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FRAUEN Zeit der Zärtlichkeit

Bekannt wurde sie als Sexforscherin - mit ihrem neuen Buch will Shere Hite das Verhältnis von Frau zu Frau revolutionieren.
aus DER SPIEGEL 43/1997

Ihr jüngstes Werk kommt diese Woche auf den Markt, kein Mensch hat es bisher rezensiert, geschweige denn kritisiert - doch Shere Hites Stimme klingt ziemlich panisch: »Mißverstanden zu werden ist offenbar mein Schicksal«, sagt sie, »am liebsten schreibe ich selbst über meine Bücher.«

Tatsächlich mußte Hite, 54, aus Amerika stammende Sexforscherin mit deutschem Paß, mitunter ätzenden Spott ertragen. Als »social-science fiction« bezeichnete die »New York Times« ihre aufsehenerregenden »Hite-Reports« über das Sexualleben der Amerikaner. Bei ihren Studien versuchte sie unter anderem zu belegen, daß sich 95 Prozent der US-Frauen von ihren Männern mißhandelt fühlen.

Genervt durch derlei Kritikerhohn verließ Hite, die mit einem deutschen Mann verheiratet ist, die USA. Seit vergangenem Jahr ist sie deutsche Staatsbürgerin, pendelt zwischen Paris und Köln und fühlt sich wie auf der Flucht: In einem Interview verglich sie ihr Schicksal sogar mit dem des seit dem Mordbefehl der Mullahs im Verborgenen lebenden Salman Rushdie.

Immerhin: Die Zeit im selbstgewählten und nicht ganz unkomfortablen Exil hat sie genutzt, um ein neues Werk zu verfassen. »Wie Frauen Frauen sehen« heißt es, und es setzt bei der männlichen Unterstellung an, Frauen könnten sich noch so sehr emanzipieren, sie würden es ohnehin nicht weit bringen, weil sie sich untereinander nicht ausstehen könnten*.

Hite argumentiert gegen dieses Klischee: So gern die Männer es sähen, wenn Frauen nur um die männliche Gunst konkurrierten, so illusorisch sei die-

* Shere Hite: »Wie Frauen Frauen sehen«. Europaverlag, München; 288 Seiten; 39,80 Mark.

ses Macho-Wunschdenken. Dank ihrer wachsenden wirtschaftlichen Unabhängigkeit versuchten Frauen mehr und mehr, »ihre Energien in weibliche Freundschaften zu investieren«.

Gleichwohl bewegten sich die Frauen »auf schwankendem Boden«, so Hite, denn es gebe bis heute allerlei Distanz und Unsicherheit im zwischenfraulichen Bereich. Schuld daran sei das Verhältnis der Töchter zu ihren Müttern. Mütter neigten dazu, ihre Sexualität vor den Töchtern zu verbergen, sich nicht vor ihnen auszuziehen, sie nicht aufzuklären und schon gar nicht über ihr Intimleben zu reden. Daraus leiteten die Töchter instinktiv ab, daß auch sie sich ihrer Sexualität besser schämen und sie vor anderen Frauen verbergen sollten.

Diesen Gedankengang bietet die Sexforscherin gleich eingangs als »völlig neue Theorie« feil, über die selbst Freud nicht nachgedacht habe. Und wenn man sie danach fragt, wie sie denn auf all das gekommen sei, wie viele Mütter, wie viele Töchter, welcher Generation, mit welcher Methode sie befragt habe, ist man schon wieder drin, im Urproblem aller Hite-Studien: Was ist Erkenntnis im wissenschaftlichen Sinn, und was ist essayistische Weltbetrachtung?

Denn anders als in ihren Hite-Reports müht sich die Autorin in ihrem neuen Buch gar nicht erst mit Statistiken ab - ihre Erkenntnisse sind allein die Früchte langen Nachdenkens und purer Rückschlüsse. Ihr Buch, so sagt sie, »ist das Substrat von 20 Jahren Forschung und dem, was ich aus all den Briefen und Bekenntnissen von Frauen weiß, die ich in den letzten beiden Jahrzehnten erhalten habe«.

In der Tat läßt Hite jede Menge Frauen zu Wort kommen, zitiert Seite um Seite aus diversen Zusendungen. Aber weil diese Frauen »anonym bleiben müssen« und ihre Aussagen weder mit sozialen Daten noch anderen konkreten Lebensumständen verknüpft sind, bleibt der Aussagewert der Geständnisse allein der Interpretationslust der Autorin überlassen.

Hite selbst antwortet auf methodische Zweifel mit dem Verweis auf Sigmund Freud: Der habe lediglich mit ein paar Frauen aus der Wiener Gesellschaft geplaudert, diese für repräsentativ erachtet und so eine ganze wissenschaftliche Theorie begründet. Ihr komme es hingegen nur darauf an, an die Identifikationsbereitschaft ihrer Leserinnen zu appellieren - wenn die nicht wollten, dann eben nicht.

Um die Identifikation zu erleichtern, spricht Hite ihre Leserinnen direkt an und gibt schließlich sogar praktische Tips, wie die Distanz unter Frauen überwunden werden kann: »Nehmen Sie ein Bad mit Ihrer besten Freundin«, rät sie, »küssen sie ihr Haar, Gesicht und Hände«, »Lächeln Sie anderen Frauen zu«.

Spätestens hier wird Hites Dilemma offenbar: So ehrfurchtgebietend ihr Gespür für das zeitlose Thema weiblicher Konkurrenz und Solidarität sein mag, so schlicht und banal sind ihre Lösungsvorschläge: Mit ein bißchen Zärtlichkeit wird sich der interne Zwist im Frauenlager kaum beheben lassen. Nur Orthopäden dürften über Hites Anleitung zum Frauenglück jubeln: »Geben Sie Ihrer Freundin eine Fußmassage oder massieren Sie ihr den Kopf und die Schultern.«

* Shere Hite: »Wie Frauen Frauen sehen«. Europaverlag, München;288 Seiten; 39,80 Mark.

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