Wunder von Bam Retter bergen Mädchen lebend aus den Trümmern

25.000 Leichen sind inzwischen im iranischen Erdbebengebiet geborgen und beerdigt worden - unter ihnen 8000 Kinder. Die Retter hatten die Hoffnung schon aufgegeben, noch Überlebende zu finden. Doch am Morgen konnten die Helfer ein Mädchen lebend aus den Trümmern befreien.


Bam: Ein russisches Rettungsteam sucht unter Trümmern nach Überlebenden
AP

Bam: Ein russisches Rettungsteam sucht unter Trümmern nach Überlebenden

Teheran/Frankfurt am Main - Das etwa zwölf Jahre alte Kind habe sich das Bein gebrochen und sei bei seiner Rettung am Montagmorgen bewusstlos gewesen, sagte Schokrollah Abbasi, ein iranischer Helfer. Das Mädchen sei mit Hilfe eines elektronischen Sensors entdeckt worden. "Sie blieb am Leben, weil das Dach nicht vollständig zusammenbrach", sagte Abbasi. "Wir haben sie in der Küche gefunden." In der Nähe des Kindes habe ein Teller Reis gestanden. Im gleichen Haus wurden die Leichen einer Frau und eines Jungen entdeckt.

Rund 25.000 Leichen seien mittlerweile geborgen und begraben worden, hieß es am Mittag, unter ihnen 8000 Kinder. Was mit jenen Kindern geschehen soll, die überlebt, aber durch das Erdbeben ihre Eltern verloren haben, haben die iranischen Behörden noch nicht entschieden. Ersten Plänen zufolge sollen die Waisenkinder zunächst in die Provinzhauptstadt Kerman und dann in Heime gebracht werden, in der Hoffnung, dass sie Adoptiveltern finden.

Heute ist der iranische Präsident Mohammed Chatami in Bam eingetroffen. Dort will er die Zentrale der Hilfsorganisationen besuchen, mit Überlebenden sprechen und den Opfern seinen Respekt erweisen. Außerdem hat Chatami eine Ansprache angekündigt. Der Staatspräsident hatte das Beben vom Freitag als nationale Tragödie bezeichnet und rasch internationale Hilfe akzeptiert, auch die des politischen Gegners USA.

Deutsche Helfer wollen ihre Rettungsarbeiten einstellen. Es gebe derzeit keine Signale wie etwa Klopfzeichen mehr, auch aus der Bevölkerung kämen keine Hinweise auf mögliche Überlebende, berichtete THW-Sprecher Nicolas Hefner am Montagvormittag der Nachrichtenagentur AP.

Zuletzt hatte es gestern Klopfzeichen aus einem Keller gegeben. Die Helfer hatten die ganze Nacht hindurch gearbeitet, sagte THW-Mitarbeiter Stefan Duda in Bam. Die beiden Verschütteten konnten jedoch nur noch tot aus den Trümmern geborgen werden.

Auch die Mitarbeiter des Malteser Hilfsdienstes wollen ihre Rettungsarbeiten demnächst einstellen. "Eine Entscheidung hierüber ist allerdings noch nicht gefallen, es wird aber mutmaßlich in den nächsten Stunden bis zum nächsten Tag wohl so sein", sagte der Notfallmediziner Frank Marx vom Malteser Hilfsdienst im ARD-"Morgenmagazin". Marx ist selbst in der zerstörten Stadt Bam.

Der Sprecher des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Lübbo Roewer, berichtete von chaotischen Zuständen in Südiran: "Viele unserer Helfer sind langjährig schon im Ausland tätig und haben auch schon Naturkatastrophen miterlebt. Aber die sagen, eine solche Szenerie hätten sie noch nie gesehen." Die Häuser seien wie Kartenhäuser zusammengebrochen. "Und das haben die noch nie vorgefunden, dass im Prinzip durch ein Erdbeben alles dem Erdboden gleich gemacht wurde", sagte Roewer. Nachdem die Helfer für die Überlebenden mittlerweile in der Stadt Bam 15.000 Zelte aufgebaut hätten, gehe es jetzt darum, die Zelte zu beheizen.

Laben in Trümmern: Eine Frau und ihr Kind schreien die Trauer über den Tod der Verwandten heraus
AP

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Offenbar gibt es im Katastrophengebiet jedoch erhebliche Probleme, die große internationale Hilfsbereitschaft zu koordinieren. "Bislang ist die Organisation noch nicht zufrieden stellend", sagte die Sprecherin des Uno-Büros für humanitäre Angelegenheiten, Madeleine Moulin-Acvedo, im "Morgenmagazin". Derzeit sei man mit Hochdruck dabei, die überwältigende Hilfe in Bahnen zu lenken. "Wir müssen im Erdbebengebiet aus dem Nichts etwas aufbauen", sagte die Sprecherin. Sie sei jedoch optimistisch, dass man die Schwierigkeiten noch im Laufe des Montags in Griff bekomme.

Das DRK wollte am Montag zwei mobile Gesundheitsstationen vom Flughafen Köln-Bonn aus nach Iran fliegen. Die Stationen bieten über drei Monate mobile Pflege, Impfungen und Geburtshilfe für bis zu 40.000 Patienten, wie die Organisation mitteilte. Insgesamt würden 120.000 Opfer des Erdbebens vom 26. Dezember dringend Hilfe benötigen, hieß es.



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