Atombombenabwürfe in Japan Nagasaki ging wegen Treibstoffmangels unter

Den Überlebenden der Atombombenexplosion in Hiroshima ist nicht klar, dass auch der Regen und die Strahlung tödlich sein können. Die US-Generäle drängen darauf, auch die zweite Bombe einzusetzen. Nur weil der Maschine der Sprit ausgeht, wird schließlich Nagasaki zerstört - und nicht die Stadt Kokura.

In diesem Moment taumelt auch Akihiro Takahashi aus seiner Bewusstlosigkeit hoch. Sein Schulhof ist 1,4 Kilometer vom Hypozentrum entfernt. Der 14-Jährige findet sich rund zehn Meter neben der Stelle wieder, an der er eben noch gestanden hatte. Er sieht an sich hinunter: Seine Kleidung hängt in Fetzen herab. An Kopf und Rücken, an Armen und Beinen ist er so verbrannt, dass seine Haut streifenförmig abgerissen ist.

Der Junge, unter Schock, wandert los, Richtung Westen, wo irgendwo sein Elternhaus sein muss. Jemand ruft ihn - ein Freund. Die beiden taumeln weiter. Überall Brände. Die Hitze ist unerträglich. Die zwei Jungs kämpfen sich an schwarz verbrannten Menschen vorbei. Eine Mutter hält ihr blutendes Baby in den Armen. Sie kann ihr Kind nicht mehr sehen, denn ihre Augäpfel hängen aus dem Schädel heraus. Akihiro Takahashi stolpert weiter. Irgendwann ist sein Freund nicht mehr da. Er jedoch erreicht den Fluss, schleppt sich über eine erhalten gebliebene Brücke und sinkt am jenseitigen Ufer mit seinem geschundenen Körper ins Wasser. Die Hitze ist unerträglich.

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Niemals zuvor ist eine solche Verwüstung über die Menschen gekommen. Tausende vergehen noch in der Sekunde der Explosion. Ein Mann, der auf den Stufen vor einer Bank hockt, verbrennt in der Hitze so schnell und vollständig, dass von ihm nur ein dunkler Schatten auf den Steinen bleibt. Qualvoll wird das Ende für viele, welche die erste Sekunde überstanden haben: Unzählige Verbrannte taumeln durch die staubige Luft, ihre Kleider sind weggelodert, die Haut geschwärzt. Andere sind in den Trümmern ihrer Häuser gefangen und verbrennen lebendigen Leibes.

Unerträglicher Durst plagt die Menschen. Besinnungslos vor Verzweiflung und Gier nach Wasser stürzen sie sich in den Fluss, in die Zisternen, ins Schwimmbad der Universität. Als dessen Wasser in der Hitze zu kochen beginnt, wird das brodelnde Becken für viele zur Todesfalle.

Stumme, verbrannte Gestalten, wie schwarze Geister

Manche Überlebende berichten später, viele Männer und Frauen, Junge wie Alte, hätten in ihrer Not nach ihren Müttern gerufen. Andere erzählen hingegen davon, wie erschreckend, wie geradezu unmenschlich still die gezeichneten Opfer gewesen seien: stumme, verbrannte Gestalten, die wie schwarze Geister zwischen brennenden Häusern auftauchten.

Tatsächlich ist das Leiden so heftig, so allumfassend über die Menschen gekommen, dass viele in einem seltsamen geistigen Schwebezustand sind: Einerseits registrieren sie in kristalliner Klarheit manche Details -und sei es ihre eigene, in Fetzen herabhängende Haut –, andererseits fassen sie keinen klaren Gedanken, nicht einmal den, dass sie angesichts des Grauens entsetzt und verzweifelt sein müssten.

Niemand kann Hilfe organisieren. Im Stadtzentrum erheben sich nur noch die ausgeglühten Rippen dreier Betonbauten aus der vollständig eingeebneten Trümmerwüste. Über zwei Drittel aller Gebäude sind zerstört, darunter die Zentralen von Präfektur, Stadtverwaltung und Armeekommando. 42 von 45 Krankenhäusern existieren nicht mehr, drei Viertel aller Feuerwehrmänner sind tot oder vermisst.

In kleinen Gruppen finden sich Überlebende zusammen. Oft erkennen sich schwer verbrannte Familienangehörige nur an der Stimme. Wer sich noch bewegen kann, der taumelt zum Fluss, in dem Menschen- und Pferdekadaver treiben, um Linderung und Schutz zu suchen vor den Flammen und dem Durst.

Oder er kämpft sich hinaus, nur weg aus Hiroshima.

Die Bankangestellte Akiko Takakura flieht vor einem Wirbelsturm aus Flammen. Die am Boden liegenden Körper der Toten und Schwerstverletzten beginnen in der Hitze zu brennen -es sind stets die Fingerspitzen, an denen zuerst Flammen aufzüngeln. Die Gliedmaßen krümmen sich, zischend tröpfelt eine graue Flüssigkeit aus den Körpern.

Nach 20 Minuten setzt der schwarze Regen ein

20 Minuten nach der Explosion fällt plötzlich schwarzer Regen auf Hiroshima. Es sind große, schwere, dunkel gefärbte Tropfen, deren Aufschlag auf der Haut schmerzt und welche die Luft schlagartig abkühlen. Es sind Wassertropfen aus dem kondensierenden Atompilz, vermengt mit radioaktivem Dreck.

Akiko versucht, mit ihrem offenen Mund die Tropfen aufzufangen, so unerträglich ist ihr Durst. Sie ist gerettet - vorerst.

Nachdem sich Akihiro Takahashi, der Schüler, im Fluss abgekühlt hat, kämpft er sich weiter durch die verwüstete Stadt. Er trifft einen anderen Klassenkameraden. Die Fußsohlen dieses Jungen sind so verbrannt, dass rotes Muskelfleisch zu sehen ist. Er kann nicht mehr gehen. Akihiro bleibt bei ihm, lässt ihn auf Armen und Knien kriechen, dann stützt er den Verwundeten, damit dieser einige Schritte auf seinen Fersen taumeln kann. Dann geht es wieder kriechend weiter.

Irgendwann erblickt Akihiro seinen Großonkel und seine Großtante. Die Erwachsenen führen die Kinder hinaus. Der Junge ist gerettet - vorerst.

Nachmittags. Gestank nach Brand und nach Fäulnis liegt inzwischen über der Stadt. Binnen weniger Stunden haben sich in den offenen Wunden unzähliger Überlebender Maden eingenistet. Schwarze Fliegen summen in dicken Wolken über Hiroshima.

Niemand kann dem Blitz entkommen

Überlebende? Niemand kann dem Blitz von Hiroshima entkommen, auch wenn es zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnt. Das Wort "Radioaktivität" ist bei der Einsatzbesprechung der Bomber-Crews kein einziges Mal gefallen.

Und in Hiroshima weiß auch Stunden nach der Explosion niemand, was die Stadt getroffen hat. Keiner ahnt, dass auch diejenigen, die Hitze, Druckwelle und Feuer überstanden haben, in Lebensgefahr schweben.

Denn radioaktive Strahlen zerstören die Körperzellen. Schon wenige Tage nach der Explosion leiden die ersten Menschen an der Strahlenkrankheit. Sie bluten aus dem Mund und der Haut, ihre Wunden verheilen nicht mehr, ihre Haare fallen aus. Purpurne Flecken breiten sich auf ihrer Haut aus, sie werden immer schwächer, und dann sterben sie.

78.150 Tote habe der Angriff auf Hiroshima gekostet, kalkulieren amerikanische Experten einige Wochen später. Grundlage ihrer Schätzung: die nach dem Angriff nicht mehr abgeholten Lebensmittelkarten der Stadt.

Doch in dieser Ziffer sind die Berufspendler nicht eingeschlossen, die sich an jenem Montagmorgen in der Gemeinde aufgehalten haben, und auch nicht die dort stationierten Soldaten (von 8000 Mann sterben 5000). Und auch nicht die Opfer der Strahlung.

Bereits bis Ende 1945 hat die Atombombe von Hiroshima, so werden japanische und westliche Mediziner später schätzen, rund 140000 Menschenleben gefordert. Doch es ist noch nicht genug.

Aus der Stadt meldet sich niemand

Die japanische Regierung hat nur wenig Zeit zu einer Reaktion. Im Hauptquartier in Tokio gehen, Stunden nach der Explosion, Meldungen aus Militärstützpunkten in der weiteren Umgebung Hiroshimas ein: Berichte von einer gewaltigen Explosion, von Feuer und Rauchwolken. Aus der Stadt selbst meldet sich niemand.

Da Tokio gerade wieder von Bomberflotten attackiert wird, sind die Offiziere, die nach Hiroshima fahren sollen, stundenlang in Luftschutzkellern blockiert. Erst am Dienstag, dem 7. August, um 0.15 Uhr, erfährt die japanische Regierung Genaueres - es ist der Feind, der sie informiert.

Zu diesem Zeitpunkt hält Präsident Truman eine Rundfunkrede, in der er die Welt erstmals vom Einsatz der Atombombe informiert: "Die Kraft, aus der die Sonne ihre Macht bezieht, ist auf diejenigen losgelassen worden, die dem Fernen Osten Krieg brachten."

Wieder fordert der US-Präsident die bedingungslose Kapitulation der Japaner und droht: "Wenn sie unsere Bedingungen nicht akzeptieren, dann mögen sie einen Regen der Zerstörung aus der Luft erwarten, wie er noch nie auf der Erde gesehen worden ist."

Lesen Sie im zweiten Teil: Warum Nagasaki einem leeren Tank zum Opfer fiel.

Einen weiteren Atombombenabwurf droht Truman den Japanern jedoch nicht explizit an. Er hat auch keinen Befehl dazu gegeben.

Doch auf Tinian werden Tibbets und seine Vorgesetzten nervös. Viele Bomberpiloten hatten geglaubt, schon bei der Landung, rund sechs Stunden nach dem Abwurf über Hiroshima, von der Nachricht des Kriegsendes begrüßt zu werden. Stattdessen kein Wort aus Japan.

Dafür melden sich die Meteorologen: Nach dem 11. August müsse man mit einem Sturmtief über dem Inselreich rechnen. Das Wetter wäre dann zu schlecht für einen weiteren Abwurf. Aber es gibt, inzwischen eingeflogen aus den USA, die zweite Atombombe auf dem Flugplatz North Field. Am 8. August 1945 beschließen die Generäle auf dem Pazifikstützpunkt, noch in der folgenden Nacht loszuschlagen. Ihr Motiv: drohendes Schlechtwetter. Ihre Befehlsgrundlage: Harry Trumans eher unbestimmte Anweisung vom 25. Juli, "nach dem 3. August" die "Spezialbombe" abzuwerfen.

Das Hauptziel des zweiten Bombers: Kokura

In der folgenden Nacht steigt ein Bomber auf, begleitet von zwei Messflugzeugen, ihm voraus zwei Pfadfinder. Es sind zum Teil neue Crews an Bord. Ihr Hauptziel: Kokura. Am frühen Morgen des 9. August meldet der Pfadfinder über Kokura schlechtes Wetter. Der Bomber fliegt dennoch drei Angriffe gegen die Stadt, dreimal bricht der Pilot sie ab. Sein ausdrücklicher Befehl lautet, die Atombombe nur nach Sicht abzuwerfen - und die Wolkendecke ist zu dicht.

Inzwischen hat die B-29 so viel Treibstoff verbraucht, dass ihre Crew die mehrere Tonnen schwere Bombe irgendwo abwerfen muss. Nur wenn sie das Gewicht loswird, hat sie eine Chance, noch einen US-Stützpunkt zu erreichen. Also Nagasaki.

Doch auch hier hängen Wolken über der Stadt. Ihr Schicksal liegt in diesem Augenblick in der Hand eines 25-Jährigen: Major Charles W. Sweeney ist Kommandant der B-29. Er greift an.

Die Crew verfehlt das Zentrum Nagasakis wegen der schlechten Sicht um mehrere Kilometer. Dies und das hügelige Stadtgebiet, in dem sich Druckwellen schlechter ausbreiten können, reduzieren die Verwüstungen in Nagasaki, obwohl die Plutoniumbombe noch stärker ist als die von Hiroshima. Dem zweiten Atombombenabwurf fallen bis Jahresende weitere 70000 Menschen zum Opfer.

Mehr als 250.000 Tote insgesamt

Der nukleare Doppelschlag hat bis heute mehr als eine Viertelmillion Leben ausgelöscht. Hunderttausende wurden verstümmelt oder litten, oft für den Rest ihres Lebens, an schrecklichen Krankheiten.

Erst nach Nagasaki setzen sich der Tenno und gemäßigte Politiker in einem dramatischen Machtkampf gegen ultranationalistische Offiziere durch, die Japan lieber untergehen sähen, als sich zu ergeben. Selbst dann dauert es noch einmal fünf Tage, bis der Kaiser in seiner ersten Radioansprache überhaupt Japans Kapitulation verkündet (ohne allerdings dieses Wort zu gebrauchen). Am 2. September 1945 unterzeichnen japanische Regierungsvertreter die Kapitulationsurkunde - der Zweite Weltkrieg ist endgültig vorüber.

War der Einsatz der Atombomben notwendig? Hat er den Krieg verkürzt und damit letztlich mehr Menschen verschont als getötet?

Auch in Tokio starben 80.000 Menschen

Möglicherweise. Militärisch und medizinisch mag es gleichgültig sein, ob Hiroshima und Nagasaki durch jeweils eine Bombe zerstört worden sind oder, wie andernorts in Japan, durch Tausende von Bomben. Stellt man das Schicksal Tokios in Rechnung (wo allein in der Nacht auf den 10. März 1945 rund 80.000 Menschen vor allem durch Brandbomben ums Leben kamen), so wären wohl bei konventionellen Angriffen in Hiroshima und Nagasaki kaum weniger Menschen gestorben als bei den nuklearen.

Doch moralisch war die Wirkung ungleich stärker. Was die Verwüstung der Hauptstadt nicht vermochte, das erreichte die blitzartige Zerstörung der achtgrößten Stadt des Landes: Erst nach Hiroshima, und eben nicht nach dem Brand Tokios, fanden der Tenno und seine gemäßigteren Gefolgsleute die Kraft, sich gegen die Kriegspartei im eigenen Lager durchzusetzen. Insofern mag der Angriff auf Hiroshima tatsächlich den Krieg verkürzt haben. Der auf Nagasaki jedoch nicht.

Der Angriff erfolgte, bevor Tokio überhaupt Zeit hatte, sich zu ergeben. Er war militärisch und moralisch sinnlos. Es war ein Massaker, unternommen einzig aus dem Grund, weil man die Waffe zum Massakrieren hatte.

So zeigen das Manhattan Project und die Flüge nach Hiroshima und Nagasaki nicht nur, dass der Mensch fähig ist, die ultimative Waffe zu bauen. Sie zeigen auch, und das ist die beunruhigendste Konsequenz jenes tödlichen Sommers 1945, dass der Mensch bedenkenlos willens sein kann, sie einzusetzen.

Die meisten Crewmitglieder waren erschüttert

Und die Flieger und die Opfer von Hiroshima? Die meisten Männer der amerikanischen Crews, die zuvor ohne Skrupel Spreng- und Brandbomben über Japan und Deutschland abgeworfen hatten, waren erschüttert. Noch Jahre später schwankten sie zwischen der Überzeugung, ihre Pflicht erfüllt zu haben, und dem Schrecken darüber, was sie getan hatten. Robert Lewis etwa, der Copilot der "Enola Gay", wurde von Albträumen heimgesucht. Oft kamen ihm, dachte er an Hiroshima, die Bilder seiner Kinder ins Gedächtnis - und die Angst, sie in einem Krieg zu verlieren.

Colonel Paul Tibbets aber, der Kommandant der 509th Composite Group, bereute nichts. Hätte es nach Nagasaki eine dritte Atombombe gegeben - er hätte das Flugzeug persönlich gesteuert. Noch 1976 pilotierte der damals 61-Jährige bei einer Flugshow in den USA eine B-29 -inklusive eines simulierten Atombombenabwurfs mit einer Rauchbombe, die den Explosionspilz nachahmte.

Akihiro Takahashi und Akiko Takakura hatten Glück - wobei "Glück" in Hiroshima ein relativer Begriff ist. Akihiro Takahashi verbrachte sein ganzes Leben lang in ärztlicher Behandlung, zu stark waren die Brand- und Strahlenschäden seines Körpers. Neben ihm überlebten nur neun von 60 Klassenkameraden die Explosion.

Akiko Takakura, die junge Bankangestellte, wurde zu einem medizinischen Wunder. Kaum ein anderer Mensch war dem Hypozentrum so nah gewesen wie sie und hatte überlebt. Sie wechselte später ihren Beruf und leitete einen Kindergarten.

Hibakusha wurden die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki genannt: "die Bombenopfer". Etliche bekamen später keine Arbeit - zu groß war vielen Chefs das Risiko, dass diese Menschen häufig krank sein würden. Aus diesen Gründen fanden viele Hibakusha keinen Ehepartner. Und manche haben, oft ihr ganzes Leben lang, über den schrecklichen Tag im August geschwiegen. Aus Scham.

Von Cay Rademacher, GEO Epoche