Haule-Freilassung Die Frau, die keine Spuren hinterließ

Eva Haule war eine führende Vertreterin der dritten RAF-Generation, die vor allem Spitzenmanager ins Visier nahm. Die Terroristin wurde zu lebenslanger Haft verurteilt, jetzt kommt sie frei - die meisten der Attentate sind bis heute nicht aufgeklärt.

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Berlin - Ihre bisher letzte Stunde in Freiheit verbrachte Eva Haule im Eiscafé "Dolomiti" in Rüsselsheim, wo sie zwei Unterstützer der RAF traf. Einem steckbriefbewussten Zeitgenossen an einem Nachbartisch fiel das Trio auf. Jedes Mal, wenn die Kellnerin kam, rafften die drei eilig ihre ausgebreiteten Papiere zusammen.

Der "Kommissar Bürger", wie Kripoleute solche Tippgeber nennen, rief die Polizei an. Als kurz darauf zwei Beamte mit gezückten Pistolen an Haules Tisch traten, ließ diese ihre Sig-Sauer lieber im Rock stecken. Am 2. August 1986 verschwand Eva Haule hinter Gittern.

Tatort Airbase: In Frankfurt starben zwei Menschen beim Anschlag auf das Hauptquartier der US-Streitkräfte
DPA

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Jetzt hat das Oberlandesgericht Frankfurt am Main bekannt gegeben, dass die 1994 zu Lebenslang verurteilte Ex-Terroristin am Dienstag auf Bewährung freigelassen wird. Das Gericht gelangte zu der Auffassung, dass von der einstigen RAF-Frau keine Gefahr für die Allgemeinheit mehr ausgeht.

Haule ist ohnehin schon länger Freigängerin im offenen Vollzug in Berlin. Sie arbeitet in der Hauptstadt als Fotografin und muss nur noch im Gefängnis übernachten. Sobald sie endgültig in Freiheit ist, sitzen nur noch zwei einstige Mitglieder der RAF, die sich 1998 auflöste, hinter Gittern: Haules einstige Kampfgenossin Birgit Hogefeld und der schon 1982 verhaftete Christian Klar.

Wie Klar zählt Haule zu den vielen in der RAF vertretenen Baden-Württembergern. Die 1954 Geborene wuchs in Esslingen auf. Nachdem Haule - offiziell Studentin der Sozialpädagogik, de facto politische Aktivistin - 1979 nach West-Berlin gezogen war, besuchte sie dort Gefangene der Bewegung 2. Juni im Knast und bewegte sich in der Szene militanter Hausbesetzer. Doch die sporadischen Straßenschlachten der Autonomen reichten ihr nicht aus. Sie wollte mit härteren Mitteln gegen den Staat vorgehen. Ihre kühle Entschlossenheit fiel schon damals auf.

Wiederaufbau Terror

Die RAF war zu dieser Zeit - nach der Verhaftung von Christian Klar, Brigitte Mohnhaupt und den verbliebenen Vertretern der Zweiten Generation im November 1982 - nicht mehr operationsfähig. Der 1970 gegründeten Truppe fehlten sowohl illegale Kader als auch die Logistik, um Anschläge auszuführen.

Im Frühjahr 1984 ging Haule zusammen mit den langjährigen Wiesbadener RAF-Unterstützern Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams in den Untergrund und schloss sich einer Wiederaufbaugruppe der Terrororganisation an. Diese musste schon bald einen schweren Rückschlag hinnehmen. Nachdem sich mehrere RAF-Kader in einer konspirativen Wohnung in Frankfurt versammelt hatten, ging einem seine Pistole los. Das Projektil durchschlug den Fußboden und schoss in die darunterliegende Wohnung eines Elektromeisters. Dieser bemerkte den Vorfall erst, als eine ihm unbekannte Frau klingelte und erzählte, ihr sei Wasser in der Wohnung über ihm ausgelaufen. Ob Wasser durchsickere?, fragte sie. Der Elektromeister sah daraufhin das Loch in der Decke, das Projektil im Fußboden stecken und rief die Polizei.

Die nahm gleich auf einen Schlag sechs RAF-Mitglieder fest: Helmut Pohl, Christa Eckes, Stefan Frey, Ingrid Jakobsmeier, Barbara Ernst und Ernst-Volker Staub.

Weil Helmut Pohl schon zur ersten Generation der RAF gezählt hatte und zeitweise zusammen mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin in Stammheim eingesessen hatte, sprachen die Terrorfahnder des Bundeskriminalamts von der "Pohl-Gruppe". In dem Frankfurter Unterschlupf konnten sie zudem 8400 Blatt Dokumente beschlagnahmen: vor allem Strategiepapiere und Ausspähungsunterlagen. In Letzteren fanden sich Hinweise auf spätere RAF-Opfer, zum Beispiel auf Ernst Zimmermann, den Vorstandsvorsitzenden der MTU, oder auf Karl Heinz Beckurts, Mitglied des Vorstands der Siemens AG.

Hydra mit Waffenarsenal

Die RAF schien wieder einmal am Ende. Doch sollte sich bald auf ein Neues zeigen, dass der Terrorgruppe einer Hydra gleich immer neue Köpfe nachwuchsen. Haule, Hogefeld, Grams und vielleicht weitere, bis heue nicht identifizierte RAF-Mitglieder machten weiter.

Vier Monate nach den Verhaftungen in Frankfurt überfielen RAF-Mitglieder ein Waffengeschäft in Maxdorf bei Ludwigshafen und erbeuteten unter anderem 22 Pistolen und 2800 Schuss Munition. Das Waffenarsenal war wieder gut gefüllt.



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Seite 1
C.Jung 28.03.2007
1. KEINE Plattform zur Selbstdarstellung geben.
Jedenfalls sollte Leuten, die keinerlei selbstkritisches Verhältnis haben zu ihren Morden und dem Leid, das sie anderen zugefügt haben, KEINERLEI Plattform zur Selbstdarstellung und -rechtfertigung gegeben werden!
charcharinus, 28.03.2007
2. Fahndungseinstellung?
Zitat von sysopNach der Freilassung von Brigitte Mohnhaupt wurden sogleich Befürchtungen einer steilen "Medienkarriere" der Ex-Terroristin laut. Ist eine Resozialisierung mit so viel Öffentlichkeit überhaupt möglich? Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?
Da wird diskutiert, ob die Fahndung der bisher noch nicht festgenommenen RAF-Mitglieder der 3. Generation, die vor noch nicht einmal 8 Jahren ihren letzten Überfall begangen haben, eingestellt werden soll! Und jetzt die Resozialisierung der RAF oder deren Mitglieder der 1. und 2. Generation? Das beißt sich doch! Da wird mit zweierlei Recht Maß genommen. Die normalen Mitbürger, die, warum auch immer, einen Menschen totgeschlagen haben, werden zu lebenslänglich verurteilt und je nach dem, ob feminin oder maskulin, früher oder später wieder rausgelassenö Die RAF, also die gegen den Staat und die Kapitalisten und die Kapitalistenknechte (eigentlich jeder Normalo, der Geld verdienen muß um etwas zu knabbern zu haben) gemordet haben; da wird die Abgeltungsdauer für einen Mord mal schnell auf 3 Jahre verkürzt. Ich weiß nicht, irgendwie kommt mir das "spanisch" vor!
Andreas Heil, 28.03.2007
3.
Zitat von sysopNach der Freilassung von Brigitte Mohnhaupt wurden sogleich Befürchtungen einer steilen "Medienkarriere" der Ex-Terroristin laut. Ist eine Resozialisierung mit so viel Öffentlichkeit überhaupt möglich? Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?
Felix Ensslin hat in einem großartigen Artikel in der ZEIT Überlegungen angestellt, die übliche Geplänkel hinausgehen: ... Es ist die Geschichte einer Wiederkehr des Politischen – in der gespenstischen Anwesenheit einer anderen Welt ... ... Nicht Straftaten machen den Terroristen zum Terroristen – und zum Gegenstand rechtsstaatlicher Maßnahmen –, sondern Gedanken, die zur bestehenden Ordnung eine Alternative erträumen ... ... Denn es ist ein Grundgedanke des Konservatismus, dass die Unfähigkeit, die Realität zu akzeptieren, der Anfang allen Übels ist und in letzter Konsequenz also auch der Nährboden für Terrorismus ... ... Vielleicht erklärt das die Aufregung der vergangenen Monate: Unter all den Hülsen und populistischen Einlassungen ist ein Bewusstsein vorhanden, dass es sich bei der Debatte um die Begnadigung eines Terroristen um eine traumatische Wiederkehr des Politischen selbst handelt. Der Akt der Gnade, so er vollzogen würde, verwiese in sich selbst schon darauf, dass die Welt, so wie sie ist, nicht die einzig denkbare – vielleicht sogar nicht die wirklich wünschenswerte – ist. Die doppelte Verdrängung (http://www.zeit.de/2007/13/RAF-Staatsverstaendnis)
LucasF, 28.03.2007
4.
"Wie soll mit den ehemaligen RAF-Mitgliedern umgegangen werden?" Mit äußerster Härte. Wenn man bedenkt, wie die Betroffenen leiden, geht es den ehemaligen Mitgliedern dieser Organisation viel zu gut.
kräuterhexe, 28.03.2007
5. Warum nicht?
Man sollte sie in der Alten-oder Behindertenbetreung oder Strassenkinderbetreuung etc. arbeiten lassen.....Dann können die mir was erzählen über ihre komischen Ansichten über ihren komischen Klassenkampf.an könnte sie nützlich machen.....
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