Zehntausende Tote befürchtet Erste Hilfsteams erreichen verwüstetes Haiti

Sie finden unvorstellbares Leid und Elend vor: Die ersten Rettungsteams sind in Haiti eingetroffen. Noch immer ist das ganze Ausmaß der Erdbebenschäden nicht absehbar, Zehntausende Todesopfer werden befürchtet. US-Außenministerin Clinton vergleicht die Katastrophe mit dem Tsunami 2004.


Port-au-Prince - Langsam läuft die Hilfe in dem vom Erdbeben völlig zerstörten Port-au-Prince an. Zahlreiche Länder brachten am Mittwoch Hilfsgüter, Rettungsteams und Material auf den Weg in den Karibikstaat. Auf dem Flughafen Port-au-Prince trafen erste Militärflugzeuge mit Hilfsgütern ein. US-Militärflugzeuge suchen aus der Luft nach Überlebenden und versuchen sich einen Überblick über die Situation nach der Katastrophe zu verschaffen.

Das genaue Ausmaß ist noch immer nicht zu ermessen. Das Rote Kreuz schätzte die Zahl der Betroffenen auf insgesamt drei Millionen Menschen. Tausende Menschen werden noch unter den Trümmern in der weitgehend zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince vermutet.

Zehntausende irrten am Tag nach dem Beben obdachlos durch die Straßen. Überlebende versuchten mit bloßen Händen, Verschüttete aus den Trümmern zu retten. Auf den Straßen liegen Tote, die behelfsmäßig mit weißen Laken zugedeckt wurden.

Fotostrecke

22  Bilder
Erdbeben in Haiti: Katastrophe von "unvorstellbarem" Ausmaß
Auf dem Parkplatz des Hotels Villa Creole in Port-au-Prince sammeln sich am Donnerstag immer mehr Verletzte der Erdbebenkatastrophe. Zahllose Menschen liegen in den Zelten. Sie haben Schnittwunden, gebrochene Knochen, zerquetschte Rippen. Viele bleiben ohne Behandlung - es sind zu wenige Ärzte auf dem Parkplatz. Die medizinische Versorgungen in Haiti ist katastrophal. Viele Krankenhäuser sind eingestürzt.

"Ich kann es nicht mehr ertragen", klagt Alex Georges, der jetzt schon mehr als einen Tag auf Hilfe wartet. "Mein Rücken tut zu weh." Gleich neben dem 28-Jährigen liegt der tote Körper eines etwa gleichaltrigen Mannes, der vergeblich auf medizinische Versorgung gehofft hatte. Georges war während des Bebens in einer Hochschule im Stadtteil Morne Hercule. Das Dach brach ein, mindestens elf Kommilitonen von Georges waren sofort tot.

"Es geht darum, dass die Leute Nahrung und Wasser bekommen"

Die Helfer bemühen sich darum, die Prioritäten zu sortieren. "Am wichtigsten ist es, verschüttete Menschen aus den Trümmern zu holen", sagte die Leiterin der Hilfsorganisation CARE in Haiti, Sophie Perez. "Dann geht es darum, dass die Leute Nahrung und Wasser bekommen. Alles ist dringend."

Offizielle Angaben über die Zahl der Opfer gab es weiter nicht. Der Botschafter Haitis bei der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) Duly Brutus sagte, er hoffe, dass es nicht mehr als 30.000 Tote gebe. Präsident Réné Préval, der am Flughafen von Port-au-Prince die internationale Hilfe koordinierte, sagte dem US-Sender CNN, er habe von 30.000 und auch 50.000 Toten gehört. Es sei aber noch zu früh für genaue Angaben. Ministerpräsident Jean-Max Bellerive hatte zuvor von bis zu 100.000 Toten gesprochen.

US-Außenminister Hillary Clinton nannte das Erdbeben eine Katastrophe von "unvorstellbarem" Ausmaß und verglich es mit dem verheerenden Tsunami, der Weihnachten 2004 Asien heimgesucht hatte. Sie brach eine Auslandsreise ab, um die US-Hilfen von Washington aus zu koordinieren. Präsident Barack Obama hatte Haiti zuvor bereits jede nötige Hilfe zugesagt.

Ban Ki Moon reist mit Clinton nach Haiti

Zahlreiche Länder, darunter die USA, Frankreich und mehrere südamerikanische Länder, entsandten Bergungsteams und Hilfslieferungen nach Haiti. Die Vereinten Nationen haben eigenen Angaben zufolge etwa 30 internationale Hilfsteams mobilisiert.

Der US-Flugzeugträger "USS Carl Vinson" ist auf dem Weg nach Haiti. Er bringe weitere Hubschrauber für die Rettungsarbeiten und könne zudem als zusätzlicher Landeplatz für Hilfsgüter-Transporte dienen, da der Flughafen von Port-au-Prince überlastet sei, teilte das US-Militär mit. Frankreich entsandte mehrere Flugzeuge in die Region. An Bord sind rund 100 Gendarmen, Feuerwehrleute und Mediziner aus den französischen Antillen. Außerdem schickt Paris aus Südfrankreich ein Flugzeug mit 65 Mann für die Bergungsarbeiten. Dazu kommen Notärzte und Katastrophenhelfer.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon zeigte sich beeindruckt von der internationalen Hilfsbereitschaft. Erste Priorität müsse nun die Rettung Überlebender haben. Dabei zähle jede Stunde. Ban kündigte an, mit Clintons Ehemann, dem früheren US-Präsidenten und UN-Sondergesandten für Haiti, Bill Clinton, ins Erdbebengebiet reisen zu wollen. "Wir werden auf jeden Fall die Hilfsarbeiten inspizieren, allerdings nicht gleich jetzt", sagte Ban in New York.

Nach Angaben Bans kamen bei dem Beben mindestens 16 Uno-Mitarbeiter ums Leben. Berichte, wonach auch der Chef der Uno-Mission in Haiti unter den Toten sei, konnte er zunächst nicht bestätigen. Unter den getöteten UN-Mitarbeitern sind zehn Blauhelmsoldaten aus Brasilien, drei aus Jordanien und einer aus Haiti. 56 Mitarbeiter wurden verletzt, aber lebend aus den Trümmern geborgen. Weitere 150 Mitarbeiter der Vereinten Nationen werden noch vermisst.

Plünderungen befürchtet

Polizisten und Soldaten der Uno-Friedenstruppe räumen Trümmer weg, leiten den Verkehr und kümmern sich um die Sicherheit. Aber sie können nicht verhindern, dass Plünderer durch die zerstörten Geschäfte ziehen. Um der allgemeinen Panik zu entkommen, strömen Hunderte Überlebende aus der Stadt. Viele von ihnen balancieren Koffer und ihre Habe auf dem Kopf.

Inzwischen steigt die Sorge vor einer Ausweitung der Plünderungen. "Im Moment haben die Menschen nur Durst. Aber wenn auch noch der Hunger kommt, dann haben wir hier bald die Apokalypse", sagte die deutsche Journalistin Anne Rose Schön in einem Interview über Skype.

Sie habe bei der Fahrt durch Port-au-Prince gespürt, dass die Menschen bereits sehr aggressiv seien. "Von der Stadt sind 50 Prozent zerstört. Die Leute helfen sich alle selbst. Es ist das totale Chaos", sagte Schön, die seit mehr als zehn Jahren in Haiti lebt. Die Seuchengefahr steige. Die Menschen hätten aus Angst vor Nachbeben Tische, Stühle und Matratzen auf die Straßen gebracht.

Fotostrecke

9  Bilder
Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone
Das Erdbeben hatte den Inselstaat am Dienstag um 16.53 Uhr Ortszeit (22.53 Uhr MEZ) erschüttert, das Epizentrum lag nur 15 Kilometer von Port-au-Prince entfernt. Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt und wurde in den vergangenen Jahren mehrfach von Naturkatastrophen heimgesucht.

siu/Reuters/AP/apn/dpa

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.