Wut und Trauer in Duisburg Im Westen geht die Sonne unter

Strahlenden Glanz für ihre graue, geplagte Stadt hatten sich die Duisburger von der Love Parade erhofft. Doch nach der Katastrophe sind die Menschen voller Trauer - und fürchten zudem, als "ewige Verlierer" gebrandmarkt zu sein. Ihre Wut richtet sich vor allem gegen einen: ihren Oberbürgermeister.

Von , Duisburg


"Hömma", sagt Detlef Kruse, einer von knapp 300 Duisburgern, die an diesem Donnerstagmorgen vor ihr Rathaus gezogen sind. Um zu protestieren, um zu trauern. Um ihre Wut rauszulassen auf ihren Oberbürgermeister, der sich dort seit Tagen verschanzt.

"Hömma", sagt also Detlef Kruse und blickt abschätzig auf die anderen Demonstranten - sie recken Plakate in die Höhe, auf denen sie Aufklärung über die Hintergründe der Love-Parade-Katastrophe fordern - "rufen bringt nichts! Der Sauerland ist doch mit seinen Bodyguards abgetaucht, der will bis Oktober durchhalten, um seine Rente zu kassieren. Die Aufklärung is' dem egal."

Adolf Sauerland - auf den CDU-Politiker konzentrieren sich die Gefühle von Ohnmacht und Zorn der Duisburger, die sich nach dem traumatischen Desaster vom Samstag nicht mehr wohl fühlen in ihrer Stadt. Nicht, dass man als Duisburger auf Rosen gebettet wäre. Doch nun fürchten viele, dass der Name Duisburg dauerhaft verbunden bleiben wird mit der Love-Parade-Katastrophe vom 24. Juli 2010 - und dem beschämenden Sich-Davonstehlen aus der Verantwortung, das nahezu alle Entscheidungsträger seit Tagen betreiben.

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Nach der Katastrophe: "Duisburg erholt sich davon nicht mehr"
"Dass wir uns so auf die Veranstaltung in unserer Stadt gefreut haben, müssen wir bitter bezahlen", sagt eine der Protestierenden, Barbara Vetten heißt sie, "Duisburg erholt sich davon nicht mehr."

"Der Oberbürgermeister muss weg, weg, weg!"

Trotzig ruft eine andere, Marion mit Namen, "ich bin stolz auf meine Stadt", und fügt an: "Aber ich schäme mich abgrundtief für unseren Oberbürgermeister, er macht alles nur schlimmer. Der muss weg, weg, weg!"

Während die Menschen an diesem Morgen ihren Frust herausbrüllen, wurde am Vorabend in Duisburg geweint. Rund 1200 Demonstranten machten sich am Mittwoch schweigend auf den Weg zum Tunnel, legten Blumen am Tatort ab, zündeten Kerzen an und marschierten bis zur Arena, wo der MSV Duisburg gegen den VfL Bochum spielte - ohne Tamtam, mit Trauerflor und einer Schweigeminute vor dem Anpfiff.

Ein sommerlicher Abend in Duisburg, die Fans vom MSV trugen Schal. "Die Besten im Westen", ist in die Wolle gewebt. Aus allen Straßen trotteten sie heran, viele im blau-weiß gestreiften Trikot ihres Vereins, den Kopf gesenkt, die Augen verheult, zwischen den Fingern eine Zigarette. Zwölf von ihnen hatten am Montag die Idee eines Trauermarschs durch den Tunnel, wo während der Love Parade unter den zusammengepferchten Menschen die Massenpanik ausbrach.

Detlev Gottschlich ist einer der Zwölf. Auf der Homepage des Fußball-Zweitligisten hatte er die Gedenkveranstaltung angeregt. Die Nachricht verbreitete sich rasend schnell. Fans weiterer Clubs aus dem Revier - VfL Bochum, Borussia Dortmund, Schalke 04, Rot-Weiss Essen und Rot-Weiß Oberhausen - kündigten sich an.

"Man hatte einen Sturm auf das Rathaus befürchtet"

Als die Teams auf das Spielfeld liefen, erhoben sich die 4145 Zuschauer. "Wir alle sind erschüttert und tieftraurig über das schwere Unglück vom vergangenen Samstag", sagt MSV-Kapitän Ivo Grlic. Wo sonst in grellen Farben Werbung prangt, drückte der Verein mit Trauersprüchen sein Mitgefühl aus.

"Jeder der Fans war sich der Bedeutung dieses Abends bewusst", sagt Gottschlich, Teamleiter bei der Deutschen Bahn und Vater eines 17-jährigen Sohnes, der am Samstag mit seinen Freunden fröhlich auf der Love Parade feierte - bis es zur Tragödie kam. "Wir wollten den Angehörigen der Opfer demonstrieren, dass wir bei ihnen sind."

Während die Karawane von MSV-Fans südlich vom Duisburger Zentrum zum Stadion zog, war knapp drei Kilometer entfernt die Polizei in Alarmbereitschaft. Im Netz hatten Nutzer des Mikro-Blogs "Adolf Sauerland" zu einem Flashmob, einer Spontanaktion, aufgerufen: Rathaus stürmen und den Oberbürgermeister zum Rücktritt auffordern.

Sicherheitshalber wurden alle Mitarbeiter evakuiert, doch die Racheaktion floppte mangels Teilnehmer, keine 40 hatten sich eingefunden. "Man hatte einen Sturm auf das Rathaus befürchtet", bestätigt Stadtsprecherin Anja Huntgeburth. Es kursierte zudem das Gerücht einer Bombendrohung. "Das war ein Missverständnis", erklärt Polizeisprecher Ramon van der Maat genervt. Mehr will er nicht dazu sagen.

"Das ganze Ruhrgebiet erschüttert"

Die Duisburger tragen schwer an der Katastrophe vom Samstag. Nach Schätzungen der Polizei kommen täglich Tausende in den Tunnel unter dem Alten Güterbahnhof. "Sie kommen von überall her - aus dem gesamten Ruhrgebiet, aber wir wurden auch von Leuten aus Marburg, Hamburg und München angesprochen", sagt ein Polizist.

In dem 300 Meter langen Tunnel riecht es nach Kerzenwachs. Flackernde Lichterketten weisen den Weg ins dunkle Innere. Aus Teelichtern sind Kreuze, ineinander verschlungene Herzen oder die Zahl 21 geformt. Dazwischen liegen einzelne Rosen, Sonnenblumen und wuchtige Gestecke, in Auftrag gegeben von einem Seniorenstift aus Duisburg, namhaften Firmen, Privatleuten. Kinder zünden Kerzen an, die der Wind wieder ausweht, und betrachten die Fotos der Toten.

An der Stelle, an der die Besucher zu Tode getrampelt und gequetscht wurden, ragt ein großes, weißes Kreuz in den Himmel. Darunter hängen 21 kleine. An der Absperrung davor wehen Flaggen der Länder, aus denen die Opfer stammen: Australien, Niederlande, Italien, Bosnien-Herzegowina, Spanien.

Detlev Gottschlich wohnt nur wenige hundert Meter von der Unglücksstelle entfernt. "Ich hatte mich für die, die sich für solche Events begeistern, gefreut, dass die Love Parade stattfand, dass schönes Wetter war, dass die Stimmung so gut war", sagt der 41-Jährige. "Das tragische Ende hat das ganze Ruhrgebiet erschüttert."

"Wir wollten zusammen feiern, nicht um unser Leben kämpfen."

Das Zitat eines Arztes, der vor Ort war, prangt an der grauen Tunnelwand: "Ein Kriegsschauplatz ist ein Scheißdreck gegen das hier." Darunter eine Botschaft an die Helfer: "Danke an Polizei, Feuerwehr, Sanitäter, Ärzte, Krankenschwestern, Seelsorger und Ersthelfer: Ihr habt Schlimmeres verhindert." Auf einem weiteren Blatt steht: "Wir wollten zusammen feiern und nicht um unser Leben kämpfen."

Auch Notfallseelsorger in auffälligen lilafarbenen Westen sind im Tunnel unterwegs, bieten sich für Gespräche an. "Das Angebot wird sehr angenommen", sagt Dietmar Redeker, Pfarrer aus Düsseldorf. Selten trauten sich die Menschen in den kleinen Container, den die Kirche aufstellen ließ. Doch wenn die Helfer unaufdringlich durch den Tunnel schlendern, wendet man sich an sie, sagt Redeker. "Es dauert einen Moment, bis sich die Menschen mitteilen", wenn das Gespräch aber erst einmal begonnen habe, sei die Flut der Emotionen kaum einzudämmen. Teilnehmer der Love Parade möchten hier mit ihm reden, Duisburger, die tief schockiert sind vom Geschehen, und Angehörige von Opfern.

So kommen Freunde von Anna K. an den Ort, an dem die 25-Jährige so schwer verletzt wurde, dass sie im Krankenhaus starb. Anna K. ist das 21. Todesopfer. Am 6. Juli hatte sie noch ihren Geburtstag gefeiert. "Ganz Heiligenhaus trauert um dich", haben ihre Freunde und Nachbarn auf ein riesiges Plakat gepinselt.

"Wir schämen uns, Duisburger zu sein, mit einem OB ohne Rückgrat"

Die Schlange vor dem hölzernen Podest, auf dem das schwere Kondolenzbuch liegt, ist selten kürzer als 20 Meter. Auch hier wird die Wut laut und deutlich. "In tiefster Trauer entschuldigen sich Duisburger Bürgerinnen und Bürger für das Versagen der Gehirne der Entscheidungsträger", haben aufgewühlte Bürger auf ein Poster geschrieben. "Wir schämen uns, Duisburger zu sein, mit einem OB ohne Rückgrat. Unsere Wut und Empörung sind nicht in Worte zu fassen", steht auf einem anderen Transparent.

Zwei Polizisten sitzen unmittelbar vor dem mit Kerzen geschmückten Bereich in einem Streifenwagen. "Wenn das nicht so geendet hätte, hätte Duisburg weltweit gut dagestanden", sagt der eine. Die Stadt habe nie das "selbstbewusste Malocher-Image" gehabt wie Bochum. Gegen das Etikett "ewige Verlierer" begehre die Ruhrgebietsmetropole seit Jahrzehnten auf.

"Wir waren trotz leerer Kassen auf einem guten Weg", sagt Detlev Gottschlich. "Jetzt werden alle alten Klischees wieder hervorgezerrt, nach dem Motto: War ja klar, dass so etwas in Duisburg passieren muss." Die bemüht wirkenden Versuche der neuen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, Duisburg in ein schmeichelhaftes Licht zu rücken, machten es "eher noch schlimmer".

Gottschlich, die Polizisten, Pfarrer Redeker und viele Trauernde sind davon überzeugt, dass die Stadt noch viele, viele Jahre nur mit dieser Tragödie in Verbindung gebracht werden wird. Wie zum Trotz legen viele MSV-Fans ihre Schals zwischen das Lichtermeer. Mit der Aufschrift nach oben.

Die Besten im Westen.

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Seite 1
Hovac 25.07.2010
1. traurig
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Wenn auch nur ein Mensch stirbt war es ein Fehler. Sowas darf in Deutschland doch nicht mehr passieren, wozu wird man von Formularhaufen für die kleinsten Anlässe erdrückt wenn es dann doch nicht sicher ist.
lawinchen, 25.07.2010
2. Rhetorische Frage
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ein Gelände, das max. 500.000 Besucher aufnehmen kann und dessen Zugangswege derart beschränkt sind, ist fraglos für eine Veranstaltung wie die Love Parade geeignet, denn die Love Parade ist dafür bekannt, weniger als 500.000 Besucher anzuziehen. Duisburg mag pleite sein und die zusätzlichen Einnahmen begrüßen, aber auf diesem Gelände mit diesen Zugangswegen hätte eine solche Veranstaltung niemals stattfinden dürfen: Ich hoffe, der Link wird dargestellt, ansonsten hilft eine Google-Maps-Suche nach "Karl-Lehr-Straße, Duisburg". Das Gelände befindet sich nördlich der L237. http://maps.google.de/maps?f=q&source=s_q&hl=de&geocode=&q=Love-Parade,+Duisburg&sll=51.151786,10.415039&sspn=21.231081,67.631836&ie=UTF8&hq=Love-Parade,&hnear=Duisburg,+Nordrhein-Westfalen&ll=51.422882,6.770582&spn=0.010276,0.033023&t=h&z=16 Polizeipräsidium und Staatsanwalt befinden sich gleich um die Ecke, ich hoffe, sie nutzen die Nähe.
xkultx 25.07.2010
3. Wo gesunder Menschenverstand aufhört...
Egal wo ob in Duisburg, Essen oder Berlin zu solchen tragischen Zwischenfällen kann es leider überall kommen. Es ist nur immer sehr einfach alles auf die Veranstalter abzuschieben, dabei wird allzu oft vergessen wer hier der wahre Auslöser des Dilemmas ist, war und bleiben wird - Alkohol, Drogen, Egoismus und Rücksichtlosigkeit. Wenn es nicht weiter geht - schiebt man nicht!!! Wo gesunder Menschenverstand aufhört, kommen die verschiedensten Schuldzuweisungen - Klar der Veranstalter ist Schuld - Klar die Stadt Duisburg ist schuld. Leute packt Euch mal an den Kopf und fangt an zu denken! Wenn ich mit 2 Promille in eine 30 Zone aus der Kurve fliege - ist dann auch die Stadt Duisburg Schuld oder der Hersteller meines Autos oder die Brauerei, warum bauen die denn dort eine Kurve hin, warum fährt mein Auto wenn ich getrunken habe?
waffenstillstand 25.07.2010
4.
Zitat von sysopDie Entscheidung war umstritten, es gab Zweifel am Konzept, dann kam es zur Katastrophe - war es ein Fehler, die Love Parade auf diesem Gelände in Duisburg abzuhalten?
Ja, sicher. Es war vorher schon bekannt, dass das Gelände höchstens 500.000 Menschen aufnehmen kann, man wusste, dass annähernd 1.000.000 Menschen kommen würde (tatsächlich kamen sogar 1.400.000). So gesehen war es allzu sehr leichtsinnig, die Veranstaltung überhaupt stattfinden zu lassen.
gisu 25.07.2010
5. Schuld haben
Schuld haben die Organisatoren, von deren Seite wurden ehr die Befürchtungen laut das eventuell zu wenig Menschen erscheinen würden, da hat man Zweifel am Gelände und den eingeschränkten Möglichkeiten außer acht gelassen. Wer mit solchen Menschenmassen plant, der muss auch verstärkt auf die Sicherheit achten, und beim kleinsten Zweifel entweder umplanen oder die Sache ganz abblasen. Mein Beileid an die Opfer und deren Angehörigen.
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