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Wo war Udo?

Ortstermin: Lesegala im Kanzleramt - Schröder übt den Wahlkampf
aus DER SPIEGEL 5/2002

Wie Rohrpost steigen die Gäste im kreisrunden Lift zur »Sky Lobby« auf, siebte Etage Kanzleramt, gleich 18 Uhr. Schilder zeigen schwarz auf weiß zur »Dichterlesung«, alte Bekannte zeigen fröhlich ihre Zähne zur Begrüßung.

»Hallo, Günter« (Gaus), »Grüß dich, Carola« (Stern), »Wie geht's dir, Volker?« (Schlöndorff), »Mensch, Uwe« (Karsten Heye), »Na, Peter?« (Merseburger).

Wer würde nicht kommen, wenn der Kanzler persönlich einlädt zur After-work-Dichterlesung. Wenn sich also die Berliner Republik zum Kunstgenuss versammelt in der Mitte der Macht. Wenn die Dichter überdies Günter Grass und Christa Wolf heißen. Und mit Emine Özdamar eine Entdeckung versprochen wird.

Der Kanzler steht am Grund eines kleinen steilen Amphitheaters und spricht zu den Leuten von unten herauf, ein Diener des Staats. Den Auftakt zu einer neuen Form des Gedankenaustauschs verspricht Gerhard Schröder, die Lesung sei eine erste Kulturveranstaltung in der Sky Lobby, weitere würden folgen. Nach der »großen Kulturtechnik des Schreibens« kämen bald die bildende Kunst, der Film und die Musik an die Reihe.

»Wir wollen die Einmischung der Kunst«, sagt der Kanzler, »als Herausforderung für uns, für uns selbst und für unsere Arbeit.« Wo solche Sätze fallen, ist Willy Brandt nie fern. Aber dieser Tage fällt einem eigentlich nur Edmund Stoiber ein. Passt der hierher? Im Trachtensmoking und mit dem Bayerischen Verdienstorden um den Hals, im Gespräch mit Schriftstellern in der Sky Lobby, Kanzleramt. Geht? Geht nicht?

Der Kanzler hat gesprochen, nun sitzt er für die nächsten zwei Stunden unbequem auf einem Sitzkissen zwischen Mario (Adorf) und Moritz (Rinke), hinter ihm Gesine (Schwan) und Peter (Schneider). In die Arena ist Grass getreten. Er rezitiert aus seinem Gedichtband »Novemberland«, schwerblütige Sonette, bald zehn Jahre alt, unter dem Eindruck brennender Ausländerwohnheime verfasst. So klingen sie auch.

Im steingrauen Rund sitzen 150 Zuhörer, auch Mitarbeiter des Kanzlers, natürlich Julian (Nida-Rümelin) samt Nathalie (Weidenfeld). Sie alle hocken nackensteif auf Kissen in den Ringen des Forums, die Knie so hochgezogen, dass weiße Streifen von Männerbeinen zwischen Hosensaum und Sockenbund überall zu sehen sind. Und in den Gesichtern malt sich der feste Wille, die Herausforderung der Kunst zu erhaschen.

Die Akustik ist lausig, hallig, anfangs sorgen noch Mobiltelefone für Zwischentöne, später übernimmt das Emine Özdamar, die aus einem autobiografischen Roman liest. Sie berichtet vom Leben eines jungen Türken im deutschen Alltag der sechziger Jahre, schöne Texte sind das, heiter bis wolkig, unter der Oberfläche tief, auch der Kanzler lacht, erbaut und amüsiert. Ernst. Nachdenklich. Versonnen. Betroffen. Ein Stück weit. Überrascht. Er zeigt, der Wahlkampf hat kaum begonnen, schon wieder sein ganzes Repertoire. Er übt, er probt. Er stützt sich auf beide Ellenbogen, die Stirn tief gefurcht. Er legt das Gesicht schräg in nur eine Hand, lächelnd. Er atmet tief, wenn es eine kleine Erkenntnis zu verdauen gilt. Er ist Schröder, der Kanzler, Wolke sieben, Sky Lobby.

Seine Erscheinung sagt: Seht her, seht mich an, ich bin der Kanzler, ich kann auch mit den Künstlern, ich kann mit jedem. Ich bin Weltstaatsmann, und draußen stehen die Frau, das Boot, ein paar Arbeitslose, der 745er BMW ...

... und natürlich Stoiber, der von empörenden Zahnersatzkostenausgleichsgesetzen oder vorgezogenen Zwischenstufen für teilreformierte Rentenzusatzleistungen spricht, am selben Abend im Fernsehen. Für ihn scheinen die Texte von Christa Wolf gemacht, sie liest beim kleinen Kulturgipfel im Kanzleramt ein Tagesprotokoll des 27. September 2001. Ein Text, schwärzer als Michael Glos, Zeile um Zeile würgende Depression, Selbstmitleid, Untergang, Weltschmerz.

Nach Wolfs Lesung ist an eine Bundestagswahl im September nicht mehr zu denken. Es kann nur noch um Apfelbäume gehen, sofort zu pflanzen. Die Sky Lobby ist betroffen. Kurz.

Dann ran an die Knackwurst und die Stehtische. »Hallo, Axel« (Schultes), »Schön dich zu sehen, Katharina« (Rutschky), »Wie geht's, Michael?« (Ballhaus), »Und dir, F. C.?« (Delius).

Zu diesem Zeitpunkt kann man sich zu fragen beginnen, wer alles fehlt beim Stelldichein der geistigen Elite. Wo war Martin (Walser)? Und Botho (Strauß)? Und Udo (Walz)? Und Iris (Berben)? Ein Glück, dass wenigstens ein paar Fotografen da waren.

Bei so schönen Motiven.

ULLRICH FICHTNER

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