Afrikanische Kolonien Der Garten Eden, der keiner war

Von Erich Wiedemann

3. Teil: Wozu die ganze Kraftanstrengung?


Die Europäer hatten mit dem Kolonialismus kein moralisches Problem. Sie waren davon überzeugt, dass er gottgefällig und ein Segen für die Kolonisierten war. Die spanischen Eroberer brachten Lateinamerika den Katholizismus, die Franzosen ihren Kolonien die civilisation francaise und deren Derivate. Und die Engländer, die nach Überzeugung des Kolonialpioniers Cecil Rhodes "die erste Rasse der Welt" waren, glaubten sowieso, dass sich jedes Volk glücklich schätzen konnte, das von ihnen unterworfen wurde.

Reichskanzler Otto von Bismarck war der einzige europäische Politiker von Rang, der den Kolonialismus nicht missionarisch sah. Kolonien, so giftete er, seien "wie der seidene Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben." Der Staat solle sich da möglichst wenig einmischen.

Bismarck war nicht nur ein guter Politiker, sondern auch ein guter Kaufmann. Er hatte schnell begriffen, dass die afrikanischen Schutzgebiete für die Deutschen wirtschaftlich ein Fiasko waren. Der Handel mit dem Mutterland überstieg niemals ein mageres halbes Prozent des gesamten deutschen Außenhandelsvolumens. Die Kolonien waren weder als Absatzmärkte noch als Rohstofflieferanten von Bedeutung.

Große Kosten, wenig Ertrag

Kaiser Wilhelm II. war in der Kolonialfrage nicht auf der Linie seines Kanzlers. Er sympathisierte mit dem Plan des Bremer Kolonialpionier Adolf Lüderitz zur Schaffung eines südafrikanischen Großreiches unter deutscher Führung, das auch die britische Einflußgebiete am Kap einschließen wollte.

Afrika 1914
DER SPIEGEL

Afrika 1914

Von den anderen europäischen Großmächten wurde der Plan als feindselig empfunden. Vor allem von den Briten. Den Eklat brachte 1896 die sogenannte Krüger-Depesche, mit der Wilhelm den Buren zur Abwehr eines britischen Mordanschlags auf den Präsidenten von Transvaal, Ohm Krüger, gratulierte. Sie war mitverantwortlich für die wachsenden Spannungen in Europa, die schließlich in den Ersten Weltkrieg mündeten.

Nach Kriegsende wurde das deutsche Kolonialreich unter die Sieger aufgeteilt. Nicht zu deren Vorteil. Die afrikanischen Kolonien verursachten große Kosten und wenig Ertrag. Sie waren militärisch bedeutungslos und kaufmännisch gesehen, mit Ausnahme von Belgisch Kongo, ein Zuschussgeschäft. Nur, wozu dann die ganze imperiale Kraftanstrengung?

Der Wunsch, Master of the Universe zu sein

Überseepolitik wurde vorwiegend in den Clubs und Kasinos der Militärs und der spleenigen Männerbünde gemacht, zu denen die Ökonomie keinen Zutritt hatte. Vor allem in Großbritannien. Der britische Herrenmensch wollte Master of the Universe sein. Er wollte siegen und herrschen. Auf die materielle Wertschöpfung kam es ihm nicht an.

Der Rückzug des weißen Mannes aus Afrika begann am 6. März 1957 mit der Unabhängigkeit von Ghana, der ehemaligen Goldküste. In den Jahren danach wurden fast alle schwarzafrikanischen Staaten selbstständig.

Kwame Nkrumah, der erste Präsident von Ghana, rief seinen Landsleuten am Unabhängigkeitstag enthusiastisch zu: "Bauen wir unser eigenes politisches Königreich, der Rest kommt dann von ganz allein." Die neue afrikanische Gesellschaft werde ein glorreiches Vorbild für die ganze Welt sein.

Wie man weiß, kam es anders.

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