Afrikanische Kolonien Der Garten Eden, der keiner war

Im 19. und im frühen 20. Jahrhundert balgten sich die Europäer um die afrikanische Beute und führten sich als Herrenmenschen auf. Sie eroberten den schwarzen Kontinent, um seine Schätze auszubeuten. Doch ihr Kalkül ging nicht auf. Kolonialismus in Afrika war ein Zuschussgeschäft.
Von Erich Wiedemann

Wenn sich die Potentaten der ehemaligen Kolonialmächte für ihre Eroberungszüge heute vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag verantworten müssten, dann käme nur die Höchststrafe in Frage. Sie haben Afrika in räuberischer Absicht unterjocht und den Afrikanern die Würde genommen. Sie haben massiv und permanent das Völkerrecht gebrochen.

Soviel zur Kolonialschuldfrage. Andererseits, so sagt die Ökonomnieprofessorin Axelle Kabou aus Kamerun, sei der Kolonialismus aber kein Generalpersilschein für politische und wirtschaftliche Fehlentwicklungen. Die Afrikaner müssten aufhören, ihn als Vorwand für eigene Fehler und für Nichtstun zu missbrauchen. Die Schäden, die er angerichtet habe, würden überschätzt. Das verlorene Paradies, dem die Afrikaner nachjammerten, habe es nie gegeben.

Richtig ist: Die Lebensumstände auf dem schwarzen Kontinent waren in der vorkolonialen Phase alles andere als paradiesisch. Afrika war kein naturbelassener Garten Eden, in dem edle Wilde von den Früchten ihrer ehrlichen Arbeit lebten und sich in Nächstenliebe übten. Er war ein vorwiegend finsterer Ort, der beherrscht war von Tyrannei, Sklaverei und zum Teil von organisiertem Kannibalismus.

Missionare sattelten auf die echten auch noch erfundene Schrecknisse drauf. Sie wollten dokumentieren, wie dringend nötig es sei, die Mohren zum christlichen Glauben und zur westlichen Zivilisation zu bekehren.

"Wir hatten die Bibel und sie das Land"

Der südafrikanische Reformkleriker und spätere Nobelpreisträger Desmond Tutu hat die Interessenkonkordanz der weltlichen und der spirituellen Eroberer auf folgende Formel gebracht: "Als die ersten Missionare nach Afrika kamen, besaßen sie die Bibel und wir das Land. Sie forderten uns auf zu beten. Und wir schlossen die Augen. Als wir sie wieder öffneten, war die Lage genau umgekehrt: Wir hatten die Bibel und sie das Land."

Afrika leistete wenig Widerstand. Die Eroberung des schwarzen Erdteils war eine eher schweißtreibende als kriegerische Angelegenheit. Manche Expeditionen ins Innere waren wie kleine Völkerwanderungen. Der französische Forschungsreisenden Jean-Baptist Marchand hob 1896 für seine Reise von der Kongomündung nach Faschoda im Sudan eine Armee von über 10.000 Trägern aus. Sie mussten jeder eine Fracht vom Gewicht eines Panorama-Fernsehers mit 82er-Bildröhre so weit schleppen wie von Stockholm nach Sizilien. Bei Temperaturen zwischen 35 und 40 Grad Celsius. Am Ziel wurden sie dann einfach sich selbst überlassen, ohne Geld, ohne Verpflegung.

Die Deutschen waren spät dran. Als die deutschen Händler und Eroberer mit kaiserlichen Schutzbriefen im Tornister in Afrika landeten, war die lückenlose Landbrücke aus britischen Besitzungen, die sogenannte Achse Kap-Kairo, fast fertig. Die Franzosen hatten sich den größeren Teil West-, Zentral- und Äquatorialafrikas gesichert. Und der Kongo war schon fast ein Vierteljahrhundert Privatbesitz des belgischen Königs Leopold II.

"To make the lazy nigger work"

Dennoch bekamen die Deutschen 1885 auf der Berliner Kongo-Konferenz noch ein paar gute Stücke vom afrikanischen Kuchen ab: Togo, Kamerun, Südwestafrika, Tanganjika oder Deutschostafrika mit der vorgelagerten Gewürzinsel Sansibar sowie Ruanda-Urundi an den großen Seen.

Geschäftsgrundlage des deutschen Kolonialregimes war die eiserne Dreifaltigkeit: Steuern, Prügel, Zwangsarbeit. Yendjé Dalaré, ein Kokongba-Häuptling aus dem nördlichen Togo, hat 1980 im hohen Alter von über 85 Jahren seine Erfahrungen mit den "Djama" (Deutschen), geschildert: "Sie ließen dich ohne Unterbrechung arbeiten... Wer nur innehielt oder sich eine Sekunde lang aufrichtete, bekam die unbarmherzige Bastonade. Einige unserer Leute starben dabei."

Das Gesetz der Plantagen war überall in Afrika simpel und grausam: "Twenty five on the backside, to make the lazy nigger work." Wobei in deutschen Kolonien der letzte Schlag gern auf das Wohl des Kaisers ausgebracht wurde.

Immerhin achtete die deutsche Kolonialverwaltung auf minimale Rechtsstandards. Wer zu hart zuschlug und einen Diener oder Arbeiter tötete, wurde bestraft. Aber nicht härter als für Sachbeschädigung.

Horribile dictu: Der Kolonialismus hatte auch gute Seiten

Am schlimmsten hausten die Belgier im Kongo. Als der amerikanische Abenteurer Henry Morton Stanley die Kongokolonie für den belgischen König Leopold II. erwarb, lebten dort etwa 30 Millionen Menschen. Bis zum Ersten Weltkrieg war die Bevölkerung auf achteinhalb bis elf Millionen zusammengeschmolzen.

Der polnische Schriftsteller Joseph Conrad hat die kongolesischen Schrecken zu dem Roman "Das Herz der Finsternis" aufgearbeitet. Er beschreibt darin einen sadistischen Elfenbeinhändler, der die Staketen seines Zaunes mit abgehackten Negerköpfen verziert hatte. "Da war er, schwarz, vertrocknet, eingefallen, mit verschlossenen Lidern - ein Kopf, der auf der Spitze dieses Pfahles zu schlafen schien und mit seinen eingeschrumpften, ausgetrockneten Lippen, die eine schmale, weiße Reihe von Zähnen sehen ließ."

Das war die mörderische Seite des Kolonialismus. Immer unabhängig gewesen zu sein, erwies sich jedoch nicht unbedingt als entwicklungspolitischer Vorteil. Nur zwei Staaten in Afrika waren niemals kolonisiert: Liberia und Äthiopien. Beide gehören heute zu den jammervollsten Staatswesen des Kontinents. Horribile dictu: Der Kolonialismus hatte auch gute Seiten. Die Ökonomen James Feyrer und Bruce Sacerdote von Dartmouth College in New Hampshire haben sie quantifiziert. Sie errechneten pro Jahrhundert Kolonialismus ein Plus an Sozialprodukt im Umfang von 40 Prozent.

Albert Schweitzer als rassischer Paternalist

Die Afrikaner profitieren noch heute von den Errungenschaften, die ihnen die Kolonialisten hinterließen: Abgesehen von der "Tazara" (Tanzania Zambia Railways), die die Chinesen in den siebziger Jahren von Tansania nach Sambia bauten, stammen alle heute noch funktionierenden Eisenbahnen aus der Kolonialzeit. Die staatliche Struktur, Post, Polizei, Armee, Justiz, Gefängniswesen, alles ist im wesentlichen so geblieben, wie es die früheren Kolonialmächte geschaffen hatten. Wenn die kenianische Armee mit klingendem Spiel durch den Uhuru-Park in Nairobi paradiert, unterscheidet sie sich optisch und akustisch nicht von den "Queen's African" der fünfziger Jahre.

Auch die Unterwerfung unter die Sprachen der Kolonialisten erwies sich als nützlich. Ohne die drei Linguae Francae, nämlich Englisch, Französisch und Portugiesisch, wäre Schwarzafrika Babylonien geblieben. Die afrikanische Literatur wäre nichts ohne die Sprachen ihrer ehemaligen Besatzer.

Auch humanistisch geprägte Denker bekannten sich zum rassischen Paternalismus. Der Elsässer Mediziner Albert Schweitzer, der sein ganzes Leben in den Dienst am schwarzen Nächsten gestellt hatte, war ein temperamentvoller Verfechter von Europas Kolonialmission. Für ihn war das kein Widerspruch. Für das norwegische Nobelkomitee, das ihm 1953 den Friedensnobelpreis für sein Lebenswerk zuerkannte, wohl auch nicht.

Der Jahrhundertphilosoph Jean-Paul Sartre war der prominenteste unter den großen intellektuellen Kolonialverächtern. Er hat den Imperialismus sein Leben lang bekämpft, aber nur den westlichen. Über den Kolonialisten Stalin, dessen Kolonialpolitik mindestens ebenso barbarisch war wie die westliche, hat er aber nie ein böses Wort geschrieben. Die Kolonialmächte waren vor allem deshalb seine Feinde, weil sie Feinde des Sowjetsystems waren.

Wozu die ganze Kraftanstrengung?

Die Europäer hatten mit dem Kolonialismus kein moralisches Problem. Sie waren davon überzeugt, dass er gottgefällig und ein Segen für die Kolonisierten war. Die spanischen Eroberer brachten Lateinamerika den Katholizismus, die Franzosen ihren Kolonien die civilisation francaise und deren Derivate. Und die Engländer, die nach Überzeugung des Kolonialpioniers Cecil Rhodes "die erste Rasse der Welt" waren, glaubten sowieso, dass sich jedes Volk glücklich schätzen konnte, das von ihnen unterworfen wurde.

Reichskanzler Otto von Bismarck war der einzige europäische Politiker von Rang, der den Kolonialismus nicht missionarisch sah. Kolonien, so giftete er, seien "wie der seidene Zobelpelz in polnischen Adelsfamilien, die keine Hemden haben." Der Staat solle sich da möglichst wenig einmischen.

Bismarck war nicht nur ein guter Politiker, sondern auch ein guter Kaufmann. Er hatte schnell begriffen, dass die afrikanischen Schutzgebiete für die Deutschen wirtschaftlich ein Fiasko waren. Der Handel mit dem Mutterland überstieg niemals ein mageres halbes Prozent des gesamten deutschen Außenhandelsvolumens. Die Kolonien waren weder als Absatzmärkte noch als Rohstofflieferanten von Bedeutung.

Große Kosten, wenig Ertrag

Kaiser Wilhelm II. war in der Kolonialfrage nicht auf der Linie seines Kanzlers. Er sympathisierte mit dem Plan des Bremer Kolonialpionier Adolf Lüderitz zur Schaffung eines südafrikanischen Großreiches unter deutscher Führung, das auch die britische Einflußgebiete am Kap einschließen wollte.

Von den anderen europäischen Großmächten wurde der Plan als feindselig empfunden. Vor allem von den Briten. Den Eklat brachte 1896 die sogenannte Krüger-Depesche, mit der Wilhelm den Buren zur Abwehr eines britischen Mordanschlags auf den Präsidenten von Transvaal, Ohm Krüger, gratulierte. Sie war mitverantwortlich für die wachsenden Spannungen in Europa, die schließlich in den Ersten Weltkrieg mündeten.

Nach Kriegsende wurde das deutsche Kolonialreich unter die Sieger aufgeteilt. Nicht zu deren Vorteil. Die afrikanischen Kolonien verursachten große Kosten und wenig Ertrag. Sie waren militärisch bedeutungslos und kaufmännisch gesehen, mit Ausnahme von Belgisch Kongo, ein Zuschussgeschäft. Nur, wozu dann die ganze imperiale Kraftanstrengung?

Der Wunsch, Master of the Universe zu sein

Überseepolitik wurde vorwiegend in den Clubs und Kasinos der Militärs und der spleenigen Männerbünde gemacht, zu denen die Ökonomie keinen Zutritt hatte. Vor allem in Großbritannien. Der britische Herrenmensch wollte Master of the Universe sein. Er wollte siegen und herrschen. Auf die materielle Wertschöpfung kam es ihm nicht an.

Der Rückzug des weißen Mannes aus Afrika begann am 6. März 1957 mit der Unabhängigkeit von Ghana, der ehemaligen Goldküste. In den Jahren danach wurden fast alle schwarzafrikanischen Staaten selbstständig.

Kwame Nkrumah, der erste Präsident von Ghana, rief seinen Landsleuten am Unabhängigkeitstag enthusiastisch zu: "Bauen wir unser eigenes politisches Königreich, der Rest kommt dann von ganz allein." Die neue afrikanische Gesellschaft werde ein glorreiches Vorbild für die ganze Welt sein.

Wie man weiß, kam es anders.

Eine ausführlichere Version dieses Artikels und viele weitere spannende Geschichten über Afrika finden Sie in dem soeben erschienenen SPIEGEL SPECIAL GESCHICHTE "Afrika - Das umkämpfte Paradies".

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