere im Sportbusiness begann übrigens 1972 als Mitarbeiter im Organisationskomitee der Olympischen Spiele in München. Seither, seit dem Terroranschlag von Palästinensern auf israelische Olympiateilnehmer, weiß er, dass es keine Garantien geben kann. "Was in Südafrika bisher passiert ist, bleibt hoffentlich die Ausnahme", sagt Schmidt. "Bitte verstehen Sie, dass ich weiter hoffnungsfroh bleibe."

Mit Material von dpa
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