Der Politologe "Die Welt wäre schöner, die USA beliebter"

Würde George W. Bush noch im Weißen Haus sitzen, wenn es die Anschläge vom 11. September nicht gegeben hätte? Der Politologe Peter Filzmaier meint: ja. Aber die großen Emotionen wären ausgeblieben, und ebenso das Solidaritätsgebrüll in Europa.

Es wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. 9/11 hat die Welt und die amerikanische Politik verändert. Vor allem hat der Tag George Bush zu dem gemacht, was er ist. Ob globale Ordnungsmacht, militärische Präventivschläge oder Gut-und-Böse-Präsident: Bush war anfangs weltpolitischer Akteur wider Willen.

Richtig ist, dass die "Neocons" eine Gelegenheit beim Schopf gepackt haben, um ihre außenpolitischen Konzepte aggressiv zu propagieren. Doch im Jahr 2000 war Al Gore der Internationalist, und Bush hatte eine Wahlkampagne als Isolationist geführt. Ohne den Terror wäre er dieser Linie treu geblieben, Verpflichtungen zu verweigern, die über geographische und intellektuelle US-Grenzen hinaus reichen, und hätte sich dem Volksmund seines Landes zum Thema Außenpolitik angepasst. Es würden genauso viele Amerikaner wie früher internationale Beziehungen als wichtig bezeichnen. Vor 9/11 taten das zwischen zwei und sechs Prozent.

In Europa und den USA wäre Bush nicht beliebter, aber weniger polarisierend. Ohne 9/11 hätte er als Mann gegolten, der mehr oder minder zufällig durch eine fragwürdige Wahl an die Macht kam. Ein schwacher Präsident, den wir nicht sonderlich mögen und für ein bisschen beschränkt halten. Die großen Emotionen würden ausbleiben. Durch den Terror wurde Bush kurzfristig zum Helden und langfristig zum absoluten Feindbild. Niemand hätte "Wir sind alle Amerikaner!" gebrüllt, was die französische Zeitung "Le Monde" 2001 tat, und kaum jemand hätte Bush zum Inbegriff des Bösen gemacht.

In den USA wäre Bush auf relativ unspektakuläre Art ein zweites Mal gewählt worden. Keinesfalls war eine solche Polarisierung zu erwarten, dass Bush am Ende unter seinen Republikanern bessere Zustimmungsraten hatte als Ronald Reagan zu seiner Glanzzeit - und unter Demokraten schlechtere als Richard Nixon vor seinem Rücktritt. Die Welt wäre weniger dramatisch, doch vielleicht ein schönerer Platz zum Leben mit beliebteren USA.

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