Interview mit Wolfgang Leonhard "Man stellte keine Fragen in Stalins Sowjetunion"

Schriftsteller Wolfgang Leonhard war Schüler der sowjetischen Kaderschmiede Komintern. Dort lernte er, wie man Dokumente fälscht und heimlich Grenzen überschreitet. Das Kriegsende erlebte der Deutsche in Moskau. "Wir waren national, so national, wie man es heute in Deutschland kaum noch sein kann", sagte er im Interview.


Das Interview führten SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust und "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einen Auszug des Gesprächs, das Teil der DVD-Dokumentation "Hundert Jahre Deutschland" ist.

Wolfgang Leonhard mit Frank Schirrmacher und Stefan Aust: "Ulbricht hatte kein Interesse für Bücher, für Literatur, für Gemälde, für Musik, nichts"
Uta Rademacher

Wolfgang Leonhard mit Frank Schirrmacher und Stefan Aust: "Ulbricht hatte kein Interesse für Bücher, für Literatur, für Gemälde, für Musik, nichts"

Wie sind Sie denn überhaupt nach Moskau gekommen? Wie sind Sie in die "Gruppe Ulbricht" geraten?

Wolfgang Leonhard:

Ich bin der Sohn einer kommunistischen Schriftstellerin, Susanne Leonhard, die mit Rosa Luxemburg, vor allem aber mit Karl Liebknecht eng befreundet war, aktives KP-Mitglied, bis sie 1925 aus der Partei austrat, wobei sie aber eine "Nichtparteikommunistin" blieb. Ich wurde 1931 als Zehnjähriger Mitglied der Jungen Pioniere, bekam das Halstuch, "seid bereit, immer bereit", sang die kommunistischen Lieder und machte Wahlpropaganda für die KPD, mit so einer besonderen Kreide, die man nicht abwaschen konnte. Ich wurde 1933 sofort aus Deutschland weggeschickt, nach Stockholm in ein Landschulheim. Meine Mutter blieb, um ihrer antifaschistischen Tätigkeit nachzugehen, in Deutschland. 1935 besuchte sie mich, und während der Zeit flog ihre Gruppe auf. Sie konnte nicht mehr zurück, in Schweden konnten wir leider nur noch sechs Wochen bleiben, und da fragte sie mich: "Du bist doch ein großer Junge. Wir können nach Manchester gehen oder nach Moskau?" Ich habe geantwortet: "Blöde Frage, natürlich Moskau."

Mitte der vierziger Jahre sind Sie als Nachwuchskader geschult worden, um später nach Kriegsende nach Deutschland geschickt zu werden, oder was war die Perspektive?

Leonhard: Die Kominternschule sollte von 1942 bis 1943 rechtzeitig Funktionäre ausbilden, die nach dem Zusammenbruch des Faschismus in den Ländern tätig zu sein hätten. Darum gab es eine deutsche Sektion, eine österreichische, eigentümlicherweise auch eine Sudetendeutsche. Dann Spanier, Italiener, Franzosen und manch andere. Das war Politikwissenschaft in etwas praktischer Art: Wie fälscht man Dokumente, wie überschreitet man Grenzen, wie verhält man sich in der illegalen Arbeit, wie stellt man Flugblätter unter illegalen Bedingungen her? Solche Dinge, die im allgemeinen an westlichen Universitäten nicht zum Bereich Politikwissenschaft gehören.

Sie sind dann in die "Gruppe Ulbricht" gekommen. Wie sind Sie in die Gruppe gekommen?

Leonhard: Ja, das möchte ich auch wissen. Ich beendete im Sommer 1943 die Kominternschule wie alle anderen auch. Die Komintern wurde ja aufgelöst. Dann kamen wir nach Moskau und wurden aufgeteilt. Man bewirbt sich nicht in der Sowjetunion Stalins, man wird aufgeteilt und stellt niemals eine Frage. Bei mir hieß es: "Du gehst in das Institut Nummer 99." Das, stellte sich heraus, war die Moskauer Außenstelle des Nationalkomitees Freies Deutschland. Da meldete ich mich bei Rudolf Herrnstadt. Ich war da so ein besserer Laufjunge oder beginnender Texter der Wochenzeitung "Freies Deutschland" unter Herrnstadt. Die erste journalistische Tätigkeit, die mir aufgegeben wurde, war, jede Woche die Bombardierungen zusammenzustellen. Plötzlich, ohne daß ich wußte, warum, nahm Anton Ackermann mich mit und sagte: "Du bist jetzt Rundfunksprecher des Senders Freies Deutschland." Wir waren gegen Hitler und das NS-System - aber das Wort Sozialismus kam nicht vor, Marx und Engels kamen nicht vor, Ernst Thälmann kam nicht vor, Kommunisten gab es überhaupt nicht, Sozialdemokraten auch nicht, sondern wir waren national, so national, wie man es heute in Deutschland kaum noch sein kann. So erlebte ich das letzte Kriegsjahr in Moskau.

Was haben Sie in Moskau mitbekommen von den Greueln, die sich unter der Herrschaft des Dritten Reiches abspielten, von Konzentrationslagern und von Massenvernichtung?

Leonhard: 1942 und 1943 bekamen wir ziemlich genau mit, was es mit den grauenvollen Konzentrationslagern auf sich hatte, nur etwas verschoben: Die Vernichtung der Juden wurde fast nie erwähnt. Man sprach von der Vernichtung der Slawen, vom antislawischen Terror gegen die Völker, und alle progressiven Kräfte, hieß es, würden besonders verfolgt.

Was war Ulbricht für ein Mensch? Wenn er hier mit uns am Tisch säße, wie würden wir ihn erleben? Wie würde man diesen Mann beschreiben?

Leonhard: Positiv: sehr fleißig, ein genaues Gedächtnis, interessiert sich für Personalfragen - Lieblingsausdruck: "Den nehmen, den stecken wir" -, Organisationsfragen, eine gewisse Bauernschläue. Er sieht sich die "Prawda" an und sagt: "Aha, der Kreml will das und das." Also: taktisch, organisatorisch - für alle anderen Sachen kein Interesse. Kein Interesse für Bücher, für Literatur, für Gemälde, für Musik, nichts. Ich denke um Gottes willen nicht, daß jeder für alles Interesse haben sollte, aber vielleicht doch ein Schnippelchen von irgend etwas.




"Hundert Jahre Deutschland": Ein historischer Anlass, ein außergewöhnliches Projekt: Anlässlich des bevorstehenden 60. Jahrestages des Kriegsendes veröffentlichen die "FAZ" und SPIEGEL TV eine DVD-Dokumentationsreihe zu "Hundert Jahre Deutschland". Weitere Informationen zu der DVD-Serie finden Sie hier



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