Mythos Maikrawalle "Ich war der Feuerteufel"

Der brennende Supermarkt "Bolle" wurde zum Sinnbild für die sinnlose Randale der Autonomen in Berlin. Erst Jahre später kam heraus, dass ein Feuerteufel den Brand gelegt hatte. Die "taz" sprach mit dem Täter Armin S. über den 1. Mai 1987 und seine eigene unglaubliche Geschichte.


Frage: Herr S., Sie sind Raucher. Womit zünden Sie sich Ihre Zigaretten an?

Armin S.: Mit meinem Feuerzeug. Streichhölzer darf ich nicht anfassen. Daran halte ich mich.

Frage: Was ist an Streichhölzern so gefährlich?

Armin S.: Man kann das Magnesium abreiben und zum Feuerlegen benutzen.

Frage: Wissen Sie noch, was Sie am Abend des 1. Mai 1987 gemacht haben?

Armin S.: Das weiß ich noch ziemlich genau. Ich bin am U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof zufällig in eine Demonstration geraten. Ich war kein politischer Mensch. Der Schwarze Block fing an, Randale zu machen. Die Polizei hatte sich zurückgezogen. Steine flogen, Autos brannten, der Supermarkt Bolle wurde geplündert. Dann haben einige Leute Molotow-Cocktails in den Laden geschmissen. Ich habe mir gedacht: So funktioniert das nicht. Das verursacht doch keinen großen Schaden. Ich werde denen mal zeigen, wie man es richtig macht. Dann habe ich meine Fläschchen aus dem Rucksack geholt, sie in den Laden geworfen und gerufen: Vorsicht, das brennt gleich ohne Lunte.

Frage: Was hatten Sie für ein Brandmittel?

Armin S.: Ich hatte ein eigenes Mittel. Ich hatte ein bisschen herumexperimentiert.

Frage: Bolle ist vollkommen ausgebrannt. Jahrelang hieß es, die Autonomen seien es gewesen. Hat Sie das geärgert?

Armin S.: Eigentlich nicht. Ich fand es interessant, was für ein Mythos da aufgebaut worden ist.

Frage: Für Sie war Bolle nur eine Tat von vielen. Wohnhäuser und Bauernhöfe, die Batteriefabrik Sonnenschein, das Blockhaus Nikolskoe, das Reetdach des U-Bahnhofs Dahlem Dorf - wie viele Brände gehen auf Ihr Konto?

Armin S.: Europaweit 750, davon ungefähr 350 in Berlin und Süddeutschland.

Frage: Der Gesamtschaden wird auf mehr als 50 Millionen Euro geschätzt. Drei Menschen verloren im Feuer ihr Leben.

Armin S.: Das habe ich erst im Nachhinein erfahren. Das hat mich sehr schockiert. Ich habe nicht zu Ende gedacht, was ich da mache, und ich war immer stark alkoholisiert. Ich war der Feuerteufel. Alles andere hat mich damals nicht interessiert.

Frage: Waren Sie stolz auf Ihre Taten?

Armin S.: Damals schon.

Frage: Sogar bei der Feuerwehr haben Sie gezündelt.

Armin S.: Das war in Neukölln. Ich bin bei der Feuerwehr aufs Dach und habe es angesteckt. Danach habe ich angerufen und gesagt: Ihre Feuerwehr brennt. Bei uns brennt es nicht, niemals, haben die geantwortet. Die haben das erst geschnallt, als ein Kollege mit dem Auto ankam. Danach haben sie schnell zu löschen begonnen. Nach den Bränden bin ich immer gleich nach Westdeutschland abgehauen, weil ich nicht geschnappt werden wollte.

Frage: Im Sommer 1990 wurden Sie dann aber doch festgenommen.

Armin S.: Eigentlich wollte ich aus Berlin wegtrampen. Am Kontrollpunkt in Dreilinden habe ich ein BVG-Häuschen angesteckt, einen Taxifahrer am Löschen gehindert und dann auf die Polizei gewartet. Ich brauchte Hilfe. Ich konnte und wollte nicht mehr weitermachen. Ich habe auch daran gedacht, mich umzubringen. Ich habe Feuer gelegt und gewartet, bis mir die Flammen bis zu den Knien standen.

Frage: Bei der Kriminalpolizei haben Sie eine Lebensbeichte abgelegt.

Armin S.: Die Kripo wollte mir zuerst nicht glauben. Für meine Brände waren zum Teil ja andere Leute verurteilt worden, die behauptet hatten, es gewesen zu sein. Erst als ich die Beamten an die Tatorte geführt habe, ist ihnen aufgegangen, wen sie da gefasst hatten. Mit einem Schlag war eine riesige Zahl von Bränden aufgeklärt. Die Urteile der anderen wurden danach aufgehoben.

Frage: Sie selbst sind 1991 verurteilt worden, kamen aber nicht in den Knast.

Armin S.: Das Gericht hat mich aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens nach § 63 für schuldunfähig erklärt und für unbefristete Zeit ins Krankenhaus für Maßregelvollzug in Wittenau eingewiesen.

Frage: In dem Gutachten wurde Ihnen eine chronische Form der Pyromanie bescheinigt. Feuerlegen bereite Ihnen Macht- und Lustgefühle bis hin zum Samenerguss, hieß es. Ursache sei eine chronische Verhaltensstörung.

Armin S.: Genau.

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