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27. Mai 2017, 20:57 Uhr

Moskau

Zehnjähriger rezitiert Gedichte - Verhaftung

Der Junge stand auf der Straße und sagte Gedichte auf - dann schritt die Polizei ein. Das Video einer rüden Festnahme in Moskau empört viele Russen.

Ein Clip von der brutalen Festnahme eines zehnjährigen Jungen, der auf der Straße Gedichte rezitierte, sorgt in Russland für Empörung. In dem Clip , der am Samstag von russischen Fernsehsendern verbreitet wurde, ist zu sehen, wie der Junge von mehreren Polizeibeamten in Gewahrsam genommen wird. Sein Name wurde mit Oskar angegeben.

Der Vorfall ereignete sich den Berichten zufolge am Freitagabend auf einer Straße im Zentrum von Moskau. Die Beamten hatten den Zehnjährigen verdächtigt, verbotenerweise auf der Straße zu betteln. Dem widersprach Oskars Stiefmutter, die in der Nähe auf einer Bank gesessen und das Video gemacht hatte. Ihr Stiefsohn habe Gedichte aufgesagt, um sein schauspielerisches Talent zu trainieren, sagte sie laut dem Bericht.

Der Junge und seine Stiefmutter wurden von den Polizeibeamten auf eine Wache mitgenommen. Dort hätten sie etwa vier Stunden zubringen müssen, berichtet die regierungskritische Website "Ovdinfo", die Festnahmen der Polizei unter die Lupe nimmt. Erst nach Mitternacht hätten die beiden nach Hause gehen dürfen.

Der Anwalt Anatolij Kutscherena, der sich als Verteidiger des früheren US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden einen Namen gemacht hat, begab sich in die Polizeiwache. Nach seinen Angaben entschuldigten sich die Ermittler bei Oskars Eltern. Laut Polizei wurde gegen Oskars Vater jedoch eine Geldstrafe in Höhe von 500 Rubel (acht Euro) verhängt, weil er seine elterlichen Pflichten vernachlässigt habe.

Ein Ermittlungskomitee teilte mit, es untersuche das Vorgehen der Polizisten sowie das Verhalten der Eltern des Jungen. Die Moskauer Polizei kündigte ebenfalls eine Untersuchung des Vorfalls an, deren Ergebnisse öffentlich gemacht würden.

Wenige Tage vor dem Vorfall hatte der Journalist der Zeitung "Moskowski Komsomolets", Alexander Minkin, auf Facebook ein Video veröffentlicht, das Oskar dabei zeigt, wie er in einer Moskauer Fußgängerzone den berühmten Hamlet-Monolog "Sein oder nicht sein" auswendig rezitiert. Minkin feierte den Jungen als "Prinz der Straße" und berichtete, Oskar habe von einigen Passanten ein wenig Geld bekommen, aber nicht gebettelt.

Die Moskauer Polizei stand bereits im März in der Kritik, als sie Dutzende junge Teilnehmer einer regierungskritischen Kundgebung festgenommen hatte.

joe/AFP

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