Fluchthilfe an der Mauer Flieger in die Freiheit

Tausende DDR-Bürger suchten den Weg in den Westen, versuchten den "antifaschistischen Schutzwall" zu überwinden - zum Teil durch professionelle Fluchthelfer. Horst Müller war einer von ihnen: Er schmuggelte 32 DDR-Bürger mit dem "Flugzeugtrick" in die Freiheit.

Von Nico Wingert


Berlin - Als Horst Müller sich auf das abenteuerliche deutsch-deutsche Mauerspiel mitten im Kalten Krieg einließ, war er gerade 29 Jahre alt. Mögliche Gefahren? Menschen aus dem Osten Deutschlands in den Westen zu schleusen, galt nach DDR-Recht immerhin als "staatsfeindlicher Menschenhandel", strafbar nach Paragraf 105 des Strafgesetzbuches, Regelstrafe 15 Jahre. Ein zu hohes Risiko? Müller blendete das einfach aus. "Ich wollte einfach nur anderen Menschen helfen", erklärt der heute 65-Jährige seine Motivation.

Doch Müller lockten durchaus auch die materiellen Anreize, die ihm die West-Berliner "Fluchtorganisation Loeffler" bot: Ein schnelles Auto, einen Opel Kadett LS Coupé, und eine Jahreskarte bei Hertha BSC Berlin inklusive Freiflügen zu allen Auswärtsspielen der Hertha. Das war 1970, in einer Zeit als die blau-weißen Berliner Fußballer noch den FC Bayern das Fürchten lehrten. "Eine tolle Zeit", schwärmt Müller: "Ich saß mit den Fußball-Profis und den Presse-Fuzzis immer im selben Flieger, war fast einer von denen."

Auf einem dieser Flüge mit den Fußballern bemerkte Müller selbst, wie einfach es doch sei, die eingemauerte Frontstadt West-Berlin problemlos mit dem Flieger zu verlassen. Könnte man so nicht vielleicht auch DDR-Bürger einfach auf dem Luftweg herausholen?

Flucht mit dem "Flugzeug-Trick"

In die befreundeten Ost-Block-Länder zumindest konnten die DDR-Bürger ja auch fliegen. Und genau diesen Umstand nutzte Müller für seine Fluchtidee: In den Transiträumen osteuropäischer Flughäfen wie Prag oder Budapest mischten sich zu bestimmten Zeiten immer wieder ostdeutsche und westdeutsche Flugreisende. Ideal schien der Sonntag in Prag zu sein. Dort warteten die Passagiere gegen 9 Uhr auf drei fast zeitgleiche Flüge - einen nach Schönefeld (Ost-Berlin), einen mit der Swiss Air nach Zürich und den der amerikanischen Fluglinie Pan Am nach Düsseldorf.

So einfach funktionierte es: Im Transitraum sammelte Müller die Pässe und Flugscheine der zur Flucht entschlossenen DDR-Bürger ein, die, aus anderen Ostblockstaaten kommend, in Prag eigentlich in Richtung Berlin-Schönefeld umsteigen sollten. Stattdessen erhielten sie von Müller einen gefälschten Westberliner Personalausweis und neue Tickets nach Zürich oder Düsseldorf. Für die tschechischen Grenzer waren sie so Westberliner, und statt in der Interflug-Maschine nach Schönefeld saßen die DDR-Flüchtlinge plötzlich in einem Flieger in die Freiheit. Eine mit Angst und viel Geld erkaufte Freiheit.

Im günstigen Fall kostete die Flucht 8000 D-Mark, zahlbar an die "Fluchtorganisation Loeffler" - eine Menge Geld, bei einem Durchschnittsverdienstes von knapp 600 Mark (Ost) und einem inoffiziellen Tauschkurs von damals 1:3. Angebot, Nachfrage und Risiko bestimmten auch bei den Fluchthelfern den Preis: In den achtziger Jahren, als immer mehr DDR-Bürger raus wollten und der SED-Staat eine Flucht zugleich immer mehr erschwerte, sollen sogar bis zu 20.000 DM pro Ausreisewilligen verlangt worden sein. Oft zahlte die Westverwandtschaft den Preis der Freiheit, seltener akzeptierte die Fluchtorganisation auch Abtretungserklärungen - dass ein Fluchtwilliger eine so hohe Summe selbst auf der hohen Kante hatte, war die Ausnahme. "Wer nicht zahlen konnte, wurde nicht geschleust", so Müller.

Im ungünstigen Fall jedoch entdeckte die Stasi die Fluchtvorbereitungen; dann war nicht nur das Geld weg, es drohten mindestens zwei Jahre im Gefängnis. Angst hatte deshalb jeder. Für 32 DDR-Bürger, darunter Ärzte, Chemiker, Kellner und ganze Familien, denen Müller und seine Hintermänner mit gefälschten Ausweisen via Flugzeug zur Freiheit verhalfen, endete die Flucht jedoch glücklich.

Riskante Besuche

Persönlich suchte Horst Müller als Kurier ausreisewillige DDR-Bürger in Ost-Berlin auf, um Instruktionen für die Flucht zu erteilen und um Passbilder abzuholen. Als Erkennungszeichen diente mal ein bunter, mal ein lindgrüner Schal; Losungsworte wurden verabredet. Die Staatssicherheit registriert in ihren akribischen Aufzeichnungen insgesamt über 50 Kontaktaufnahmen.

Die Passbilder klebten die Helfer der Fluchtorganisation auf eigens aus der Bundesdruckerei "besorgte" Druckbögen für Personalausweise. Professionell und echt mussten die West-Berliner Personalausweise schon wirken, die damals anders aussahen als die Ausweise der Bundesbürger, denn die Stasi prüfte immer wieder die Papiere auf Echtheit. Manchmal standen die richtigen Namen der Ausreisewilligen in den Fälschungen, manchmal nur Fantasienamen.

Dann kam der 2. Februar 1971. An diesem Tag machte die Stasi dem Treiben des Fluchthelfers Müller ein jähes Ende. Nach einer kurzen Verfolgungsjagd durch Ost-Berlin klickten am Berliner Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße die Handschellen - Müller war durch den Verrat eines ostdeutschen Journalisten, der sich als Ausreisewilliger ausgegeben hatte, aufgeflogen. Was Müller damals nicht wissen konnte: Der Journalist L. war Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi der Spionage-Hauptabteilung XX, seine Freundin war für die Stasi hauptamtlich im Westen tätig.



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