Ex-Terrorist Hermann F. Der Revoluzzer, der sein Leben zerbombte

Er wollte dazugehören, um jeden Preis. Vor 30 Jahren schloss sich Hermann F. den "Revolutionären Zellen" an - und verlor bei einem missglückten Attentat Augen und Beine. Mit SPIEGEL ONLINE spricht er erstmals über sein Schicksal: Wie wurde der schüchterne Student zum Bombenbastler?

Von und Alexander Linden


Der Mann, der in seiner Jugend die argentinische Militärjunta mit Plastiksprengstoff bekämpfen wollte, lebt mittlerweile hinter einer rotlackierten Tür in einer durchschnittsdeutschen Reihenhaussiedlung. In dem von Zierwein umrankten Carport parkt ein Kombi französischen Fabrikats, auf dem Briefkasten pappen zwei Aufkleber: "Stop - keine Werbung" und "Atomkraft - nicht schon wieder".

Das unauffällige Zuhause in der süddeutschen Kleinstadt, das Hermann F., 56, sich ausgesucht hat, will nicht recht passen zu der bewegten Vergangenheit der Mannes: Als Waffenschmuggler und Bombenbastler diente der Student (Germanistik, Politik, Pädagogik) Ende der siebziger Jahren den "Revolutionären Zellen", der wohl mysteriösesten deutschen Terrortruppe.

Es war der 23. Juni 1978, in Argentinien lief die Fußballweltmeisterschaft, da rüstete sich F. in seiner Heidelberger Bude für den bewaffneten Kampf, einem Zimmer mit Kochnische und kleinem Bad in der Schneidmühlstraße 9. Einen falschen Schnurrbart legte er sich heraus, Sprengstoff, Zünder, Batterien, eine Brille mit Fensterglas, einen Stadtplan von München, eine Fahrkarte. Sein Ziel: das argentinische Konsulat.

F. war kein Andreas-Baader-Typ, kein Lautsprecher, Abenteurer oder Halbkrimineller. Der schüchterne, konfliktscheue Sohn eines Gärtnerehepaars aus dem niedersächsischen Papenburg, der sich in der Schule selten zu melden getraut und auch an der Uni noch "Riesenbammel hatte, vor Publikum zu sprechen", wollte als Student im linken Heidelberg "dazugehören und gemocht werden", wie er nun bekennt.

"Kampf gegen das System"

Natürlich musste man auch Ende der siebziger Jahre in bundesdeutschen Studentenkreisen keine Bomben bauen, und legen musste man sie schon gar nicht. Aber F., dieser etwas phlegmatische Kerl mit dem schütter werdenden Haar, war an Leute geraten, an seinen alten Schulkameraden Gerhard A. zum Beispiel, eine Führungsfigur der "Revolutionären Zellen", die so überzeugt waren und so überzeugend, die derart brannten für den "Kampf gegen das System", dass er auf jeden Fall dazugehören wollte. Als "einer von ihnen".

"Ich wollte sie beeindrucken", sagt F.

Also fuhr er regelmäßig nach Frankfurt und traf sich dort mit fünf, sechs Gesinnungsgenossen in Kneipen und Cafés. Einmal bekam er einen Koffer mit, den er verstecken sollte, ansonsten redeten und rauchten sie viel, es passierte nichts. Extremistenalltag. Bis F. schließlich den Sprengstoff bekam, die Zünder und Batterien. Im Juni 1978.

Da saß er nun in seiner kleinen Wohnung und hantierte mit der Bombe, drehte sie herum, schraubte daran, wollte kontrollieren, wie viel Zeit ihm später bis zur Detonation bleiben würde. Er glaubte, der Stromkreis sei unterbrochen, und verband die Bananenstecker mit den Buchsen.

Die Wucht der Explosion zerriss F. die Beine, zerstörte seine Augen, versengte den Körper.

Niemand hatte zu Schaden kommen sollen, so hatte er es doch in Frankfurt mit den anderen ausgemacht. Ein Anschlag am Wochenende, wenn das Konsulat leer ist, ein Zeichen setzen, mehr doch nicht, und nun gab es einen Schwerverletzten, und das war er, Hermann F. aus Papenburg.

Augäpfel entfernt, Beine amputiert

Keine 24 Stunden nach der Notoperation - F. wurden die Augäpfel entfernt und die Beine amputiert, er bekam stärkste Schmerzmittel - erklärte ein Arzt den Terroristen für vernehmungsfähig. Fast täglich kamen nun Ermittler ins Krankenhaus. Sie befragten den Todkranken, immer und immer wieder, sie witterten ihre Chance, endlich mehr über die "Revolutionären Zellen" (RZ) zu erfahren, die sie jahrelang in ihrer RAF-Hysterie als "Feierabendterroristen" belächelt hatten. Aus "Zeitgründen" wurde F. noch nicht einmal über seine Rechte belehrt, das gab der Oberstaatsanwalt später zu.

Die RZ bestanden zu diesem Zeitpunkt seit etwa fünf Jahren und verstanden sich als Teil der "Stadtguerilla". Mal zündeten sie, wie in Krefeld, das Rathaus an, mal sprengten sie, wie in Oldenburg, das Materiallager eines Kraftwerkes, mal schmissen sie Pflastersteine in Behördenfenster, wie in Augsburg. Hauptsache, es ging gegen "faschistische oder imperialistische Einrichtungen".

Von 1973 bis 1978 verübten die bis zu 50 autarken Gruppen nach Behördenangaben insgesamt 55 Anschläge, der Gesamtschaden ihrer Aktionen belief sich auf mehr als 200 Millionen Mark. Die Zellen unterhielten ein kunstvoll geknüpftes Informationsnetz, geheime Waffendepots und verbanden Intellektualität mit technischem Wissen - glaubten die Ermittler damals.

"Wir haben kaum etwas von dem verstanden, worüber wir diskutiert haben. Dennoch dachten wir, mit Gewalt etwas verändern zu können. Es war vollkommen absurd", sagt F. heute.

1296 Seiten Verhörprotokoll

Die Beamten jedoch - "die Gegner", wie er sie nennt - blieben im Krankenhaus F.s einzige Kontaktpersonen, von wenigen Besuchen seines Vaters abgesehen. Einem Rechtsanwalt wurden Besuche verwehrt. Der linke Jurist sei ein Sicherheitsrisiko, hieß es. Ungestört vernahmen die Ermittler den Studenten, 40-mal insgesamt. Resultat: 1296 Seiten Protokoll.

Andere Polizisten durchkämmten unterdessen nach F.s Hinweisen mit Metalldetektoren die Wälder rund um Heidelberg. Am Bismarckturm hoben die Kriminalisten eines der ersten "Kriegsdepots" der RZ aus und förderten kiloweise Handgranaten, Sprengstoff, Zünder und mehrere tausend Schuss Munition zu Tage.

Wegen seiner schweren Verletzungen sah die Generalbundesanwaltschaft dennoch von einer Anklage gegen F. ab. Seine Freundin Sybille S. aber wurde zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Das Gericht war auch aufgrund von F.s Aussagen überzeugt, dass sie sich an einem Brandanschlag auf das Heidelberger Schloss beteiligt hatte.

Gerhard A., der "Frauentyp" und "Charismatiker", den F. immer für seine Courage bewundert hatte, musste sogar in den Knast: vier Jahre und neun Monate für einen missglückten Brandanschlag auf ein Aachener Kino. Auch in diesem Prozess wurde umfangreich aus den Vernehmungen des Invaliden zitiert.

Warum hatte Hermann F. sie verraten?

"Ich war traumatisiert und wusste überhaupt nicht, was ich sagte", rechtfertigt sich der schmale Mann mit dem blassem Gesicht und den grauen Haaren heute. "Dafür habe ich mich geschämt." F. trägt an diesem Nachmittag ein blaukariertes Hemd, einen braunen Pullover und rührt angestrengt in seinem Kaffee, wenn er nachdenkt.

"Mit den Dingen abfinden"

Wenn man ihn fragt, wie er mit seiner Behinderung umgehe, ob ihn seine Dummheit von damals wütend mache oder er seinen früheren Gesinnungsgenossen böse sei, antwortet der Ex-Terrorist, der die Welt besser bomben wollte: "Ich konnte mich immer schon leicht arrangieren und mit den Dingen abfinden."

Bitte?

Ja, murmelt F., das sei in der Tat seltsam und widersprüchlich, aber die Zeit damals sei eben so gewesen, "revolutionär irgendwie", aber eines sei inzwischen ganz sicher: "Von alleine wäre ich nie auf die Sache mit der Bombe gekommen."

Er war kein geborener Terrorist, soll das heißen, ganz im Gegenteil: Ein "Durchschnittsbürger" will F. auch schon vor 30 Jahren gewesen sein.

Doch die Wahrheit ist: Was damals in manchen Kreisen Mode war, ist heute für weite Teile der Gesellschaft Extremismus - und der ehemalige Linksaußen will endlich zurück in die Mitte.

Schluss mit dem Mythos

Daher soll nun Schluss sein "mit dem Mythos" der "Revolutionären Zellen" und ihrer geheimnisvollen Krieger. Seht her, ich bin einer von vielen, war es immer, ganz gleich, was ich getan habe - das ist F.s Botschaft. Es ist auch der Grund, warum er sich nach 30 Jahren überhaupt noch der Presse stellt. Seine Exfreundin S. ist deshalb nun stinksauer auf ihn.

Ein Foto jedoch möchte Hermann F. nicht von sich machen lassen. Er hat Sorge, in Zukunft auf der Straße erkannt zu werden, so dass sein Leben unerträglich würde, von dem er sagt, es sei bereits "nicht ganz leicht, aber ich komme halt klar".

Der Ex-Terrorist wohnt zur Untermiete bei einer früheren Mitstreiterin, die inzwischen geheiratet und zwei Kinder bekommen hat. Er sei der "Familienanhang", sagt F. - nur halb im Scherz. Er hat Blindenpädagogik studiert und auch ein Referendariat gemacht, doch eine Stelle als Sonderschullehrer bekam er nie, dafür Hartz IV und knapp 500 Euro Blindengeld monatlich.

"Wahrscheinlich wäre mir der Lehrerberuf auch viel zu aufregend gewesen. Mir hat es schon immer an Durchsetzungsstärke gefehlt", sagt er. Manchmal besucht er Vorlesungen an der Uni, Psychologie und Volkswirtschaft interessieren ihn besonders. Er sitzt auch viel am Computer.

Wenn man Hermann F. vor sich sieht, wenn man erlebt, wie er sich möglichst gewählt auszudrücken versucht, um einen angenehmen Eindruck bei seinen Besuchern zu hinterlassen, wie er nach jedem Satz freundlich lächelt und Kontroversen im Gespräch tunlichst umschifft, fällt es nicht schwer, sich den Verführten von damals vorzustellen. F., der eigentlich immer nur sein wollte wie die anderen. Der glaubte, dies sei sein Weg, um geschätzt und geachtet zu werden.

Ein Mitläufer.



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