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Zeitbombe, Backbord voraus

Ortstermin: In der Ostsee macht das Greenpeace-Schiff »Sunthorice« Jagd auf Tanker, die die Ölpest an Bord haben.
aus DER SPIEGEL 2/2003

Es gibt Menschen, die nehmen sich vor, im neuen Jahr das Rauchen aufzugeben. Andere haben den Vorsatz gefasst, endlich abzunehmen. Christian Bussau hat Größeres im Sinn. Er will die Ostsee retten.

Bussau steht auf dem Deck der »Sunthorice«, eines alten Dreimasters, der im westlichen Teil der Ostsee ankert, nahe der Tonne »W 71«. Es ist ein diesiger Tag nach Weihnachten, und auf halbem Weg zum Horizont schieben sich Schiffssilhouetten durch den Dunst. Bussau hält ein Fernglas in den Händen, das er immer wieder ans Gesicht hebt, um zu erkennen, ob ein Schiff da draußen ein Tanker ist oder ein Frachter. »Kräne in der Mitte und über dem Laderaum ein Laufgang, das ist ein Tanker«, murmelt Bussau und ruft: »Macht die Schlauchboote fertig!« Zwei Gestalten in unförmigen Überlebensanzügen steigen in zwei Schlauchboote, die neben der »Sunthorice« im Wasser liegen. Bussau blickt wieder hinüber zu dem Tanker, der langsam im Dunst verschwindet. »Eigentlich«, sagt er, »hätte die Katastrophe statt vor Spanien in der Ostsee passieren müssen, denn statistisch gesehen ist die große Öl-Katastrophe hier überfällig.« Er sagt das ganz ruhig. Seit acht Jahren arbeitet er für Greenpeace, und er hat in dieser Zeit lernen müssen, dass »Umweltretten« ein langwieriges Geschäft ist, dem Aufregung nur schadet.

Die Katastrophe, von der Bussau spricht, ist der Untergang des Tankers »Prestige« vor der spanischen Küste. 13 Tage bevor das Schiff mit über 60 000 Tonnen russischem Schweröl an Bord versank und große Teile der Küste Spaniens und Portugals in Öl tauchte, lief es durch die Biegung nahe der Tonne »W 71«. Es war ein heikles Manöver, denn die Fahrrinne ist eng an dieser Stelle, und an Steuerbord lauert eine Untiefe.

Im Mai 2001 unterschätzte der Kapitän des Frachters »Nikolaos P« die Gefahr, und sein Schiff lief auf Grund. Sechs Wochen zuvor stieß der Frachter »Tern« an dieser Stelle mit dem Tanker »Baltic Carrier« zusammen. Der Tanker verlor 2700 Tonnen Schweröl, die unter anderem den Strand der dänischen Insel Falster verseuchten. Sechs Wochen vor diesem Unfall kollidierte der Frachter »Maria« mit dem Tanker »Lenaneft 2068«. Und in den fünf Jahren vor dieser Havarie liefen nahe der Tonne »W 71« die »Friendly Ocean« auf Grund, die »Stone Topaz«, die »Clement«, die »Highland Faith«, die »Seajoy«, die »Urai«, die »Francesco«, die »Aerosmith«, die »North Pacific«, die »Christian Paul Palmsalk«, die »Favorita«, die »Meloi«. Die »Sond« kollidierte hier mit der »Stera«, die »Henza« versenkte die »Clara«. Über all diese Beinah-Katastrophen hat Bussau Buch geführt, er hat sie in Tabellen geordnet und immer griffbereit. Er ist das Superhirn des Untergangs.

Die »Prestige« passierte die Tonne im November unbeschadet. Alles war gut. Die »Prestige« nahm Kurs auf Spanien, der Katastrophe entgegen.

»Wenn sie passiert, die große Katastrophe in der Ostsee, ist es gut möglich, dass sie hier passiert«, sagt Bussau, »nahe der Tonne 'W 71'«, die das Fahrwasser der Kadetrinne begrenzt, einer der gefährlichsten und meistbefahrenen Schifffahrtsrouten Europas.

Rund 150 Schiffe schieben sich täglich durch die schmale Rinne, und immer wieder passiert es, dass unerfahrene Kapitäne zu schnell in das Fahrwasser einfahren und mit ihren Schiffen auf die Gegenfahrbahn getragen werden. So erging es vor ein paar Tagen dem Kapitän eines chinesischen Frachters, der sich in einen Geisterfahrer verwandelte und panisch ins Funkgerät stotterte: »I am sorry, I am sorry.«

Bussau glaubt, dass die große Katastrophe so beginnen könnte. Ein unachtsamer Kapitän, ein Fahrfehler, der einen entgegenkommenden Tanker zum Ausweichen auf eine Sandbank zwingt. »Dort liegt das Schiff dann fest, und weil es keine umfassende Überwachung der Kadetrinne gibt, weil keine Lotsen an Bord der Schiffe sind, wird der Kapitän natürlich versuchen, sein Schiff aus eigener Kraft wieder flottzu- kriegen«, prophezeit Bussau. Der Kapitän wird niemanden anrufen. Die Reederei nicht. Die Küstenwache nicht. Er wird den Vorwärtsgang einlegen, dann den Rückwärtsgang und hoffen, dass er sich freiruckeln kann. So ist es im März 2000 gewesen, als ein Tanker vier Stunden auf einer Sandbank festlag, bevor die erste Meldung bei der Küstenwache einging.

Bussau hofft, die große Katastrophe in der Ostsee verhindern zu können. Deswegen ist er hier, deswegen sind die zehn anderen Greenpeace-Aktivisten hier, die in den Schlauchbooten sitzen und das Radargerät zusammen mit einem Überseelotsen beobachten. Sie wollen dokumentieren, wie viele schrottreife Tanker die Kadetrinne durchfahren, und fordern, dass ortskundige Lotsen die Schiffe führen.

Am ersten Tag der vierwöchigen Untersuchung entdeckten die Umweltschützer in der Kadetrinne die »Express«, ein Schwesterschiff der untergegangenen »Prestige«. »Die 'Express' ist Baujahr 1980, hat keinen Doppelrumpf und gehört deswegen verschrottet«, sagt Bussau. Dann folgten die »Iktinos«, die »Pharos«, die »Tebo Olympia«, die »Anna«, die »Tuapse«, die »Bro Bara«, die »Azalea«, die »Tamyra«, die »Doroussa«, die »Ekfjord«, die »Apache 1«, die »Merapi«, die »Bum Dong«, noch einmal die »Iktinos«, die »Cardissa«, die »Wadag« und die »Kopacina Sosnowiec«. Bussau blickt auf seine Liste: 17 Schrott-Tanker in 21 Tagen.

Eine Katastrophe. UWE BUSE

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