Hitler-Dossier entdeckt "Ein paar Mädels für den Berghof"
Mehrere Jahre lang wurden Otto Günsche und Heinz Linge verhört: Meistens kamen die Vernehmungsoffiziere des sowjetischen Geheimdienstes NKWD nachts, wenn ihre Gefangenen besonders müde waren. Manchmal schlugen sie die beiden Deutschen, manchmal drohten sie ihnen nur. Sie wollten alles über den Mann wissen, der 1941 ihr Land angegriffen hatte: Denn Günsche war der persönliche Adjutant Adolf Hitlers, Linge der Kammerdiener des Diktators.
Auf 413 eng beschriebenen Schreibmaschinenseiten notierten die Geheimdienstoffiziere akribisch alles, was ihnen die beiden Hitler-Vertrauten verrieten - über Hitlers Beziehung zu Eva Braun, seine Lästereien über Hermann Göring, seinen Wutanfall nach der Flucht seines Stellvertreters Rudolf Hess. Der sowjetische Staatschef Josef Stalin wollte so viel wie möglich über den Mann wissen, der Tod und Vernichtung über sein Land gebracht hatte - und sei es noch so banal.
"Als Hitler die Stimme seiner Geliebten vernimmt, eilt er ihr freudig entgegen", zitiert die "Bild"-Zeitung vorab aus dem Dokument. "Hitler führt sie in sein Arbeitszimmer, wo heiße Schokolade und Tee, Cognac, Pralinen, Obst und gekühlter Champagner bereitstehen. Stundenlang gehen beide im Zimmer auf und ab." Zu einer Liebesnacht kommt es jedoch nicht: Hitler lese wie üblich die Abendzeitung, während Eva die Pralinen nasche. "Erst nach Mitternacht zieht sich Hitler in sein Schlafzimmer zurück. Eva begibt sich in das für sie vorbereitete Zimmer", heißt es im Bericht weiter.
"Das interessante an diesem Dossier ist, dass Linge und Günsche auch von Ereignissen berichten, von denen es keine offiziellen Protokolle gibt", sagt Henrik Eberle gegenüber SPIEGEL ONLINE. Zusammen mit dem Historiker Matthias Uhl vom Institut für Zeitgeschichte hat Eberle das Dossier übersetzen lassen und ausgewertet. Gestern wurde ihr Werk mit dem Titel "Das Buch Hitler" der Öffentlichkeit vorgestellt.
Durch Zufall war Uhl bei Recherchen im Moskauer Archiv des Zentralkomitees auf die Aufzeichnungen - die in Auszügen auch dem SPIEGEL bereits vorlagen - gestoßen. "Es ist nicht auszuschließen, dass die Aussagen Günsches und Linges auch unter Anwendung von Folter gemacht wurden", berichtet Historiker Uhl. "Aber der Großteil der ausgesagten Fakten hat sich als richtig erwiesen." Nur manchmal hätten sich die beiden Verhörten geirrt, beispielsweise wenn es um ein exaktes Datum gegangen sei. Daher seien sie von der Authentizität des Berichts überzeugt, versichern Eberle und Uhl.
Das gefundene Dossier enthält nach Angaben der Autoren nicht nur interessante Details zu Hitlers Alltag, sondern auch historisch bedeutsames Material beispielsweise zu dem England-Flug von Hitlers erstem Stellvertreter Rudolf Heß. Im Mai 1941 war Heß mit einem Jagdflugzeug nach England geflogen und dort mit dem Fallschirm abgesprungen - angeblich, um mit Großbritannien Friedensverhandlungen zu führen. Historiker diskutierten lange darüber, ob diese Aktion mit Hitlers Wissen und Billigung stattgefunden habe.
"Die Unterlagen belegen, dass der Heß-Flug mit Hitler nicht abgestimmt war", berichtet jetzt Eberle gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Hitler war in keiner Weise auf diese Nachricht vorbereitet", glaubt der Autor. "Linge klopfte an die Schlafzimmertür", zitiert die "Bild"-Zeitung aus dem Buch. "Man hörte, wie Hitler mit verschlafener Stimme fragte: 'Was ist denn los?'" Einige Minuten später sei Hitler unrasiert erschienen. Als der Diktator von Heß' Flug erfahren habe, sei er völlig außer sich gewesen.
Wie Historiker Uhl erklärt, hätten Günsche und Linge ursprünglich nur zu den Todesumständen Hitlers befragt werden sollen. Dann habe sich das Interesse des sowjetischen Geheimdienstes aber immer weiter ausgedehnt, bis schließlich ein Bild von Hitlers gesamter Regierungszeit entstanden sei.
Eva Braun beispielsweise entpuppt sich in den Aufzeichnungen als eine äußerst anspruchsvolle Geliebte, der Hitler jeden noch so extravaganten Wunsch erfüllt.
So habe sich Braun damals darüber beschwert, dass es wegen der totalen Mobilmachung kaum neues Personal für Hitlers Berghof gebe, berichtet die "Bild". Hitler habe seinen Stellvertreter Bormann daraufhin zornig angeherrscht: "Ich stampfe ganze Divisionen aus dem Boden. Da müsste es doch ein leichtes sein, ein paar Mädels für meinen Berghof zu beschaffen."