Die Welt ohne 9/11 Als US-Präsident Kerry ins World Trade Center bat

Ohne den 11. September 2001 säße im Weißen Haus ein anderer, über Afghanistan wüsste die westliche Welt so viel wie über West-Kansas, und stehen gelassene Koffer wären höchstens als Stolperfalle gefährlich. Oder doch nicht? Experten skizzieren für SPIEGEL ONLINE die Welt, in der wir jetzt leben würden.
Von Roman Heflik

Hamburg - Der Mann, der am 11. September 2006 in Washington D.C. vor die Kameras tritt, ist groß, hager und hat dunkles Haar. Seit zwei Jahren ist John Kerry nun US-Präsident. Umfragen zufolge mögen Wähler und Fernsehzuschauer den Mann aus Boston, auch wenn er - anderen Umfragen zufolge - immer noch mit seinem Langweilerimage zu kämpfen hat.

Ein Bild der Vergangenheit: Manhattans Skyline vor den Anschlägen

Ein Bild der Vergangenheit: Manhattans Skyline vor den Anschlägen

Foto: AP

Kerry hält vor der Presse eine Rede, in der er die Fortschritte im Nahost-Konflikt begrüßt: Israel, Syrien und Iran scheinen sich allmählich aussöhnen zu wollen. Die Furcht vor dem Unsicherheitsfaktor Nummer eins in der Region eint sie: Saddam Hussein rasselt seit dem Golfkrieg 1990 ständig mit dem Säbel. Besonders Kerrys Vorgänger George Bush wollte den irakischen Diktator entthronen, doch die US-Strategen haben bislang noch keinen Anlass für einen Angriff auf den Irak gefunden.

Mit seinen Beratern hat der Präsident beschlossen, am gleichen Tag außerdem ein überfälliges Zeichen der Versöhnung der Religionen in die Welt zu senden. Am Nachmittag wird er sich mit Vertretern der muslimischen Gemeinde zum Gedankenaustausch treffen. Mit dabei sein soll auch die Taliban-Delegation aus Kabul, mit der sich Kerry gut stellen möchte: Am Abend will der Präsident mit den Fundamentalisten über den Bau weiterer Pipelines durch Afghanistan sprechen.

Der Ort des Zusammentreffens solle die US-Wirtschaftsmacht symbolisieren, hatte der Präsident von seinem Stab gefordert. Kerrys Frau Teresa hatte eine Idee: Gäbe es einen besseren Ort als das Restaurant "Windows on the World" in der obersten Etage des World Trade Center? Kerry stimmte begeistert zu.

Schöne neue Welt - könnte sie so aussehen, wäre ein bestimmter Tag des Jahres 2001 anders verlaufen?

Der 11. September hat die Welt verändert. Diese Erkenntnis scheint mittlerweile Allgemeingut. Doch stimmt auch der Umkehrschluss, dass sich die Welt ohne die Terroranschläge dieses Tages völlig anders entwickelt hätte? Dass der mächtigste Mann der Welt ein anderer wäre; dass die Welt friedlicher wäre; dass islamistischer Terror nicht unser Leben bestimmte?

Experten zweifeln erheblich an einem solchen Szenario. Bei SPIEGEL ONLINE beschreiben sie, was dieser eine Tag wirklich verändert hat. Dabei haben sie einige Überraschungen parat: Neue Schritte hin zum Überwachungsstaat wären vermutlich auch ohne den 11. September Realität geworden, glaubt Sozialforscher Nils Zurawski. Auch in arabische Länder würde man heute nicht unbeschwert reisen, meint Tourismusexperte Karl Born. Und wahrscheinlich gäbe es heute nicht so viel Pockenimpfstoff, sagt Biotech-Experte Simon Moroney.

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