Massengrab im Sauerland Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Sechs Jahrzehnte lang hat ein Dorf im Sauerland neben einem Massengrab aus der Nazi-Zeit gelebt und darüber geschwiegen. Jetzt, nachdem der Fall enthüllt wurde, kommen plötzlich die Erinnerungen wieder - womöglich zu spät, um alles wirklich aufzuklären.
Von Andrea Brandt

Wenn der Bagger kommt und die ersten Knochen freilegt, "dann fangen die Leute hier endlich an zu reden". So hatte der kräftige Mann mit dem festen Händedruck kalkuliert. Es sieht aus, als würde er Recht behalten.

Der Mann ist Hans-Bernd Besa-von Werden, 46, Dezernent bei der Bezirksregierung in Arnsberg. Und wäre er nicht so ein hartnäckiger Mensch, dann würden auf dem katholischen Friedhof hinter der gelbgetünchten Pfarrkirche im sauerländischen Menden, Ortsteil Barge, höchstens ein paar Kinder nach Kastanien suchen. Doch nun haben dort Spezialisten in weißen Schutzanzügen ein Skelett nach dem anderen ausgegraben. Funde aus einem alten Massengrab. "Keiner hier wollte der erste sein, der den Mund aufmacht", sagt Besa-von Werden, "aber jetzt wird die Wahrheit Stück für Stück herauskommen."

Eineinhalb Wochen nach Beginn der vielleicht letzten großen Aufklärungsaktion von Nazi-Verbrechen in Deutschland sind die Überreste von 56 Menschen freigelegt, und die Suche soll weitergehen. Täglich pilgern Einheimische an die Grabungsstätte. Viele erzählen, was sie wissen, ahnen oder gehört haben. Es ist, als seien mit einem Mal Schleusen der Erinnerung geöffnet worden.

Auch der Bürgermeister wusste schon länger davon

Mehr als 60 Jahre lang hatten die Leute in dem 200-Einwohner-Dorf beharrlich geschwiegen: Zeitzeugen mieden die Öffentlichkeit, Dokumente in Archiven wurden nicht ausgewertet - aus Unbehagen, Scham oder weil sich keiner so recht zuständig fühlte.

Jetzt werden die Ermittler der Dortmunder Staatsanwaltschaft mit Aussagen und Materialien fast überschüttet. Täglich erhält Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß neue Puzzleteile, die später einmal ein Gesamtbild des Grauens ergeben werden.

Bisher scheint so viel klar: Mindestens 22 der gefundenen Kinder und zwei der Erwachsenen sollen Opfer des Nazi-Regimes sein. Sie sind verscharrt worden, oft nur 80 Zentimeter tief. Drei wiesen Anzeichen von Behinderungen auf. Der Verdacht der Ermittler: Die meisten der Kinder könnten im Rahmen des Euthanasie-Programms umgebracht worden sein. Bei weiteren Toten wird Hinweisen nachgegangen, dass es sich um Überschwemmungsopfer aus dem Jahr 1943 handeln könnte. Damals brachen im Sauerland nach alliierten Bombenangriffen Staudämme - eine Katastrophe, die das Nazi-Regime geheim halten wollte.

Rudolf Düppe (CDU), Bürgermeister von Menden, findet es "völlig schleierhaft", wieso erst jetzt Nachforschungen in Gang kommen. Dabei hätte auch er vielleicht mehr tun können. Vom Massengrab, gibt der 59-Jährige zu, habe er vor längerer Zeit erfahren. Das lässt sich kaum vermeiden - erinnert doch seit drei Jahren eine Gedenktafel an die "hier namenlos Bestatteten", aufgestellt auf Initiative des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, der wenigstens die Gerüchtelage dokumentieren wollte.

"Zuerst viel Weihwasser sprengen"

Andere hätten vielleicht aus "diffusen Ängsten" geschwiegen, sagt Düppe. Er selbst habe sich schlicht "keine Gedanken gemacht", wer da liege: "Ich glaubte, die Kirche hätte das geklärt." Doch keiner der Pastoren, die in der katholischen Gemeinde tätig waren, mochte sich um die Gerüchte über ein Massengrab kümmern - und auch darum, wo die Leichen hergekommen sein sollen. Bis zu 200 Tote, heißt es in der nicht verifizierten Inschrift der Gedenkplatte, seien gegen Kriegsende aus dem nahe gelegenen Krankenhaus Wimbern herangekarrt worden.

Das Hospital wurde 1943 im Zuge der nach Adolf Hitlers Begleitarzt Karl Brandt benannten "Aktion Brandt" als sogenanntes Ausweichkrankenhaus zur Evakuierung von Patienten gebaut. Bei der "Aktion Brandt" sollen aber auch Kranke und Behinderte getötet worden sein - als verdecktes Euthanasie-Programm. Die Staatsanwaltschaft wertet nun Todesmitteilungen des Krankenhauses an das Standesamt aus. Sie sollen Stempel mit der Aufschrift "Aktion Brandt" tragen.

Den Bürgern im Ort war das Nazi-Krankenhaus offenbar höchst suspekt. In einem Buch der Steyler Missionsschwestern, die das Haus 1950 übernahmen, berichten Chronisten von dem Rat des damaligen Wimberner Bürgermeisters Josef Sartorius, beim Einzug "zuerst viel Weihwasser zu sprengen", um "alle Teufel von dort auszutreiben". Sohn Wolfgang Sartorius, 85, sagt heute: "Jeder im Ort hat geahnt, dass die Nazis im Krankenhaus Verbrechen verübt haben - mein Vater auch."

Ob noch alle Opfer und Täter zu ermitteln sind, ist ungewiss

Wer mehr erfahren wollte, stieß in Barge lange auf kollektives Schweigen. Besa-von Werden, der 2003 vom angeblichen Massengrab gehört hatte, entlockte einer Zeitzeugin Details. Als er die Aussage aufschreiben wollte, klagt er, "konnte sie sich plötzlich an nichts erinnern". Der Jurist ließ nicht locker. Und bestellte schließlich den Bagger. "Wenn ihr alle nichts sagt", will er intern gedroht haben, "grabe ich den ganzen Friedhof um."

Das scheint nun nicht mehr nötig. Mehrere Zeitzeugen, sagt Oberstaatsanwalt Maaß, hätten sich seit Beginn der Grabungen gemeldet. So erinnerte sich die ehrenamtliche Friedhofsverwalterin plötzlich an einen alten Plan und fand ihn prompt in den Unterlagen ihres Vorgängers. "Kindergräber der Sonderanlage" waren auf der undatierten Papierrolle verzeichnet. Genau an der Stelle, wo jetzt die Überreste gefunden wurden. Heinz Österberg, 73, der gegen Kriegsende Messdiener in Barge war, berichtete, dass Tote aus dem Krankenhaus hergebracht und ohne Priester in Großgräbern bestattet worden seien.

Ob nach 60 Jahren noch alle Opfer und vor allem die Täter ermittelt werden können, ist mehr als ungewiss. Aber zumindest eines wollen Stadt und Kirche nun erreichen, kündigt Bürgermeister Düppe an: "Wir werden die Koalition des Schweigens durchbrechen."

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