Abschied auf Raten Wie Preußen unterging

Der Anfang vom Ende Preußens begann mit dem Sturz des Königs. Die Junker bekämpften die Weimarer Republik; das "Dritte Reich" betrieb Preußenkult bis zum bitteren Ende. Erst mit dem Attentat des 20. Juli knüpften preußische Adlige an das Preußen des Rechtsstaats und der Reformen an. Zu spät.
Von Heinrich August Winkler

Dass Preußen nach dem Sturz der Monarchie erhalten blieb, verstand sich nicht von selbst. Es gab Befürworter einer Auflösung des Landes in seine einzelnen Provinzen. Aber die Gegner einer Zerstückelung, darunter die Sozialdemokraten, konnten ein stichhaltiges Argument ins Feld führen: Die Zerschlagung Preußens würde französischen und polnischen Angliederungswünschen entgegenkommen und die Gefahr des Separatismus vergrößern. So blieb der Staat, der rund drei Fünftel des deutschen Gebietes und der deutschen Bevölkerung umfasste, erhalten - und mit ihm ein Stück preußischer Hegemonie im Reich als Republik.

An den gesellschaftlichen Grundlagen des preußischen Rittergutsbesitzes änderte die Revolution auch nur wenig. Es gab keine Volksbewegung für die Enteignung der großen Güter. Die regierenden Sozialdemokraten, im Kaiserreich die schärfsten Kritiker der Junker, hatten keine klaren Vorstellungen, was mit dem Großgrundbesitz geschehen sollte. Eine Aufteilung der Güter an Landarbeiter und landarme Bauern kam 1918/19 nicht in Frage: Angesichts der fortdauernden alliierten Blockade hätte ein derart radikaler Eingriff vermutlich zum völligen Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung geführt.

Der Rittergutsbesitz konnte infolgedessen rasch wieder seine Kräfte sammeln. Als im März 1920 Freikorps, die aufgrund des Friedensvertrags von Versailles von der Auflösung bedroht waren, unter Führung des Generals Walther von Lüttwitz und des ostpreußischen Deutschnationalen Wolfgang Kapp gegen die Republik putschten, konnten sie sich nur im konservativen Ostelbien auf einen gewissen Rückhalt in der Gesellschaft stützen: Gutsbesitzer, monarchistische Politiker und Beamte bildeten den zivilen Flügel der Verschwörung. Das Scheitern des Umsturzes bewirkte kein Umdenken. Bis zum Ende der Weimarer Republik stand keine andere gesellschaftliche Elite derart geschlossen und konsequent in Opposition zur parlamentarischen Demokratie von Weimar wie das preußische Junkertum.

Für Preußen wurde der Kapp-Lüttwitz-Putsch zu einer tiefen Zäsur. An die Spitze einer neuen Regierung der "Weimarer Koalition" aus SPD, Zentrum und Deutscher Demokratischer Partei trat der bisherige Landwirtschaftsminister, der energische Otto Braun, ein gebürtiger Königsberger, der mit kurzen Unterbrechungen bis 1933 das Amt des preußischen Ministerpräsidenten innehaben sollte. Unter der Leitung Brauns vollzog sich ein erstaunlicher Wandel: Aus dem Obrigkeitsstaat wurde ein Bollwerk der Demokratie. Während im Reich die Regierungen rasch wechselten, zeichnete sich das republikanische Preußen durch Beständigkeit aus. Drohten von rechts oder links Gefahren für die Republik, trat Preußen sofort an die Spitze ihrer Verteidiger.

Die gelähmte Verfassung

Am 30. Mai 1932 wurde Reichskanzler Heinrich Brüning von Reichspräsident Paul von Hindenburg entlassen. Sein Nachfolger wurde der weithin unbekannte westfälische Gutsbesitzer, Herrenreiter und Rechtskatholik Franz von Papen. Zu den ersten Amtshandlungen des neuen "Kabinetts der Barone" gehörten die Auflösung des im September 1930 gewählten Reichstags und die Aufhebung des von der Regierung Brüning verhängten Verbots von Hitlers Privatarmeen, der SA und der SS.

Reguläre Neuwahlen wären erst im September 1934 fällig gewesen: zu einem Zeitpunkt, für den Konjunkturexperten eine gewisse wirtschaftliche Erholung und sinkende Erwerbslosenzahlen voraussagten. Bei Neuwahlen im Sommer 1932 aber, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit, war ein weiterer Zulauf zu den extremen Parteien von rechts und links, den Nationalsozialisten und den Kommunisten, zu erwarten: eine Aussicht, die für Hindenburg, Papen und Kurt von Schleicher, den neuen Reichswehrminister, offenbar nichts Erschreckendes an sich hatte.

Die Neuwahl war auf den 31. Juli 1932 festgesetzt worden. Elf Tage vorher, am 20. Juli 1932, holte die Regierung Papen zum "Preußenschlag" aus: Durch eine vom Reichspräsidenten angeordnete Reichsexekution wurde die Regierung Otto Braun, seit den Landtagswahlen vom April ein nur noch geschäftsführend amtierendes Minderheitskabinett, abgesetzt. Die Regierungsgewalt ging auf das Reich über; der Reichskanzler machte sich selbst zum Reichskommissar für Preußen. Die Begründung der staatsstreichartigen Aktion war unglaubwürdig: Die preußische Regierung habe sich als unfähig erwiesen, Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten. Tatsächlich war für die Eskalation der politischen Gewalt während des Reichtagswahlkampfs nicht die preußische, sondern die Reichsregierung verantwortlich: Sie hatte durch die Aufhebung des SA-Verbots den entscheidenden Beitrag zur Entfesselung des blutigen Straßenterrors geleistet.

In der "Kamarilla" zeigte sich das alte Preußen

Auf den "Preußenschlag" mit einem Generalstreik zu antworten war für SPD und Gewerkschaften angesichts von über fünf Millionen Arbeitslosen und des tiefen politischen Gegensatzes zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten undenkbar. So blieben nur eine Klage beim Staatsgerichtshof und der Aufruf an die Wähler, den Regierenden mit dem Stimmschein zu antworten. Andere Appelle fanden jedoch sehr viel mehr Gehör: Am 31. Juli 1932 stieg die NSDAP mit einem Stimmenanteil von 37,4 Prozent zu der mit Abstand stärksten Partei auf; die KPD kam auf 14,5 Prozent, woraus sich eine negative Mehrheit gegen die parlamentarische Demokratie ergab.

Die altpreußischen Eliten hatten durch den Regimewechsel vom Mai und Juni 1932 einen Zustand herbeigeführt, den Staatsrechtler als "Verfassungsnotstand" und "Verfassungslähmung" bezeichneten. Der Reichspräsident lehnte es zwar standhaft ab, Hitler, für den es im Reichstag keine Mehrheit gab, zum Reichskanzler eines Präsidialkabinetts zu berufen. Doch für Papen sah die parlamentarische Lage noch ungleich düsterer aus: Er wusste nicht einmal ein Zehntel der Abgeordneten, nämlich die der DNVP und der rechtsliberalen Deutschen Volkspartei, hinter sich. Am 12. September wurde der Reichstag erneut aufgelöst. Die zweite Reichstagswahl des Jahres 1932, am 6. November, änderte an der Gesamtsituation nur wenig: Die Nationalsozialisten verloren zwar über zwei Millionen Stimmen, blieben aber stärkste Partei, die Kommunisten gewannen über 600 000 Stimmen hinzu und kamen auf die magische Zahl von 100 Mandaten, was die Angst vor dem Bürgerkrieg wachsen ließ. Eine regierungsfähige Mehrheit gab es auch im neuen Reichstag nicht.

Adel in der NSDAP

Im Januar 1933 verfiel Franz von Papen, der am 3. Dezember 1932 von Reichswehrminister Kurt von Schleicher als Reichskanzler abgelöst worden war, auf den scheinbar rettenden Gedanken: die Bildung eines mehrheitlich konservativen Kabinetts, das einen Reichskanzler Hitler gewissermaßen einrahmen und bändigen könne. In dieselbe Richtung drängten ostelbische Rittergutsbesitzer wie Elard von Oldenburg-Januschau und ein Teil der Schwerindustrie.

Am Ende ließ sich der Reichspräsident von seinen wichtigsten Beratern, seinem ("in der Verfassung nicht vorgesehenen") Sohn Oskar, Staatssekretär Otto Meissner und vor allem Papen, überzeugen, dass ein Kanzler Hitler, der von einer konservativen Kabinettsmehrheit überwacht werde, ein geringeres Risiko darstelle als der verfassungswidrige Aufschub von Neuwahlen, zu dem Schleicher ihn drängte und den er selbst, Hindenburg, im Sommer 1932 nachdrücklich befürwortet hatte. Damit waren die Weichen gestellt für das Ergebnis des 30. Januars 1933: die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler an der Spitze einer "nationalen Regierung". Der Kreis um Hindenburg, die "Kamarilla", war das Machtzentrum der späten Weimarer Republik. Es war in den Händen von Kräften, die das alte Preußen verkörperten. Der Weg, für den sie sich entschieden, führte Deutschland 1932/33 in die Katastrophe.

Viele jüngere preußische Adlige waren im Gegensatz zu den älteren, deutschnational gesinnten nicht der Meinung, dass es Hitler zu zähmen gelte. Sie hatten sich längst schon der NSDAP, der SS oder der SA angeschlossen. Es gab vieles, was sie am Nationalsozialismus anzog: das Antibürgerliche, der Führergedanke, der glühende Nationalismus, die Ablehnung von Liberalismus, Marxismus und Demokratie, aber auch die Rassenidee und die Judenfeindschaft. Die Deutsche Adelsgenossenschaft, die repräsentative Vertretung des niederen Adels, war seit ihrer Gründung im Jahre 1874 antisemitisch und im 20. Jahrhundert immer mehr zu einem Teil der völkischen Bewegung geworden.

Nach den Recherchen des Historikers Stephan Malinowski waren fast alle bekannten preußischen Adelsfamilien schon vor 1933 in der NSDAP zahlreich vertreten, danach erst recht. 312 der von ihm untersuchten Familien stellten 3592 Parteimitglieder. Von den Alvenslebens über die Arnims, Bernstorffs, Bismarcks, Dohnas, Hardenbergs, Krosigks, Lettows, Oertzens, Richthofens, Schulenburgs, Schwerins, Tresckows, Witzlebens, Wrangels bis zu denen von Zitzewitz: Alle zählten sie in ihren Reihen viele "Parteigenossen" und nicht wenige "alte Kämpfer", die der Partei Hitlers schon vor dem 30. Januar 1933 beigetreten waren. Die Zahl der höheren SA- und SS-Führer mit klangvollen Adelsnamen war beträchtlich. Prinz August Wilhelm ("Auwi") von Preußen, ein Sohn Kaiser Wilhelms II., wurde mit dem Dienstgrad eines Standartenführers in die SA aufgenommen und brachte es dort zum Obergruppenführer.

Hitler brauchte den Preußenmythos

Am 21. März 1933, dem "Tag von Potsdam", fand in der Garnisonkirche der heimlichen Hauptstadt Preußens die Eröffnung des neugewählten Reichstags, natürlich ohne Sozialdemokraten und Kommunisten, statt. Die Feierlichkeiten waren darauf angelegt, Hitlers Bekenntnis zur Verbindung von "alter Größe" und "junger Kraft" zu unterstreichen. Als Reichspräsident von Hindenburg in der Garnisonkirche allein in die Gruft zum Sarg Friedrichs des Großen hinunterstieg, um stumme Zwiesprache mit dem Preußenkönig zu halten, trat bei vielen Deutschen die gleiche patriotische Rührung ein, die seit Jahren die Fridericusfilme der "Ufa", eines Teils des Medienkonzerns des deutschnationalen Parteiführers Alfred Hugenberg, hervorriefen. Doch das alte Preußen erlebte am 21. März 1933 keine Auferstehung. Die neuen Machthaber nahmen nur seinen Mythos in den Dienst, um sich den Schein einer noch höheren Legitimation zu verschaffen als jener, die sie am 5. März durch die Wähler erhalten hatten.

Hitler brauchte den Preußenmythos schon deshalb, weil er kein Preuße war. Als von Haus aus katholischer Österreicher schuldete er dem evangelischen Deutschland den Nachweis, dass er "dazugehörte". Die Berufung auf Friedrich den Großen (den er wirklich bewunderte) und Bismarck (bei dem er das auch, obschon mit Einschränkungen, tat) diente diesem Zweck. Die Verbeugungen vor dem alten Preußen halfen dem "Führer", sich die Loyalität derer zu sichern, denen die preußischen Werte und Tugenden etwas bedeuteten: obenan den Offizieren und Beamten, die in der Tradition des Hohenzollernstaates groß geworden waren.

Die Attentäter des 20. Juli waren die moralische Elite

Die Wehrmacht, der stärkste Rückhalt des Preußentums, war Hitler für ihre Aufwertung durch Aufrüstung so dankbar, dass sie ihm die Ermordung zweier ihrer Generäle, Kurt von Schleicher und Ferdinand von Bredow, während des sogenannten Röhm-Putsches am 30. Juni 1934 nachsah. Eine militärische Opposition gegen Hitler formte sich erst in der "Sudetenkrise" vom Sommer 1938 heraus, als zeitweilig ein Krieg mit Frankreich und Großbritannien drohte. Im Jahr darauf, bei der Vorbereitung des Polenfeldzugs, war davon kaum noch etwas zu spüren.

Der Widerstand von Offizieren, Diplomaten und Beamten setzte in der Regel sehr viel später ein als der von "unten", aus den Reihen der gespaltenen Arbeiterbewegung. Bei den meisten, die sich während des Krieges zum Kampf gegen Hitler entschlossen, war das Entsetzen über die systematische Ausrottung der Juden das entscheidende Motiv. Wann immer ihr Widerstand begann, was immer ihre (zumeist nicht gerade demokratischen) Vorstellungen von der Zukunft Deutschlands waren: Ihre Auflehnung war ein Aufstand des Gewissens. Und sie war bei vielen der Wunsch, eigene Irrtümer, eigenes Versagen und eigene Schuld durch den Einsatz des Lebens wiedergutzumachen.

"Die Zarin ist tot"

Die Verschwörung des 20. Juli 1944 war kein Aufstand des Adels und auch nicht des preußischen Adels gegen Hitler. Es war eine Minderheit, die moralische Elite der altpreußischen Führungsschicht, die sich, nachdem sie den verbrecherischen Charakter des Regimes erkannt hatte, zum Kampf gegen den "Führer" des "Großdeutschen Reiches" und Oberbefehlshaber der Wehrmacht entschloss. Hätte es diesen Kampf nicht gegeben, wäre das Urteil der Nachwelt über Preußen wohl ein anderes: ein ganz und gar negatives.

Das "Dritte Reich" betrieb seinen Preußenkult bis zum bitteren Ende. Noch im April 1945 hing im Führerbunker ein Bild Friedrichs des Großen, auf das Hitler besonders dann zu blicken pflegte, wenn er schlechte Nachrichten von der immer näher rückenden Front erhielt. Ein paar Tage vor dem 12. April, dem Todestag des schwerkranken amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt, las ihm Goebbels aus der Friedrich-Biografie des schottischen Historikers Thomas Carlyle den Passus vor, der von dem "Mirakel des Hauses Brandenburg" handelte: der Rettung Preußens im Siebenjährigen Krieg, ermöglicht durch den Tod der Zarin Elisabeth und die Thronbesteigung Peters III., der den Krieg mit Preußen sogleich beendete. Als Goebbels am Freitag, dem 13. April 1945, die Nachricht vom Tod Roosevelts erhielt, jubelte er: "Die Zarin ist tot." Doch das Wunder von 1762 wiederholte sich nicht. Am 30. April beging Hitler Selbstmord. Am 8. Mai 1945 folgte die bedingungslose Kapitulation des Deutschen Reiches.

Die Begründung, die der Alliierte Kontrollrat wählte, als er am 25. Februar 1947 durch das Gesetz Nr. 46 den Staat Preußen auflöste, ließ an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: Preußen sei "seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland" gewesen und habe in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört. Das war nicht rundum falsch, aber zu pauschal, um richtig zu sein. Vom anderen Preußen, das es auch immer gegeben hatte, war im Spruch der Alliierten keine Rede: weder vom Preußen der Aufklärung oder dem der Stein-Hardenbergschen Reformen noch vom republikanischen Preußen der Weimarer Zeit oder dem des 20. Juli 1944.

Dieser Text ist die gekürzte Fassung eines Artikel aus dem neuen SPIEGEL SPECIAL GESCHICHTE "Preußen – Der kriegerische Reformstaat“, das heute erscheint. Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler beschreibt darin die Endphase der preußischen Geschichte von der Kaiserproklamation Wilhelms I. in Versailles 1871 bis zu formellen Auflösung Preußens durch den Alliierten Kontrollrat im Jahr 1947.