30 Jahre Deutscher Herbst "So in etwa stelle ich mir die Hölle vor"

Der Deutsche Herbst - ein Drama, das die Republik veränderte. Heute vor 30 Jahren entführte die RAF Hanns Martin Schleyer. Das Land hielt sechs Wochen lang den Atem an. Viele Opfer und Angehörige leiden bis heute: "Man trägt ein Leben daran."

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Hamburg - Er war gerade dabei, sich dem Vater anzunähern. Hanns-Eberhard Schleyer war 32, damals, im September 1977.

Der Vater sei nicht "sehr häufig zu Hause" gewesen, erzählt er in dem Dokumentarfilm "Wer gab Euch das Recht zu morden?", der heute Abend in der ARD läuft. Und offenbar war Hanns Martin Schleyer, der Top-Manager und Arbeitgeber-Chef, kein Papa moderner Fasson. "Er hat sich immer schwer getan, als wir noch sehr jung waren, mit uns eine Gesprächsebene zu finden", sagt sein ältester Sohn. "Ich hatte gerade in den letzten Jahren ein sehr enges Verhältnis zu meinem Vater gefunden."

Eine Annäherung, die nie vollendet wurde.

Am 5. September 1977 wird Hanns Martin Schleyer von der RAF entführt, ist 43 Tage ihr Gefangener, wird am 18. Oktober durch drei Schüsse in den Kopf hingerichtet.

Von der RAF wurde Schleyer als Symbol des verhassten Systems ausgewählt. Ein Spitzenvertreter des Kapitalismus. Und ein ehemaliger Nazi, SS-Mann der ersten Stunde, mit besten Kontakten im NS-Reich. Natürlich sei dies ein völlig verfälschtes Bild des Vaters gewesen, sagt sein ältester Sohn. Wobei er diese Diskussion ohnehin ablehnt: Für die Morde der RAF gebe es "keinerlei Legitimation", sagt er. "Es gibt nicht das richtige oder das falsche Opfer."

Wie der Deutsche Herbst den Angehörigen der RAF-Opfer immer noch präsent ist, wie sie hadern, aufarbeiten, zu rationalisieren versuchen - das macht der ARD-Film deutlich spürbar. Und er zeigt auf, mit welchen Widersprüchen die Hinterbliebenen bis heute leben.

Wie kann man die Beklemmung, die von den drei Buchstaben RAF in der bleiernen Zeit der siebziger Jahre ausging, jüngeren Generationen begreiflich machen? Die dröhnende End-Spaßgesellschaft findet es lustig, wenn Stefan Raab im Fernsehen das berühmte RAF-Gefangenen-Motiv von Hanns Martin Schleyer durch das Foto eines Kandidaten der RTL-Show "Deutschland sucht den Superstar" ersetzt - als Gag.

"Da ist jedes Schamgefühl verloren gegangen, jedes Gefühl auch für die Bedeutung dessen, was damals geschehen ist." Hanns-Eberhard Schleyer sagt das nicht einmal verbittert. Er steht auf der anderen Seite, wie alle Hinterbliebenen, wie die Freunde der Opfer. "Man trägt ein Leben daran", sagt einer von ihnen.

Der Deutsche Herbst beginnt an einem frühen Montagabend. Am 5. September 1977 um 17.29 Uhr wird die Limousine des Arbeitgeberpräsidenten in Köln gestoppt, sein Fahrer und drei Sicherheitsbeamte sterben, durchsiebt von zahllosen Kugeln. Schleyer wird von den RAF-Terroristen verschleppt. Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) erfährt in Bonn kurz nach sechs Uhr von dem Attentat.

Die folgenden sechs Wochen gehören zu den dramatischsten Epochen der deutschen Nachkriegszeit. An deren Ende wird eine Regierung Stärke gezeigt, ein Kanzler seine größte Bewährungsprobe gemeistert haben. Aber um welchen Preis? "Ich bin verstrickt in Schuld - Schuld gegenüber Schleyer und gegenüber Frau Schleyer", sagte Helmut Schmidt kürzlich der "Zeit".

Beendet war nichts mit Schleyers Tod, noch lange nicht. 34 Menschen tötete die RAF in 28 Jahren. Aus Wut über ein System, das die Terroristen als unmenschlich empfanden, aus Wut über den von ihnen so genannten "Schweinestaat BRD". Erst 1998 löste sich die Terrorgruppe offiziell auf.

Die zweite Generation der RAF mordet an diesem 5. September, um ihre erste Generation zu retten. Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und andere sitzen zu dieser Zeit in Stammheim in Haft - sie sollen gegen Schleyer ausgetauscht werden. Schon am 6. September erhält die Bundesregierung eine entsprechende Forderung, samt einem Foto des "Gefangenen der RAF".



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