Interview mit Nazi-Ankläger Harris "Hitler war nur ein Name"

Als rechte Hand des US-Chefanklägers sammelte Whitney Harris in Nürnberg Beweise für die Greueltaten der Nazis. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über Speers Intelligenz, Görings letzten Triumph und die erschreckende Normalität des Auschwitz-Kommandanten Höß.


SPIEGEL ONLINE:

Als Sie 1945 Ihre Ermittlungen für die US-Anklagevertretung aufnahmen, verfügten Sie über eine gebrauchte Schreibmaschine, eine deutsche Sekretärin und sehr viel guten Willen. War Ihnen nicht mulmig angesichts der Verantwortung, die eine Anklage der größten NS-Kriegsverbrecher mit sich brachte?

Ankläger Harris: "Streicher war der Unangenehmste"
Washington University in St. Louis

Ankläger Harris: "Streicher war der Unangenehmste"

Harris: Der ganze Prozess war eine riesige Herausforderung. Man hatte mich beauftragt, den Fall Ernst Kaltenbrunner und damit den Mord an Millionen Juden durch SS und Gestapo zu untersuchen. Kaltenbrunner war Nachfolger von Reinhard Heydrich an der Spitze des Reichssicherheitshauptamtes und damit Herr über Zehntausende Angestellte von Gestapo, Kriminalpolizei und Sicherheitsdienst.

SPIEGEL ONLINE: Wie gut waren Sie vor Beginn des Prozesses informiert?

Harris: Ich hatte nicht die geringste Ahnung von dem Ausmaß des Genozids, der in Deutschland stattgefunden hatte. Die Beweislage war zu Beginn der Ermittlungen dürftig.

SPIEGEL ONLINE: Doch dann ist es Ihnen gelungen, mit der Befragung des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß eine der ersten Zeugenaussagen zu präsentieren, die den Holocaust belegten.

Harris: Das war eine dramatische Wendung im Prozess. Wir hatten die Beweisaufnahme eigentlich schon abgeschlossen, als ich hörte, dass die Briten Höß gefangen genommen hatten. Ich beantragte seine Überstellung nach Nürnberg und bekam die Möglichkeit, ihn drei Tage lang zu befragen. Höß erklärte mir, dass der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler, ihm 1941 persönlich befohlen habe, Auschwitz zu einem Vernichtungslager umzubauen. Höß hatte daraufhin Gaskammern und Krematorien in der neuen Sektion Birkenau bauen lassen. Er gab detailliert Auskunft über die Greueltaten der Nazis und bezifferte die Zahl der getöteten Juden, Roma und Kriegsgefangenen auf etwa 2,5 Millionen - zuzüglich 1,5 Millionen Menschen, die an Hunger, Erschöpfung, Krankheiten oder Misshandlung starben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Höß auf Sie gewirkt?

Harris: Er war überhaupt nicht beeindruckend, hatte nichts von einem monströsen Mörder und schien ein ganz normaler Mensch zu sein. Er sprach ruhig und ohne Scheu. Zwar hat er mir nie freiwillig etwas anvertraut. Meine Fragen hat er aber, soweit ich weiß, wahrheitsgemäß beantwortet. Das Dramatische war, dass wir keinen Weg sahen, wie die durch seine Aussage gewonnenen neuen Erkenntnisse in die Akten gelangen sollten, weil die Beweisaufnahme ja schon abgeschlossen war.

SPIEGEL ONLINE: Welchen Ausweg fanden Sie?

Harris: Kaltenbrunners Anwalt Kurt Kauffmann kam uns zur Hilfe. Er hatte die Verteidigung seines Mandanten auf der Behauptung aufgebaut, Kaltenbrunner sei zum Chef des Reichssicherheitshauptamtes ernannt worden, damit er sich um Geheimdienstfragen und nicht um die Konzentrationslager kümmern sollte. Um seine These zu stützen, hatte der Anwalt erklärt, Kaltenbrunner habe niemals einen Fuß in ein KZ gesetzt. Genau diese Tatsache konnte Höß - zumindest was Auschwitz betraf - bestätigen. Kaufmann rief also Höß als Zeugen auf - und wir konnten den Kommandanten ins Kreuzverhör nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Der Auftritt des Zeugen Höß hat Kaltenbrunner wenig genützt - er wurde zum Tode durch den Strang verurteilt. Glauben Sie, er hat tatsächlich geglaubt, der Todesstrafe durch Leugnen entkommen zu können?

Harris: Nein. Die meisten Angeklagten gaben zu, dass es Kriegsverbrechen und den Holocaust gegeben hat, wiesen dann aber die individuelle Verantwortung von sich. Kaltenbrunner hat nicht daran geglaubt, dass er verschont würde. Er hat auch als einziger nach dem Todesurteil keine Revision beantragt.

SPIEGEL ONLINE: Welche der Angeklagten hat den nachhaltigsten Eindruck auf Sie gemacht?

Harris: Der Judenhetzer und "Stürmer"-Herausgeber Julius Streicher war sicherlich der Unangenehmste von allen. Den haben wirklich alle verachtet - seine eigenen Leute eingeschlossen. Hitlers Architekt und Rüstungsminister Albert Speer hingegen hat einen sehr anständigen Eindruck gemacht, weil er nicht versucht hat, sich herauszureden. Speer hat den Prozess sehr aufmerksam verfolgt, war kooperativ und reumütig. Vermutlich ist er auch aufgrund seiner Intelligenz der Todesstrafe entgangen.

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SPIEGEL ONLINE: War der Prozess fair?

Harris: Zweifellos. Ich glaube, es ist uns gelungen, von den Vorteilen der verschiedenen Rechtssysteme zu profitieren. Die Kernfrage war ja nicht, ob Deutschland Kriegsverbrechen begangen hat - das war eine Tatsache. Uns interessierte: War der betreffende Angeklagte an den NS-Verbrechen beteiligt? In welchem Maß war er verantwortlich für seine Taten? Um dies wahrheitsgemäß und fundiert beantworten zu können, haben wir Tausende von Dokumenten gesichtet.

SPIEGEL ONLINE: War die Vorbereitung des Prozesses so chaotisch, wie es einige Beobachter beschrieben haben?

Harris: Chaotisch würde ich nicht sagen. Natürlich hatten wir Probleme, weil wir mit dieser Form eines internationalen Militärgerichtshofes Neuland betraten. Die Alliierten konferierten ja im Sommer 1945 in London, um festzulegen, wie das Tribunal überhaupt zusammengestellt sein sollte, was die Anklagepunkte sein würden und wo man verhandeln würde.

SPIEGEL ONLINE: Haben die ideologischen Unterschiede und Rivalitäten zwischen den beteiligten Nationen dem Prozess geschadet?

Harris: In manchen Fällen waren die Verhandlungen unter den Alliierten schwierig. Ich bin aber überzeugt, dass die Auseinandersetzungen keinen negativen Einfluss auf das Verfahren hatten. Im Gegenteil: In einigen Fällen hat gerade die Diskussion unter den Anklagevertretern Fehler in der Prozessführung vermieden.

SPIEGEL ONLINE: Ihr damaliger Vorgesetzter, der US-Chefankläger Robert Jackson, gilt als geistiger Vater und Lenker der Nürnberger Prozesse. Welche Rolle hat er gespielt?

Harris: Fast alle waren der Meinung, dass Jackson der eigentliche Führer der Anklagevertretung war. Bereits in seiner Eröffnungsrede setzte er Akzente und gab den Ton für das gesamte Verfahren vor. Es war Jackson, der entschieden hat, den Prozess auf der Grundlage von Dokumenten und Urkunden zu führen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war die Stimmung am Tag der Exekution der Verurteilten?

Harris: Extrem angespannt. Das Medienaufgebot war riesig. Als dann auch noch bekannt wurde, dass Hermann Göring in seiner Zelle mit Zyankali Selbstmord begangen hatte, waren die Reporter gar nicht mehr zu halten.

SPIEGEL ONLINE: War der Suizid Görings letzter Triumph über das internationale Tribunal?

Harris: Nun, er ist in letzter Minute dem Tod durch den Strang entkommen und hat damit seine Henker getäuscht. Vermutlich wollte er damit ein letztes Mal seine Verachtung für die Alliierten ausdrücken.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Erfahrung in Nürnberg verarbeitet?

Harris: Ich habe ein Buch darüber geschrieben und bin dann als Jura-Professor zurück in die Vereinigten Staaten gegangen. Damals sagte ich mir: Ich werde diese Zeit meines Lebens ad acta legen. Ich werde nicht mehr darüber nachdenken, reden oder schreiben. Ich konnte einfach nicht mehr mit der Erinnerung leben. Es hat mehr als 20 Jahre gedauert, bis ich dazu wieder bereit war - und auch heute noch bewegt mich diese schreckliche Erfahrung der Menschheit tief. All diese grauenvollen Verbrechen sind ja kein ausschließlich deutsches Phänomen.

SPIEGEL ONLINE: Sondern?

Harris: Ich bin absolut davon überzeugt: Adolf Hitler war nur ein Name, der für den totalen und weltweiten Zusammenbruch der Moral im 20. Jahrhundert stand. Der begann 1914 mit dem Ersten Weltkrieg, als jeder jeden tötete und es keine moralischen Standards mehr gab. Rache war an der Tagesordnung, jede Entschuldigung recht. Und später? Was haben die Kommunisten in Russland getan? Die Japaner in China?

SPIEGEL ONLINE: Und heute?

Harris: Dieselben Probleme. Sehen Sie sich den Terrorismus an - kein Mensch weiß, wo das noch enden wird. Wenn wir eine Zukunft für unsere Kinder wollen, wenn wir überleben wollen, dann sollten wir dringend unsere politisch-moralische Einstellung überprüfen.

SPIEGEL ONLINE: In welcher Hinsicht?

Harris: Wir dürfen keine weiteren Kriege in dieser Welt tolerieren. Kriege sind nicht nur verheerend für die betroffenen Gesellschaften, sondern fatal für die gesamte Menschheit.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ein ironischer Lauf der Geschichte, dass ausgerechnet die USA sich bisher beharrlich weigern, das Rom-Statut des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag zu ratifizieren?

Harris: Ich bin ein großer Befürworter des internationalen Strafgerichtshofes und finde es nicht in Ordnung, dass die Vereinigten Staaten das Statut noch immer nicht ratifiziert haben. Die USA haben allerdings auch über 40 Jahre gebraucht, um die Uno-Konvention gegen den Völkermord zu unterzeichnen. Was gibt es bei der Verurteilung eines Genozids lange zu überlegen? Ich befürchte daher, dass wir auf die Ratifizierung des römischen Statuts noch warten müssen.

Das Interview führte Annette Langer



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