Heute vor 60 Jahren Ratternde Maschinengewehre

Obwohl Berlin kapituliert hat, beschwört das Oberkommando der Wehrmacht immer noch den Endkampf gegen die bolschewistische Gefahr. Als Hitlers Nachfolger ist Großadmiral Dönitz der neue erste Mann in einem Staat, der nur noch auf Karten zu finden ist. Deutsche wie der Berliner Max B. beginnen, an die Nachkriegszeit zu denken.

Von Roman Heflik


Donnerstag, 3. Mai 1945. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

+++In der Reichshauptstadt setzen Reste der tapferen Besatzung in einzelnen Häuserblocks und im Regierungsviertel ihren heroischen Widerstand gegen die Bolschewisten immer noch fort. [...] Ergänzend zum Wehrmachtbericht erfahren wir von militärischer Seite: In der Reichshauptstadt brachten die Sowjets am Mittwoch noch einmal die ganze Fülle ihres Kriegsmaterials zur Anwendung, um den Widerstand der fanatisch kämpfenden Besatzung zu zerbrechen.

Fortgesetzt rollen die Salven der Geschütze und Werfer; ununterbrochen gingen Bomben nieder, und pausenlos ratterten die Maschinengewehre. Durch die zusammenstürzenden Häuser der Altstadt schoben sich die feindlichen Panzer und Sturmbataillone schrittweise vorwärts. Hochgehende Sprengungen zerrissen Bunker und Untergrundbahnschächte. Ihre Trümmer begruben Verteidiger und Angreifer. Im Regierungsviertel erfüllten die Helden von Berlin mit letzter Kraft das Vermächtnis des Führers. Die zahlreichen, auf sich selbst gestellten Widerstandsnester machen dem Feind immer noch schwer zu schaffen.

Südwestlich und westlich von Berlin kämpfen sich unsere Truppen nach Aufnahme der aus der feindlichen Umklammerung ausgebrochenen 9. Armee nach Nordwesten zurück. Sie schlugen schwere Flankenangriffe ab und hielten den Verbindungskorridor durch zähen Widerstand bei Brandenburg und Rathenow offen.+++

Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht (Bd. VIII), 1944-1945, Bernard & Graefe Verlag, Bonn


Großadmiral Dönitz: Verhandlungen mit den westlichen Alliierten
AP

Großadmiral Dönitz: Verhandlungen mit den westlichen Alliierten

Überall bröckeln die Fronten: Das XII. britische Korps marschiert in Hamburg ein, Innsbruck wird von den Amerikanern befreit. Großadmiral Dönitz, der von Hitler testamentarisch zu seinem Nachfolger bestimmt worden ist, nimmt von Flensburg aus erste Verhandlungen mit den westlichen Alliierten auf. Er hofft darauf, dass sich Amerikaner und Briten vielleicht doch noch mit den Deutschen verbünden, um gemeinsam gegen den vermeintlich gemeinsamen bolschewistischen Feind vorzugehen.

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Vom angeblichen Endkampf im Berliner Stadtkern, von dem das Oberkommando der Wehrmacht wissen will, kriegt der Berliner Max B. nichts mit. Zum ersten Mal seit Jahren hat er Zeit, über die Zeit nach dem Krieg nachzudenken. Der Gedanke an Frieden ist für ihn noch gewöhnungsbedürftig:

"Auch heute ist es morgens ruhig geblieben - kein Schuß, kein Flieger, keine Bomben, - ein paar einzelne Gewehrschüsse, wie sie dann und wann von Posten oder beim Gewehrreinigen mal abgegeben werden ist alles. Erst noch im Munterwerden dies überlegend - kommt einem nochmals zum Bewußtsein, - wie unfaßbar das alles zu sein scheint. Man steht ja noch so dicht an den großen Ereignissen der letzten Tage, da der Wandel zum Besseren, die Umstellung auf den Zustand des Friedens fast schwierig erscheint.

Wie? - Man soll nicht mehr in den Luftschutzkeller müssen, den man bislang fast Abend für Abend aufsuchte, nicht mehr all die 1000 Belästigungen, Unzuträglichkeiten, alle die schweren Gefährdungen des Lebens selbst, das ständige Bangen vor allzunahen Bombentreffern, vor Ausbombung und Verlust seiner letzten Habseligkeiten auf sich nehmen brauchen - und wieder ruhig schlafen können? - Einfach kaum zu glauben! - Aber dennoch, - es ist soweit! Das grausame Spiel ist aus, von nun an beginnen die Tage des Aufbaues!"

Aus Hirschfeld und Renz: "Vormittags die ersten Amerikaner", Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2005

SPIEGEL ONLINE veröffentlicht die Auszüge mit freundlicher Genehmigung des Bernard & Graefe Verlags, des Klett-Cotta Verlags, Gerhard Hirschfelds und Irina Renz.

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